1. Januar 1953: Christentum und Staatsgesinnung

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Mit Genugtuung kann die Bundesregierung auf das vergangene Jahr zurückblicken. Große innerpolitische Leistungen sind vollbracht worden. Das Lastenausgleichsgesetz und das allgemeine Betriebsverfassungsgesetz sind verabschiedet worden. Die deutsche Produktionskraft konnte weiter gesteigert werden. Damit wurden die Grundlagen dafür gewonnen, dass der Bundeshaushalt seinen wachsenden Verpflichtungen für die Sozialleistungen und für die Sicherheit des Bundes nachkommen konnte. Diese Erfolge wurden aber im letzten Jahr durch die außenpolitischen Ereignisse in den Schatten gestellt. Im Herbst d. J. konnten in Luxemburg die Schumanplan-Behörden eingerichtet werden, und es ist zu erwarten, dass in den ersten Monaten des nächsten Jahres der gemeinsame europäische Markt auf dem Gebiet von Kohle und Stahl Wirklichkeit werden wird. Der Deutschlandvertrag, der das Besatzungsregime in Deutschland praktisch beendet, wurde im Frühjahr des vergangenen Jahres paraphiert, ebenso der Vertrag zur Errichtung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, der uns die von uns dringend benötigte Sicherheit unseres Lebensraumes gegenüber der tödlichen Bedrohung durch den Bolschewismus sichern soll. Mit der Forderung an die EVG-Versammlung auf Vorlage einer europäischen Verfassung wird der entscheidende Schritt über die verwirrte und undurchsichtige Gegenwart hinaus zur Bildung der von den breitesten Schichten unseres Volkes ersehnten europäischen Einheit getan. Wenn bei dem Jahreswechsel 1952/53 auch noch nicht die letzten Beratungen vor der endgültigen Ratifizierung dieser schicksalsvollen Verträge abgeschlossen werden konnten, so kann doch erwartet werden, dass der Weg zur Gleichberechtigung Deutschlands und zur Sicherung der westlichen Völker mit Festigkeit und Entschiedenheit weiter verfolgt wird.

Die Bundesregierung betrachtet aber die bisher geleisteten Aufgaben mit dem Bewusstsein, dass die ungeheuren historischen Spannungen, welchen das deutsche Volk innen- und außenpolitisch ausgesetzt ist, nicht in drei Jahren gelöst werden können. Während bis zum Jahre 1949 die deutsche Nachkriegspolitik in der Hauptsache darin bestand, die von den Nationalsozialisten hinterlassene Katastrophe zu überwinden, muss sich seit diesem Zeitpunkt die deutsche Politik zunehmend mit dem bis zur Elbe vorgeschobenen russischen Machtzuwachs auseinandersetzen. So kann die Aufgabe der Stunde sich nicht nur darin erschöpfen, das deutsche Sozialprodukt zu steigern, Deutschland auf den Weltmärkten wieder zu einem einflussreichen Faktor zu machen und den Bundeshaushalt auszugleichen, sondern es müssen darüber hinaus alle Kräfte dahin aufgewandt werden, im deutschen Volk ein den Anforderungen der Geschichte entsprechendes Staatsbewusstsein zu entwickeln.

Es wird häufig davon gesprochen, dass man in Deutschland nicht die Außen- der Innenpolitik vorziehen solle. Dieser Vorwurf wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Schon der letzte Krieg hat bewiesen, dass heute außen- und innenpolitische Entscheidungen nicht mehr zu trennen sind. Wird er doch geradezu als europäischer Bürgerkrieg bezeichnet. Totalitäre Machtansprüche, ob sie von nationalsozialistischer oder kommunistischer Seite kommen, zwingen eben zu Entscheidungen, die weit in die moralische Existenz jedes einzelnen hineinreichen. Indem das deutsche Volk sich bereits innerlich für den Westen entschieden hat, drückt es nicht nur ein außenpolitisches, sondern auch ein innenpolitisches Bekenntnis aus. Damit entscheidet es sich für Freiheit, Menschenrechte und christlich-abendländische Überlieferung. Für dieses Bekenntnis ist gerade christlicher Geist die bewegende Kraft. Die Außenpolitik der Bundesregierung vollzieht sich so gemäß dieser innenpolitischen Willensentscheidung des Volkes.

Das kommende Jahr wird den Wahlkampf für die zweite Legislaturperiode des Bundestages mit sich bringen. Diese wird im Zeichen der Systematisierung der Bundespolitik stehen. Reform der Sozialversicherung, Steuerreform, Verwirklichung des Lastenausgleichs, Einbürgerung der Vertriebenen und Evakuierten, Wohnungsbau werden einige der großen politischen Themen bilden. Während die vergangene Legislaturperiode sich innerpolitisch stark mit Wirtschaftsfragen befassen musste, werden die Auseinandersetzungen für den kommenden politischen Abschnitt wieder mehr grundsätzlichen Charakter annehmen. Somit muss der christliche Volksteil, der zu einem großen Teil die Verdienste der Aufbauarbeit für sich in Anspruch nehmen kann, mit aller Wachsamkeit und Bereitschaft in das kommende Jahr hineingehen. Gegenüber dem allgemeinen Verlust an Tradition und gegenüber der sich im Zuge befindenden vollständigen gesellschaftlichen Umwälzung im deutschen Volke sind klare Grundsätze nötig, um die staatliche Ordnung in Deutschland lebensfähig zu halten. Diese können nur den christlichen Ordnungsprinzipien entstammen.

Gegenüber den vergangenen Jahrzehnten geht die christliche Politik von heute nicht so sehr um die Verteidigung der kirchlichen Interessen, sondern um die Anwendung der klaren Ordnungsprinzipien der christlichen Lehre auf das öffentliche Leben.

In diesem Winter des Überganges zwischen den großen Entscheidungen ist es mir ein Bedürfnis, mich gerade an die aktiven Christen zu wenden. Ich möchte sie für das kommende Jahr zu einem entschiedenen christlichen Willensimpuls aufrufen. Es geht nicht nur darum, christliche Grundsätze aufzustellen und zu vertreten, sondern vor allem darum, diese durchzusetzen.

Quelle: Echo der Zeit vom 1. Januar 1953.