Vom 20. bis 22. Oktober 1950 fand in Goslar - in unmittelbarer Nähe zur Zonengrenze und des „Eisernen Vorhangs", der „blutenden Wunde Deutschlands" (Adolf Cillien) - der erste Bundesparteitag der Christlich-Demokratischen Union statt. 386 Delegierte und rund sechshundert Gäste trafen sich im Saal des Odeon-Theaters. Bisher lediglich auf Länderebene verbunden, trat die Union nun als umfassend organisierte Partei auf die politische Bühne. Sie bekundete ihr Bekenntnis zum gesamten Deutschland ganz offen: Fahnen der ostdeutschen Länder wehten neben denen des Westens, Vertreter der Exil-CDU und der Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie waren anwesend. Über allem prangte an der Wand das Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit".

Vorgeschichte: Erste Ansätze zur Kooperation

Der Parteitag war Endpunkt der überregionalen Verschmelzung und zugleich Beginn einer geschlossen organisierten CDU auf Bundesebene, was gleichzeitig auch die Abgrenzung gegenüber der CDU in der SBZ/DDR bedeutete. Lange hatten die durch die regionalen Gründungszentren entstandenen föderalen Strukturen eine schlagkräftige zentrale Führung verhindert. Das Reichstreffen der Vertreter der christlich-demokratischen Bewegung aus allen Teilen Deutschlands legte 1945 in Bad Godesberg lediglich einen gemeinsamen Namen fest: Christlich-Demokratische Union Deutschlands. (Die bayerische Schwesterpartei nannte sich Christlich-Soziale Union.) Ein gemeinsamer Dachverband wurde nicht gegründet.

Anfang 1946 wurde in Frankfurt am Main der Zonenverbindungsausschuss eingerichtet, 1947 folgte die Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU Deutschlands. Weitreichende Zentralisierungstendenzen suchten die regionalen Gliederungen jedoch abzuwehren. Entwickelte sich das Generalsekretariat in Frankfurt zwar nicht zu einer schlagkräftigen Parteizentrale, so doch zu einer Verbindungs- und Informationsstelle der Landesparteien: Es organisierte Vorstands- und Arbeitskreissitzungen, gab den CDU-Pressedienst DUD (Deutschland-Union-Dienst) heraus und übernahm die Organisation des Bundestagswahlkampfs 1949.

Auf der Ebene der Vereinigungen wurden bereits 1947/48, beginnend mit dem Wirtschaftsrat, über die Zonengrenzen hinweg Leitungsgremien geschaffen. Auch im Parlamentarischen Rat kooperierten CDU und CSU bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes.

Gründungszeit

Ebenen zur Zusammenarbeit existierten also. Auch lag bereits 1948 der Entwurf für ein Parteistatut vor. Doch aufgrund innerparteilicher Rivalitäten, des Bruchs mit der von Otto Nuschke geführten CDU in der SBZ und der auf Selbständigkeit beharrenden CSU wurde eine einheitliche Organisation auf Bundesebene immer wieder verschoben.

Nach dem in die Regierungsverantwortung führenden Wahlerfolg und der notwendigen Kooperation in der gemeinsamen Fraktion von CDU/CSU im Deutschen Bundestag genügte der lose Dachverband der Arbeitsgemeinschaft nicht mehr. Die seit 1948 tagende (inoffizielle) Konferenz der Landesvorsitzenden unter dem Vorsitz Konrad Adenauers fasste am 11. Mai 1950 in Königswinter den Entschluss, die Christlich-Demokratische Union auf Bundesebene zu gründen. Konrad Adenauer, seit dem 15. September 1949 erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und bisher Vorsitzender der CDU in der britischen Zone, wurde zum vorläufigen Vorsitzenden gewählt. Ein Organisationsausschuss übernahm die Ausarbeitung eines Statuts. Fünf Monate später, am 13. Oktober, beschlossen die Landesvorsitzenden, dem ersten Bundesparteitag Adenauer als ersten Vorsitzenden vorzuschlagen. Um den interkonfessionellen Gründungsgedanken der CDU widerzuspiegeln wurden die Stellvertreterpositionen aufgeteilt: Vorgeschlagen wurden der Protestant Friedrich Holzapfel und der Katholik Jakob Kaiser, dessen Nominierung zugleich einen gesamtdeutschen Akzent setzte. Als Vorsitzender der Exil-CDU vertrat Kaiser - gemäß dem 1950 verabschiedeten Statut - die „legitime CDU der sowjetisch besetzten Zone".

Appell im Vorfeld des Bundesparteitags

Mit einem Appell an die Ideen und Grundsätze der 1945 in verschiedenen Regionen neu gegründeten Partei begleitete Konrad Adenauer in einem Artikel für den Deutschland-Union-Dienst (DUD) den ersten Bundesparteitag der CDU in Goslar. Dieser sei „ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte unserer Partei" und „Abschluss und Beginn zugleich - Abschluss einer Periode des organisatorischen Wachsens und Beginn einer umfassenden gemeinsamen Arbeit nach föderalistischen Gesetzen im gesamtdeutschen Raum". Bei aller Freude über die erreichte Organisationsform betonte Adenauer das Festhalten an den Grundsätzen - der Geist müsse die Form gestalten. Der Druck der Tagespolitik dürfe nicht in Vergessenheit geraten lassen, was vor fünf Jahren die christlichen Demokraten Deutschlands geeint habe: „Diese Gewissensforschung wollen wir an die Spitze des Parteitages und seiner Arbeiten stellen, und wir wollen uns dann besinnen auf die Quellen unserer Kraft, die einzig und allein im Christentum liegen." Adenauer erinnert an den Geist, „der aus den furchtbaren Erlebnissen der Diktatur und des Krieges heraus christliche Demokraten aller Konfessionen und Stände unseres Vaterlandes aus den Trümmern des geistigen und seelischen Zusammenbruchs zu unserer Union des guten Willens führte".

20. Oktober 1950: Rede Konrad Adenauers

Konrad Adenauer während seiner Rede

Mit den Klängen von Ludwig van Beethovens Egmont-Ouvertüre begann die Versammlung. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der niedersächsischen CDU, Adolf Cillien, stellte Konrad Adenauer seine Rede an die Delegierten unter das Motto „Deutschlands Stellung und Aufgabe in der Welt". Unter dem Eindruck des Koreakriegs, der Diskussion um einen Wehrbeitrag der Bundesrepublik Deutschland in einer europäischen Armee und dem darauf erfolgten Rücktritt Gustav Heinemanns als Bundesinnenminister war es sein Ziel, den „Weg zur Freiheit" beizubehalten und mit allen Mitteln zu verteidigen, denn „in unserer Zeit wird es sich entscheiden, ob Freiheit, Menschenwürde, christlich-abendländisches Denken der Menschheit erhalten bleibt oder ob der Geist der Finsternis und der Sklaverei, ob der anti-christliche Geist für eine lange, lange Zeit seine Geißel über die hilflos am Boden liegende Menschheit schwingen wird." Und er bestärkte: „Glauben Sie mir, meine Freunde, ich übertreibe nicht, Worte sind zu schwach, das wiederzugeben, was den freien Völkern an Schmach, an Leid, an Sklaverei, an Unfreiheit des Körpers und des Geistes droht."

#Delegiertenausweis

Die ideologischen Unterschiede benannte Adenauer klar: „In Sowjet-Russland: Vermassung und Beherrschung der Massen, rücksichtslose Ausbeutung durch eine kleine Oberschicht in der Form eines totalitären Staates, Sklaverei, Konzentrationslager, Verfolgung des Christentums. In den Vereinigten Staaten: Freiheit, Würde und Schutz der Einzelperson, Schutz auch der Person gegenüber einer Staatsallmacht."

Aufgrund der Lage mitten im europäischen Spannungsfeld - zwischen den Westalliierten unter der Führung der schützenden Großmacht USA auf der einen und der Bedrohung durch „Sowjet-Russland" als Großmacht mit seinen „Trabanten- und Satellitenstaaten" auf der anderen Seite - war es nach Adenauers Ansicht Deutschlands Aufgabe, „einen Damm aufzurichten gegen das Einsickern und die Infiltration sowjet-russischer Ideen". Er bekannte sich zu einer Beteiligung mit einem deutschen Kontingent an einer europäischen Armee, ferner zum Schuman-Plan und zum Zusammenschluss Europas sowie zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Den „deutschen Brüdern und Schwestern in der Ostzone" rief er aus Goslar zu: „Harret aus und hofft auf uns. Wir werden wieder zusammenkommen." In seinem Schlusssatz fasste Adenauer zusammen: „Deutschlands Aufgabe ist es, einen Frieden in Freiheit zu sichern."

21. Oktober 1950: Wahlen

Tagungsmappe

Am 21. Oktober verlas Konrad Adenauer in Goslar das von den Delegierten angenommene Parteistatut. Er wurde mit 302 von 335 Stimmen gewählt, sein Stellvertreter Friedrich Holzapfel erhielt 297 von 342, auf Jakob Kaiser entfielen 304 von 336 abgegebenen Stimmen. Beide gehörten nicht zum Kreis der Adenauer-Vertrauten. Und eine weitere Niederlage erfuhr Adenauer: Der von ihm zum geschäftsführenden Vorstandsmitglied vorgeschlagene Kurt Georg Kiesinger nahm aufgrund eines knappen Wahlergebnisses die Wahl für das Amt nicht an; einen Geschäftsführer erhielt die CDU erst mit Bruno Heck im Mai 1952.

Der erste Bundesvorstand der CDU war ein Spiegelbild des überkonfessionellen Gründungsgedankens (fünfzehn Katholiken und zehn Protestanten) und der regionalen Verankerung in den Bundesländern sowie den dort aufgrund der teils künstlich geschaffenen Zusammenschlüsse zu berücksichtigenden Besonderheiten. Die gesamtdeutsche Blickrichtung wurde mit Jakob Kaiser als Vertreter der Exil-CDU und Linus Kather als Sprecher der Vertriebenen gewahrt. Mit Margarete Gröwel für den Frauenausschuss und Ernst Majonica für die Junge Union bekamen die Interessen aus den Vereinigungen ihren Platz.

Vorsitzender Konrad Adenauer kath.
Stv. Vorsitzende Friedrich Holzapfel
Jakob Kaiser
ev.
kath.
Bundesschatzmeister Ernst Bach ev.
Weitere Mitglieder
und Stellvertreter
Anton Dichtel
Stv. Fridolin Heurich
Südbaden
Nordbaden
kath.
kath.
Margarete Gröwel
Stv. Anna Marie Heiler
Frauenausschuss
Frauenausschuss
ev.
kath.
Werner Hilpert
Stv. Heinrich Lünendonk
Hessen
Hessen
kath.
kath.
Linus Kather
Stv. Oskar Wackerzapp
Vertriebene
Vertrieben
kath.
kath.
Kurt Georg Kiesinger Württemberg-Hohenzollern kath.
Ernst Majonica
Stv. Johannes Albers
Westfalen, Junge Union
Rheinland
kath.
kath.
Wilhelm Simpfendörfer
Stv. Albert Sauer
Württemberg
Württemberg
ev.
kath.
Walther Schreiber
Stv. Robert Tillmanns
Berlin
Berlin
ev.
ev.
Carl Schröter
Stv. Ewald Samsche
Schleswig-Holstein
Hamburg
ev.
ev.
Georg Strickrodt
Stv. Adolf Cillien
Niedersachsen
Niedersachsen
ev.
ev.
Alois Zimmer
Stv. Adolf Süsterhenn
Rheinland-Pfalz
Rheinland-Pfalz
kath.
kath.
Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Heinrich von Brentano kath.


21./22. Oktober 1950: Arbeitstagung und Schlussresolution

Vorträge und Diskussionen zum geschichtlichen, kulturellen, europäischen und sozialen Auftrag der CDU, zur jungen Generation, zu den Vertriebenen, zur Wirtschaftspolitik prägten den weiteren Verlauf der Tagung. Betont wurden das Bekenntnis zu Europa, das Zusammenwirken der christlich und sozial eingestellten Kräfte und die Befürwortung der Sozialen Marktwirtschaft. In der Schlussresolution wurde festgestellt, dass die CDU in den fünf Jahren ihres Bestehens in Ost und West, in Nord und Süd zu einer Einheit zusammengewachsen sei. Nur in christlicher Verantwortung sei das Leben „unseres Volkes und Vaterlandes in demokratischer Ordnung" neu zu gestalten. Dem Bundeskanzler, der Bundesregierung und der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wurde das Vertrauen ausgesprochen - in Zeiten innenpolitischer Krisenstimmung, außenpolitischer Bedrohung durch den Koreakrieg und weiterer Entzweiung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR aufgrund der Wahlen zur Volkskammer am 15. Oktober war dies ein deutliches Zeichen. Mit Bekenntnissen zu „Gesamtdeutschland als Aufgabe und staatlicher Gewalt" in einer europäischen Gemeinschaft, zum Recht auf Heimat, zur Sozialen Marktwirtschaft und zur Freiheit schloss der erste Parteitag. Wie zu Beginn sangen die Delegierten zum Ausklang die dritte Strophe des Deutschlandliedes, die damals noch nicht als offizielle Nationalhymne anerkannt war; dies erfolgte erst 1952 in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler.

Ausblick: Konrad Adenauers Jahre als Parteivorsitzender

1945 bzw. 1950 begann ein wahres Experiment - wurden doch beide christlichen Konfessionen und alle gesellschaftlichen Schichten in einer Partei vereint und gleichzeitig einheitliche Lösungen für die schwerwiegenden sozialen Probleme beim Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes angestrebt.

Die CDU wurde weitgehend mit Konrad Adenauer identifiziert - und identifizierte sich im Laufe der 1950er Jahre ihrerseits aufgrund der politischen Weichenstellungen und Erfolge (im Westen verankerte Demokratie, prosperierendes Industrieland und Wohlfahrtsstaat) auch nur zu gern mit ihrem Vorsitzenden und Kanzler. Für Adenauer selbst war die CDU nicht nur etwa reines Machtinstrument; er begriff sich durchaus als „Führer einer politischen Kampfgemeinschaft", die er zum Erfolg gebracht hatte und aus der er seine Kraft schöpfte (Schwarz). Mit seiner persönlichen Autorität und dem Prestige des Bundeskanzlers entwickelte er sich für die Partei zur unentbehrlichen Führungsfigur.

Literaturhinweise

Bösch, Frank: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945-1969. Stuttgart, München 2001.
Buchstab, Günter (Hg.): Brücke in eine neue Zeit. 60 Jahre CDU. Freiburg i.Br. 2005.
Erster Parteitag der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Goslar, 20.-22. Oktober 1950, Hg. von der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands.
Heck, Bruno: Adenauer und die Christlich-Demokratische Union Deutschlands. In: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. 2 Bde. Hg. von Dieter Blumenwitz, Klaus Gotto, Hans Maier, Konrad Repgen und Hans-Peter Schwarz. Stuttgart 1976, S. 186-203 (Band 1).
Kiesinger, Kurt Georg: Erlebnisse mit Konrad Adenauer. In: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. 2 Bde. Hg. von Dieter Blumenwitz, Klaus Gotto, Hans Maier, Konrad Repgen und Hans-Peter Schwarz. Stuttgart 1976, S. 59-72 (Band 1).
Kleinmann, Hans-Otto: Geschichte der CDU 1945-1982. Hg. von Günter Buchstab. Stuttgart 1993.
Schwarz, Hans-Peter: Adenauer. Der Aufstieg: 1876-1952. Stuttgart 1986.

Ulrike Quadbeck