Konrad Adenauer mit Bundespräsident Erich Köhler nach der Wahl zum Bundeskanzler am 15.09.1949. (Quelle: Bundesregierung)

Konrad Adenauer 1951
(Quelle: Paul Bouserath/ KAS-ACDP)

Konrad Adenauer, 1964. (Quelle: Bundesregierung/Unterberg)

Verabschiedung des Bundeskanzlers in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages (Foto: Bundesregierung/ Ludwig Wegmann)

In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland markiert die Ära
Adenauer die Periode der Gründung, den Wiederaufbau, Erlangung
demokratischer Stabilität und Kontinuität außenpolitischen Handelns im Rahmen der westlichen Demokratien. Adenauer prägte aufgrund seiner politischen Überzeugungen mit seinen Grundsatzentscheidungen die
Bundesrepublik Deutschland.

Außenpolitische Weichenstellungen

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der westalliierten Besatzungsherrschaft erfolgten in der beginnenden Ära Adenauer eine Reihe nicht umkehrbarer innen- und außenpolitischer Grundsatzentscheidungen für die Bundesrepublik Deutschland.

Zu den wichtigsten außenpolitischen Entscheidungen zählen:

  • die Regelung der Beziehungen zu den Besatzungsmächten durch vertragliche Vereinbarungen (Pariser Verträge 1954/55)
  • die Einbettung der Bundesrepublik Deutschland in das Verbundsystem westlicher Demokratien im Rahmen der europäischen Einigung in der Montanunion 1951 sowie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft 1957
  • die langfristige Stationierung und Bindung amerikanischer Streitkräfte in der Bundesrepublik als zentrales Sicherheitselement 1955
  • der Aufbau einer modernen Verteidigung in Form der mit atomaren Trägersystemen ausgerüsteten Bundeswehr im Rahmen der NATO ab 1955 und
  • die Versöhnung mit Frankreich und der Abschluss des Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrages 1963
  • die Wiederaufnahme der Beziehungen zum jüdischen Volk und der Abschluss des Wiedergutmachungsabkommens mit Israel (Luxemburger Abkommen 1952).


Innenpolitische Weichenstellungen

In gleicher Weise fielen in der Ära Adenauer zahlreiche innenpolitische Grundsatzentscheidungen, die für den Aufbau und die Stabilisierung der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland prägend gewesen sind:

  • die Schaffung eines pluralistischen Verfassungsstaatesdie
  • die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft
  • die Reduzierung der Parteienvielfalt im deutschen Parteiensystem
  • die Schaffung der CDU als eine überkonfessionelle Partei, die für alle Bevölkerungsschichten wählbar ist
  • die Schaffung neuer Strukturen im Rundfunk- und Pressewesen.

Schwierige Ausgangslage

Angesichts der Teilung Deutschlands und der andauernden Besatzungsherrschaft 1949 war Adenauers vorrangiges Ziel, die Bundesrepublik von diesen Fesseln zu befreien, den allseits verachteten Deutschen wieder internationale Anerkennung zu verschaffen und eine funktionierende Demokratie auf der Grundlage westlicher Werte - Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte - aufzubauen. Daher waren der Demontagestopp und der Beitritt zum Ruhrstatut im Petersberger Abkommen 1949 eine fundamentale Voraussetzung. In mühsamen Verhandlungen mit den drei Westmächten schaffte es Adenauer, vertragliche Vereinbarungen über die Sicherheit und Wiedererlangung souveräner Rechte für die Bundesrepublik Deutschland (Deutschland-Vertrag 1952) zu vereinbaren. Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954 wurde der Deutschland-Vertrag noch geändert und die Bundesrepublik Mitglied der NATO und der neugegründeten Westeuropäischen Union (Pariser Verträge 1954). Die Vereinbarungen traten 1955 in Kraft.

Einzige Option: Westintegration vor Wiedervereinigung

Mit seiner Unterschrift unter den Schuman-Plan, den Deutschland-Vertrag und den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entzündete Adenauer hierzulande einen heftigen Streit über die Vereinbar­keit von Westintegration und Wiedervereinigung. Ihm ging die Option Bewahrung der Freiheit vor der derzeit nicht zu erreichenden Einheit Deutschlands. Denn genau genommen besaßen die Deutschen nie die Wahl zwischen beiden Optionen. In Wirklichkeit lautete die von den Westmächten Adenauer vorgegebene Alternative: Westintegration sofort und Wiedervereinigung unter westlichen Vorzei­chen später. Dass die Teilung der Zentralmacht in Europa keine Lösung auf Dauer sein würde, darüber waren sich Adenauer und die Regierungen in Washington, London und Paris stets einig. Adenauer begegnete dem angeblich unlösbaren Widerspruch mit der politisch richtigen, aber in der Bevölkerung keineswegs populären Be­hauptung, ­die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit komme nur auf dem Wege über die europäische Integration zustande.

Ausgeprägter Antikommunismus

Ganz ohne Zweifel war sein aus­ge­prägter Antikommunismus mit ein ent­scheidendes Motiv für die West­integrationspolitik, genährt von der Abscheu des Katholiken gegen die atheistische Grundhaltung der Bolschewisten und deren Expan­sions­streben. Adenauers wirkliche Sorge vor der Sowjetunion entsprang dem Bild des zaristischen Russland - eines Staates von enormer ökonomischer und militärischer Kraft -, das stets Sicherheit durch Territorialgewinn suchte. Zum einen ließ Adenauer sich nicht davon abbringen, dass der Kommu­nismus in seiner sowjetischen Spielart und in der SED-Variante eine fortschrittfeindliche, menschenverachtende und totalitäre Macht verkör­perte, die es überall zu bekämpfen galt. Seine kompromisslose Gegner­schaft vor allem gegenüber leisetreterischer Appeasementpolitik be­scherte ihm die Bezeichnung "Kalter Krieger", war in Wirklichkeit aber Ausdruck seiner Moralität und strikten Abgrenzung zur Erhaltung von Frieden und Freiheit. Zum anderen ließ Adenauer sich nicht von seiner Überzeugung abbringen, über kurz oder lang werde die sowjetische Führung in eine große Krise geraten.

Anfängliche Rückschläge

In seiner ersten Legislaturperiode hatte Adenauer neben anfänglichen außenpolitischen Erfolgen auch herbe Rückschläge zu überwinden. Der Vorwurf der West­mächte-Hörigkeit (Schumacher: "Der Bundeskanzler der Alliierten"), seine Interviewpolitik mit dem Hinweis auf eine mögliche Wiederbewaffnung Anfang Dezember 1949, die Kabinetts­krise im Oktober 1950, ausgelöst durch den Rücktritt des damaligen Innenministers Gustav Heinemann wegen Adenauers Angebot zur Auf­stellung deutscher Soldaten, die SED-Propaganda zur Wiedervereinigung mit Grotewohls Brief 1950, die wirtschaftlichen Folgen des Korea-Krieges machten ihm das Leben schon vom ersten Regierungsjahr an schwer.

Wiederwahl 1953

Seine Wiederwahl 1953 verdankte Adenauer nicht zuletzt dem Einsatz neuer politischer Werbemittel aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die plakativ die Person und nicht das Programm in den Vordergrund stellten. Die zweite Legislatur­periode markierte den wirklichen Zenit. Trotz des schweren Rückschlags, den Adenauers Politik der Westbindung durch das Scheitern des EVG-Vertrages in der französischen Nationalversammlung am 30. August 1954 erlitt, gelang es ihm in der anschließend ausgehandelten Pariser Verträgen das Besatzungsstatut abzulösen und eine politische Souveränität für die Bundesrepublik zu vereinbaren. Zusätzlich erhielt die Integrationspolitik mit dem Abschluss der Römischen Verträge im März 1957 über die Grün­dung der Europäischen Wirt­schafts­gemeinschaft und Euratom ein weite­res solides Fundament. Vor allem aber brachte Adenauer die bei seinem Moskau-Besuch im September 1955 erreichte Rückkehr der Kriegs­gefan­genen aus der Sowjetunion und die Rentenreform mit der Einführung der dynamischen Rente in der Öffentlichkeit viele Pluspunkte ein.

Absolute Mehrheit von CDU/CSU 1957

Das Ergebnis war die absolute Mehrheit für CDU und CSU bei den Bundestagswahlen 1957. Es symbolisierte: Adenauer stand auf dem Höhepunkt der Macht. Die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung folgte dem harmlos klingenden Wahlslogan "Keine Experimente!" und vertraute weiterhin auf seine Führungskraft. Denn die SPD forderte da­mals eine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, was ihr eine katastro­phale Niederlage bescherte.

Krisenjahre 1958-1961

Doch ebenso rasant, wie sich der Aufstieg in den Jahren zuvor voll­zogen hatte, so schne­ll ging es aber auch wieder bergab. Berlin-Krise 1958 und Mauerbau 1961 brachten ihn schwer in die Bredouille. Von der inner­parteilichen Opposition und dem Zwist mit Erhard über die Europapolitik in die Enge gedrängt, erklärte sich Adenauer zur Bundespräsidenten­kandidatur 1959 bereit, machte aber kurzerhand wieder eine Kehrtwende, weil er seinem potenziellen Nachfolger das Amt nicht zutraute. Zwar sollte Adenauer letzten Endes Recht behalten, doch änderte das nichts an der wachsenden Kritik an seiner Person.

Deutschlandpolitische Vorwürfe

Der Vor­wurf des FDP-Vorsitzenden Thomas Dehler im Januar 1958, Adenauer habe es 1952 versäumt, die Stalin-Note auszutesten und daher die Chance zur Wiedervereinigung vertan, erschwerte die Deutschlandpolitik Adenauers, der sich gegen die De-facto-Anerkennung der DDR aussprach und in der Berlinkrise an der Verantwortung der drei Westmächte für den freien Teil der Stadt mit Unterstützung de Gaulles eisern festhielt. Nach Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 wurde ihm vorgeworfen, es ver­säumt zu haben, sofort nach Berlin zu reisen. In Wirklichkeit fürchtete er einen erneuten Volksaufstand wie am 17. Juni 1953 und wollte nicht zur Eskalation der Krisenstimmung beitragen. In jenen Tagen stand Adenauer wenige Tage vor der Bundestagswahl 1961 unter höchstem internationalen Druck. Gleichwohl schien es in den Augen eines großen Teils der deut­schen Öffentlichkeit ein schwerer Fehler zu sein, der Berliner Bevölkerung nicht sofort durch seine Präsenz Solidarität bekundet zu haben.

Erzwungener Rücktritt

Der knappe Ausgang der Bundestagswahl 1961 und die Rache der von Erich Mende angeführten FDP, ihn nur noch als Kanzler auf die Zeit von zwei Jahren in der Koalition zu akzeptieren, läuteten die Endpha­se der Kanzlerschaft ein. Zu alledem erlitt Adenauer mit dem Versuch, ein Regie­rungsfernsehen in Form der "Deutschland-Fernsehen GmbH" zu etablie­ren, vor dem Bundesverfassungsgericht 1961 Schiffbruch. Sein quirliger Verteidigungsminister Strauß bescherte ihm obendrein im Oktober 1962 noch die "Spiegel-Affäre", die ihn - nach dem Austritt der FDP-Minister 1955 aus dem Kabinett - 1962 ein zweites Mal zur Kabinettsumbildung zwang. Im Dezember 1962 kündigte er den Rücktritt für den kommenden Herbst an, sorgte noch für Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages im Januar 1963 und trat am 15. Oktober 1963 vom Amt des Bundeskanzlers zurück.

Lebensleistung


"Wenn irgend jemand das Element der Kontinuität im Auf und Ab der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verkörperte, dann war es Konrad Adenauer" (Hans-Peter Schwarz). Letztlich kam Adenauer bei seiner Amtsführung die ungeheuere Lebens­erfahrung im Wechsel der Zeiten zugute, die sich über vier Abschnitte deutscher Geschichte erstreckte. Aufgewachsen in den Gründerjahren des Deutschen Reiches, im Schatten der großen mittelalterlichen Stadtmauern des alten Köln, als Öllampen, Pferdedroschken und kärgliche Lebens­umstände das Bild der Straßen bestimmten, stirbt der Kanzler in einer Zeit, die sich aufmachte, eine Globalgesellschaft zu werden, im Zeitalter der Weltraumfahrt, Atombomben und Raketen, die Regionen bedrohen und in denen Bürgerkrieg herrscht.

Hanns Jürgen Küsters