27. August 1953: Die Entscheidung liegt bei Dir

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Nach vierjähriger Tätigkeit kann die Bundesregierung vor dem deutschen Volk mit dem Bewusstsein Rechenschaft ablegen, die ihr gestellten Aufgaben gemeistert zu haben. Weit über die Ziele hinaus, die in meiner Regierungserklärung vom 20. September 1949 zum Ausdruck kamen, konnten das Sozialprodukt und die industrielle Produktion gesteigert, ein kraftvoller Außenhandel mit aktiver Handelsbilanz entwickelt, die sozialen Leistungen und das Lohnniveau beträchtlich erhöht, mehreren Millionen Menschen neue Wohnungen errichtet, die Beschäftigungszahl gesteigert und der Lastenausgleich gesetzlich gesichert werden.

Bei Konstituierung der ersten Bundesorgane war Deutschland vollständig der Besatzungsmacht unterworfen. Ein Besatzungsstatut regelte sein Verhältnis zu den Besatzungsmächten. Die Bundesregierung führte das deutsche Volk aus seiner isolierten Lage heraus. Die Bundesrepublik ist internationalen Vereinigungen wie dem Europarat oder der Montanunion beigetreten. Sie wurde gleichberechtigter Partner auf internationalen Konferenzen von weltpolitischer Bedeutung. So neigt sich nach diesen ersten vier Jahren des Bestandes der Bundesrepublik die Epoche der Besatzungspolitik ihrem Ende zu. Die Westmächte verhandeln nicht mehr über unsere Köpfe hinweg. Aus freien Stücken konsultieren sie die Bundesregierung in allen bedeutsamen Fragen, die Deutschland betreffen. Die Bundesregierung konnte die Mauer von Missachtung und moralischer Diskreditierung durchstoßen, welche die nationalsozialistischen Untaten um Deutschland entstehen ließen.

Die Abhängigkeit Deutschlands von anderen Mächten ist nicht nur ein Ergebnis des katastrophalen Zusammenbruchs von 1945. Der Ausgang des zweiten Weltkriegs hat in der ganzen Welt neue machtpolitische Gruppierungen geschaffen, welche für die meisten Völker eine Politik der nationalen Freizügigkeit beträchtlich einschränkt. Der [sich] mitten durch das deutsche Land und Volk ziehende ost-westliche Gegensatz ist ein bitteres Ergebnis machtpolitischer Voraussetzungen, die nicht in Deutschland selber begründet liegen. Als Sprecher für das gesamte Deutschland betrachtet sich die Bundesregierung mitverantwortlich für die Zukunft der unter der kommunistischen Knechtschaft seufzenden 18 Millionen Deutschen. Es ist der Bundesregierung gelungen, das Interesse aller freien Völker ihrem Schicksal zuzuwenden. Mit dem Abschluss des Deutschland- und EVG-Vertrages wird eine Entwicklung eingeleitet, die allein die Grundlage für ein erfolgversprechendes Ringen um die Freiheit für alle Deutschen bilden kann.

Angesichts der deutschen Bundestagswahlen glaubt der Bolschewismus noch einmal eine Chance zu haben, seinen Einfluss über die Zonengrenze hinaus in die Bundesrepublik auszuweiten. Hierbei wendet man nicht mehr die altbekannten Methoden an. Die Zurücknahme der jüngsten Bolschewisierungsmaßnahmen in der Sowjetzone erfolgte mit einem Seitenblick auf die politischen Kräfte in der Bundesrepublik.

In einem Wahlkampf stehen sich alle Parteien im gleichen Rang gegenüber. Jede von ihnen will die Regierungspartei von morgen werden. Was auch immer die Motive der SPD sein mögen, eine Fortsetzung ihrer Ablehnung der gegenwärtigen westlichen und europäisch eingestellten Außenpolitik würde sich in der harten Welt der Tatsachen neutralistisch auswirken, wenn sie verantwortlich für die deutsche Außenpolitik würde. Die Sicherheit der Bundesrepublik und des Westens gebietet daher die unabdingbare Fortsetzung der bisher von der Bundesregierung betriebenen Außenpolitik, bis diese ihre feste vertragsmäßige Untermauerung findet. In der Sorge um die Freiheit und das Leben unseres Volkes habe ich seit dem Ausbruch des Koreakrieges meine ganze Kraft für die Entwicklung einer freien deutschen Außenpolitik eingesetzt. Die deutschen Bundestagswahlen dürfen für diese Politik keine Unterbrechung bedeuten.

Bei den bevorstehenden Bundestagswahlen geht es nicht nur um die Auswahl der Bundestagskandidaten, die für die nächsten vier Jahre in das Parlament einziehen. Diese Wahlen sind geradezu ein Volksentscheid über die Fortsetzung einer Politik der westlichen Verteidigung und der europäischen Einigung. Ich rechne hierbei fest auf die christlichen Kräfte im deutschen Volke. Diese wissen, was das Schicksal verlangt. Das sozialistische Lager ist schwankend und unsicher. Es hat keine außenpolitischen Ziele. Es weiß nicht, was es will. So appelliere ich an die christlichen Wähler in Deutschland, dass sie bei den kommenden Bundestagswahlen mehr tun, als ihrer Staatsbürgerpflicht zu genügen. Bei ihnen muss ein politischer Enthusiasmus und ein Bekenntniswille wach werden, der das übrige deutsche Volk zu dem Willen fortreißt, Menschenwürde und Freiheit gegenüber der bolschewistischen Bedrohung zu sichern.

Zuerst gilt es, das deutsche Volk vor dem offen zutage tretenden bolschewistischen Kollektivismus zu sichern, indem wir den richtigen Platz in der Auseinandersetzung zwischen Ost und West einnehmen und jede Ausweitung des kommunistischen Einflusses zurückweisen. Dann aber kann mit aller Kraft der geistige Kampf des Christentums gegen den schleichenden Kollektivismus im Innern einsetzen gegen Vermassung und Technisierung. In dem Wissen, dass die Sache der Freiheit nur auf dem festen Fundament des Christentums gebaut werden kann, rufe ich alle Christen in Deutschland auf, sich ihrer Verantwortung vor der Geschichte bewusst zu sein.

Quelle: Deutsches Volksblatt vom 27. August 1953.