Moskaureise 1955

Auf Einladung der sowjetischen Regierung reiste Adenauer vom 8. bis 14. September 1955 nach Moskau. Das Ergebnis der Verhandlungen war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen gegen Freilassung der restlichen rund 10 000 deutschen Kriegsgefangenen bei Wahrung der deutschlandpolitischen Rechtsposition der Bundesregierung. Nicht das Beharren auf unerreichbaren Forderungen nach Fortschritten in der deutschen Frage, sondern Nervenstärke und politisch-taktisch kluges Reagieren brachten Adenauer Erfolg. Der Moskau-Besuch hatte nachhaltige Wirkungen auf Adenauers Bild in der deutschen Öffentlichkeit und auf sein Urteil über die sowjetische Politik.

Sowjetische Einladung
Nach Inkrafttreten der Pariser Verträge lud die sowjetische Regierung am 7. Juni 1955 Adenauer zu Gesprächen nach Moskau ein. Für Adenauer stand die Notwendigkeit, nach Beendigung des Besatzungsstatuts diplomatische Beziehungen zu „Sowjetrussland" aufzunehmen, schon lange vorher außer Frage. Verschiedene Gründe waren dafür ausschlaggebend: Die Sowjetunion war die vierte für Deutschland als Ganzes verantwortliche Macht. Nach Einschätzung der Bundesregierung lag der Schlüssel zur Wiedervereinigung in Moskau. Wollte Bonn jemals ernsthaft über die Wiederherstellung der deutschen Einheit verhandeln, waren direkte Beziehungen unverzichtbar. Bonns Eigen­gewicht gegenüber den Westmächten würde sich zudem verstärken und die Bundesrepublik wäre auf gesamteuropäischem Parkett als politischer Faktor präsent. Bereits 1952 stellte das Auswärtige Amt Überlegungen zur Aufnahme handelspolitischer Beziehungen an und nannte die Freilassung der Kriegsgefangenen eine wesentliche Voraussetzung.

Ungünstiger Zeitpunkt
Der Zeitpunkt der Einladung im Vorfeld der sich abzeichnenden Viermächte-Konferenz kam für Adenauer allerdings äußert ungelegen. Insbesondere der Hinweis, ­die Herstellung diplomatischer Beziehungen werde „zur Lösung des gesamtnationalen Haupt­problems des deutschen Volkes - der Wiederherstellung der Einheit des deutschen demokratischen Staates - beitragen", stürzte die Bundesregierung in ein Dilemma. Niemand vermochte genau einzuschätzen, ob sich mit einem Botschafteraustausch die Möglichkeit zu bilateralen Verhandlungen über die Wiedervereinigung eröffnete, oder ob Moskau mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen letzten Endes nur die Zementierung der Zweistaatlichkeit Deutschlands intendierte. Eine Ablehnung der Einladung kam aus innen- und außenpolitischen Erwägungen nicht infrage. Die Gründe hierfür waren der deutschlandpolitische Koalitionskrach mit Dehler und der FDP, aber auch die in der Öffentlichkeit gehegte Erwartung, es werde über die Wiedervereinigung verhandelt. Zudem sollte das Junktim durchgesetzt werden, dass Sicherheit in Europa nur bei gleichzeitiger Überwindung der Teilung Deutschlands erreichbar sei.

Ausgangspositionen
Während der diplomatischen Vorverhandlungen stellte der sowjetische Botschafter in Paris, Winogradow, klar: Mit der Wiederherstellung der Einheit könnten die Deutschen einstweilen nicht rechnen. Wenn Adenauer diplomatische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen von der Sowjetunion angeboten bekomme, könne er wohl kaum mehr verlangen. Alles andere sei weitgehend unrealistisch. Adenauer verfolgte drei Maximen: nicht an den Westverträgen rütteln lassen, die Wiedervereinigung zur Sprache bringen, keine Aufnahme der Beziehungen ohne Vereinbarung über die Rückkehr der Kriegsgefangenen. Hätte er im Vorfeld zu erkennen gegeben, dass man möglicherweise mit der Freigabe der Kriegsgefangenen einen akzeptablen Preis für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen einhandeln würde, wäre ein Sturm der Entrüstung über ihn hereingebrochen. Der „Deal" war zu erahnen, wenngleich Adenauer natürlich nicht wusste, ob er wirklich gelingen würde. Adenauer war klar: Erfolg stellt sich nur bei entschiedenem und geschlossenen Auftreten ein. Nicht ohne Grund übernahm er über weite Strecken selbst die Verhandlungsführung.

Verhandlungen
Nach vier Verhandlungstagen lag das Minimum eines deutschen Verhandlungserfolgs, eine Vereinbarung über die Kriegsgefangenen, in weiter Ferne. Ob Adenauers einzige Trumpfkarte - die indirekte Drohgebärde, früher als geplant die Heimreise anzutreten - bei den Sowjets wirklich stach, ist bisher nicht bekannt. Er selbst setzte die Behauptung in die Welt, seine Weisung, die Lufthansa-Maschine früher nach Moskau zu beordern, habe die Gegenseite zu einer konzilianten Haltung bewogen. Doch Adenauer konnte es in Wirklichkeit kaum riskieren, die Verhandlungen platzen zu lassen und damit die Ost-West-Entspannungspolitik zu torpedieren. Überdies: Die Sowjets wollten die Kriegs­gefangenen freigeben, dies hatten sie zuvor der SED-Führung signalisiert; fraglich war nur der taktisch günstigste Zeitpunkt. Den hielten Bulganin und Chruschtschow vermutlich an diesem oder dem nächsten Tag für gekommen. Letztlich waren sie von der Prinzipientreue und Standfestigkeit Adenauers - nicht zuletzt in den Diskussionen über die Kriegsursachen - beeindruckt.

Kompromisse
Adenauer hielt an zwei Punkten eisern fest: Ohne Gegenleistungen wollte er der Aufnahme der Beziehungen nicht zustimmen und die deutschlandpolitische Grundposition der Bundesregierung musste gewahrt bleiben. Sein Entschluss entgegen allen Warnungen seiner Berater, der Freilassung der 9626 Kriegsgefangenen auf das sowjetische Ehrenwort zu vertrauen, resultierte aus der situativen Einschätzung, seiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis. In drei Punkten zeigte er sich konzessionsbereit: beim Verzicht auf eine schriftliche Bestätigung des Ehrenwortes, bei seiner Einwil­ligung, die deutschlandpolitischen Vorbehalte nicht in das Schreiben über die Aufnahme der Beziehungen zu inkorporieren und bei seiner Bereitschaft, die Nichtanerkennung des territorialen Besitzstandes, den Friedensvertragsvorbehalt und den unveränderten Alleinvertretungsanspruch nicht im Protokoll, sondern lediglich in einem Brief niederzulegen.

Ergebnisse
Die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen gegen Bulganins mündlich gegebenes Ehrenwort war das Maximum des Erreichbaren und kompensierte Adenauers Misserfolg in der Wiedervereinigungsfrage, ohne diesen spürbar werden zu lassen, da die Aufnahme diplomatischer Beziehungen das Ziel der Wiedervereinigung nicht unmöglich machte.
Trotz Stagnation in der deutschen Frage gelang es ihm, den innenpolitischen Erwartungsdruck zu befriedigen und das Moskauer Verhandlungsergebnis so nachhaltig als einzigartigen Erfolg darzustellen, dass heute noch viele Deutsche die Adenauer-Ära damit identifizieren. Das war ein Meisterstück Adenauerscher Politik.

Literaturhinweise
Altrichter, Helmut (Hg.): Adenauers Moskaubesuch 1955. Eine Reise im internationalen Kontext (2007).
Kilian, Werner: Adenauers Reise nach Moskau (2005).
Ders.: Adenauer und Bruder Klaus. Zur Religiosität Konrad Adenauers, in: HPM 13 (2006), S. 281-292.
Krekel, Michael: Verhandlungen in Moskau. Adenauer, die deutsche Frage und die Rückkehr der Kriegsgefangenen (1996).
Schwarz, Hans-Peter: Eine Reise ins Unbekannte, in: HPM 12 (2005), S. 173-192.
Wettig, Gerhard: Adenauers Moskau-Besuch aus sowjetischer Sicht. Wende der sowjetischen Deutschlandpolitik nach Stalins Tod, in: HPM 12 (2005), S. 193-202.
Ders.: Die Entlassung der Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955 - Folge der Verhandlungen mit Adenauer? Untersuchung auf der Basis neuer Archivdokumente, in: HPM 14 (2007), S. 341-352

Dokumente zur Moskaureise


Hanns Jürgen Küsters