21. Januar 1953: Tendenz und Wirklichkeit

Die Deutschen sind gegen jeden Radikalismus immun

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

In den letzten Tagen ist durch die Verhaftung von sieben früheren Nationalsozialisten durch britische Behörden und durch die Veröffentlichung einer Meinungsbefragung von amerikanischer Seite im Ausland der Eindruck entstanden, als wenn wir vor einer Wiederbelebung des Nationalsozialismus stünden und als wenn durch ein Aufkommen einer neuen nationalsozialistischen Bewegung eine echte Gefahr existiere.

Zweifellos verdiente die Tätigkeit der Gruppe Naumann genaueste Beobachtung und Überwachung. Diese Gruppe war schon seit längerer Zeit vom Bundesamt für Verfassungsschutz im Einvernehmen und in Zusammenarbeit mit britischen Dienststellen überwacht worden. Der britische Oberkommissar, Sir Ivone Kirkpatrick, hat mir erst am Mittwochabend Andeutungen darüber gemacht, dass die britischen Behörden sich jetzt gezwungen sähen, Naumann zu verhaften. Meine Frage, ob Naumann an diesem Abend verhaftet werden sollte, bejahte er. Er setzte hinzu, er werde mich über das Ergebnis der Ermittlungen ins Bild setzen. Welch unmittelbarer Anlass zu diesen Verhaftungen geführt hat, ist mir bisher nicht bekannt geworden. Ich kann nur versichern, dass die deutschen Behörden schon von sich aus zugegriffen hätten, wenn ihnen für eine Verhaftung ausreichendes Material vorgelegen haben würde.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass nunmehr Feinde einer europäischen Einigung und einer gemeinsamen Verteidigung, die sich in letzter Zeit gezwungen sahen, zu schweigen, den Anlass aufgegriffen haben, um diese Einigung, für die sich die Bundesregierung von Anbeginn an mit allen Kräften eingesetzt hat, zu hemmen oder gar zu zerstören.

Mit aller Deutlichkeit verurteile ich, dass ehemals führende Nationalsozialisten versuchen, eine Rolle im politischen und öffentlichen Leben der Bundesrepublik zu spielen. Wie die deutsche Bevölkerung dazu steht, hat sie schon mehrfach mit dem Stimmzettel zum Ausdruck gebracht. Im Vergleich mit anderen demokratischen Ländern haben sich die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik gegen den Extremismus von rechts und links als stabil erwiesen. Nach den Erfahrungen, die jeder Deutsche am eigenen Leibe gemacht hat, ist er gegen den Radikalismus weitgehend immun. Ich wage eine Prophezeiung: auch bei den kommenden Wahlen wird eine irgendwie mit dem Nationalsozialismus sympathisierende Partei, falls sie auftreten sollte, eine völlige Niederlage erleiden.

Zu dem amerikanischen Bericht über das Ergebnis einer Meinungsforschung, der ein Anwachsen einer pro-nationalsozialistischen Stimmung festzustellen glaubt, möchte ich folgendes bemerken:

Es handelt sich um eine Umfrage, die bei 1200 Personen veranlasst worden ist. Ähnliche Umfragen liegen aus den vergangenen Jahren vor. Sie haben die gleichen Ergebnisse gehabt, aus denen bisher von offizieller amerikanischer Seite noch niemals auf das Anwachsen einer Art von nationalsozialistischer Stimmung in Deutschland geschlossen worden ist. Ich habe zu meiner Befriedigung festgestellt, dass es sich auch nicht um einen politischen Bericht der amerikanischen Hohen Kommission handelt.

Den doch recht künstlich aufgebauschten Kommentaren und voreiligen Schlüssen, die mancherorts aus dem bedauerlichen Zusammentreffen dieser Vorgänge gezogen worden sind, steht die politische Wirklichkeit in der Bundesrepublik gegenüber. Seit diese Regierung im Amt ist, ist der innere Friede in Deutschland befestigt worden, und wer an die inneren Unruhen nach dem ersten Weltkrieg denkt, weiß, um wie viel stabiler die innenpolitische Situation der Bundesrepublik ist. Dieser Vorgang beruht auf der aus eigener Erfahrung gewonnenen Urteilsfähigkeit der deutschen Bevölkerung. Sie hat eine gesunde Skepsis gegenüber starken Parolen von rechts und links.

Die Bundesregierung hat, getragen von der Zustimmung der Mehrheit des Parlaments und der öffentlichen Meinung, die Bundesrepublik zu einem nützlichen und zuverlässigen Partner der freien Welt gemacht. Das wird auch so bleiben!

Quelle: Deutsche Korrespondenz vom 21. Januar 1953. Zugleich in: Deutsche Wochenschau, St. Louis vom 29. Januar 1953.