23. Dezember 1952: Wohlfahrt - Freiheit - Sicherheit!

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

In den letzten Wochen und Monaten nahm das deutsche Volk an der bedeutsamsten politischen Auseinandersetzung teil, die es in der Bundesrepublik seit ihrem Bestehen gegeben hat. Das deutsch-alliierte Vertragswerk stand zur Debatte, dessen Sinn inzwischen gewiß jedem Deutschen klar geworden ist. Jeder hat auch erlebt, mit welch außerordentlicher Leidenschaft im Bundestag - und nicht nur dort - für und gegen die Verträge gekämpft worden ist. Mancher wird sich Gedanken darüber gemacht haben, ob man dabei das rechte Maß zu halten wußte. Aber Leidenschaft wird von der Politik nie zu trennen sein, und sie hat ihre besondere Berechtigung, wenn es um eine Existenzfrage der Nation geht.

Trotzdem glaube ich gerade angesichts der tiefen Erregung, der großen Unruhe, die allzuviele von uns gegenwärtig gefangen hält, daß uns selten die Ruhe und die Besinnung des Weihnachtsfestes so notwendig waren wie in diesem Jahr. In diesen Tagen haben wir Gelegenheit, von den Dingen Abstand zu gewinnen und zu einem tieferen, erleuchteten Verständnis vorzudringen. Wir müssen uns dabei bewußt werden, daß es belanglos ist, welche Personen in dem großen Ringen, wie es sich zur Zeit bei uns abspielt, Siege ernten oder Niederlagen erfahren. Das sind der Sache wenig angemessene und sogar unwürdige Aspekte, die zudem auch der Erkenntnis des Richtigen und Notwendigen nur abträglich sein können. In der Ruhe dieser Tage dürfen wir unseren Blick von dem Getümmel der Nähe in einen weiteren und größeren Horizont hinausschicken.

Wir sollten auch auf die Stimmen der anderen Völker hören, von denen viele im vergangenen Jahr zu einer freundschaftlichen Einstellung Deutschland gegenüber gefunden haben. Mit großer Aufmerksamkeit haben sie verfolgt, was sich bei uns abspielte. Manchmal besitzen sie Abstand und Objektivität genug, um uns brauchbare Ratschläge zu geben. Aus all den Äußerungen unserer Freunde in der freien Welt ist dies in besonderer Deutlichkeit zu vernehmen: Wir haben gleiche Ideale und ähnliche Interessen. Wir müssen uns zusammenfinden, wenn wir frei bleiben wollen. Wir wollen euch vertrauen. Macht es uns möglich, indem ihr einen klaren Willen und feste Entschlossenheit zeigt.

Und noch ein Anderes sollte Gegenstand unserer Betrachtungen am Jahresende sein. Es ist, als ob gerade die Härte und Schärfe des politischen Kampfes, den Regierung und Koalition in leidenschaftlichem Eifer für ihre Sache geführt haben, das Gefühl wecken könnten, daß man sich mehr des Gemeinsamen und Verbindenden bewußt werden müsse. Vielleicht wird es eine Frucht unserer letzten Erlebnisse sein, daß dabei der gemeinsame Grundstrom unserer Vorstellungen von Einigkeit und Recht und Freiheit erst recht und von neuem zu Tage getreten ist.

Unser noch junges Staatswesen erweist sich jedenfalls bei der außerordentlichen Belastung, die es soeben erfährt, als tragfähig und gefestigt. Es muß aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervorgehen. Dann wollen wir dem bisher Erreichten, dem, was die Welt draußen das deutsche Wunder nennt, Dauer und Bestand geben. Darum gilt es, das begonnene Werk der Wiederherstellung der deutschen Selbstbestimmung und der Eingliederung ganz Deutschlands in die Gemeinschaft der freien Völker zu vollenden. Unsere Beweggründe sind einfach und stark: Wir wünschen ganz Deutschland und darüber hinaus Europa und der Welt Wohlfahrt, Freiheit und Sicherheit. Wir wünschen, daß jeder, der guten Willens ist, den FRIEDEN findet, den die Weihnachtsbotschaft verkündet.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 205 vom 23. Dezember 1952, S. 1785.