1. Januar 1954: Vor neuen Entscheidungen

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Seit der Eiserne Vorhang unser Vaterland zerrissen hat, gehen unsere Gedanken und Wün­sche gerade zu Beginn des Jahres mit besonderer Herzlichkeit und Anteilnahme zu den 18 Mil­lionen Deutschen in der Sowjetzone hinüber. Seit die unselige Spaltung unseres Landes die Wiedervereinigung Deutschlands in Recht und Freiheit zum ersten und dringlichsten Ziel aller unserer Anstrengungen gemacht hat, haben wir jedes neue Jahr mit der sehnlichen Hoffnung begonnen, es möge uns endlich den Tag der Einheit und Freiheit für alle Deutschen bringen. Das ist auch diesmal nicht anders. Aber ich meine, die Erfolge des vergangenen Jahres ge­ben uns Anlaß, heute in unserer Entschlossen­heit noch unbeirrbarer, in unserer Verbunden­heit noch fester und in unserer Hoffnung noch zuversichtlicher zu sein.

Unsere Erwartungen richten sich am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres auf die Konferenz der vier Mächte, zu der sich der Osten nun endlich bereitgefunden hat. Wir wis­sen, daß die Einheit unseres Vaterlandes nur auf dem Verhandlungswege wieder hergestellt werden kann. Wir lehnen jeden Gedanken an eine gewaltsame Befreiung auf das Entschie­denste ab. Aber wir wissen ebenso gut, daß die Sowjetunion nur dann zum Einlenken bereit ist, wenn sie sich der einmütigen Entschlossenheit der freien Welt gegenübersieht. Allein die Ge­schichte der nun endgültig stattfindenden Vier­mächtekonferenz ist dafür Beweis genug: So­lange Europa dem Osten Anlaß gegeben hat, im­mer neue Hoffnungen in seine Zwietracht zu setzen, hat der Osten jede Einladung zu Ver­handlungen zurückgewiesen. In dem Augenblick aber, da Frankreich unmittelbar vor der Ratifizierung des EVG-Vertrages stand und damit die Europäische Gemeinschaft Wirklichkeit zu werden versprach, hat Sowjetrußland von sich aus die Berliner Konferenz angeregt.

Wenn also die Einigkeit der westlichen Welt die Voraussetzung für das Zustandekommen einer Viermächtekonferenz war, dann wird sie gleicherweise die Voraussetzung für deren Er­folg sein. Denn sowie die freie Welt den Sowjets neue Nahrung für ihre schon von Stalin formu­lierte Hoffnung gäbe, der Westen würde sich letzten Endes doch in inneren Auseinander­setzungen aufreiben, kann die Sowjetunion kei­nerlei Interesse mehr daran haben, echte Zuge­ständnisse zu machen und nicht nur zur Wieder­vereinigung Deutschlands, sondern zu einer Ent­spannung in der ganzen Welt beizutragen.

Wir wissen nicht, ob sich am Ende der Ber­liner Konferenz von neuem Unsicherheit und Furcht über den Völkern ausbreitet, oder ob die Sehnsucht aller Menschen guten Willens nach Frieden und Eintracht endlich gestillt wird. Aber die Politik, die wir in den vergangenen Jahren unbeirrbar verfolgt haben, gibt uns wenigstens die eine Sicherheit, daß in Berlin nicht gegen Deutschland entschieden werden kann. Der Deutschlandvertrag ist noch nicht in Kraft ge­treten, aber schon heute haben wir es dennoch erreicht, daß wir uns dort, wo Deutschland kein Mitspracherecht hat, auf unsere westlichen Freunde verlassen können. Diese Freundschaft und die Grundlagen des gegenseitigen Vertrau­ens, das sie trägt, auch in diesem Jahr noch wei­ter zu befestigen und zu vertiefen, wird deshalb eines unserer wichtigsten Ziele sein müssen. Denn gerade in diesen Tagen sollte uns noch einmal die Gefahr bewußt werden, in der wir ständen, wenn die Bundesrepublik ihren Weg allein und ohne zuverlässige Freunde zu gehen hätte und wenn auf der bevorstehenden Außenministerkonferenz eine Einigung der großen Mächte auf unserem Rücken und gegen unsere berechtigten Interesse zu befürchten wäre!

Die Hoffnungen, mit denen wir das neue Jahr beginnen, müssen sich also nach Osten und Westen zugleich richten. Nur wenn die Völker Europas noch entschlossener sind, das Werk ihrer Einigung zu vollenden, kann der Osten veranlaßt werden, sein Spiel mit der europäi­schen Zwietracht aufzugeben und zu einem ehr­lichen Interessenausgleich beizutragen. Ein ge­eintes Europa ist darum kein Hindernis, sondern die unabdingbare Voraussetzung für die Wiedervereinigung Deutschlands und für eine Entspannung zwischen Westen und Osten. Mehr als dies: Die Einheit des Westens und die Ver­einigung der europäischen Völker ist die letzte Chance für den Fortbestand eines freien Europa. Nehmen die Völker und ihre Regierungen diese Chance nicht wahr, dann ist über kurz oder lang die bolschewistische Vorherrschaft die unausweichliche Folge.

So werden die außenpolitischen Entschei­dungen, die wir im neuen Jahr zu treffen haben, weiterhin unter zwei Gesichtspunkten stehen: Wir werden alles berücksichtigen, was uns der Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit näherbringen kann; und wir werden nichts unterlassen, was die Einigung der freien Völker Europas beschleunigen und vollenden könnte. Unsere Außenpolitik wird auch für das neue Jahr im besten Sinne deutsch und europäisch zugleich sein.

Quelle: Deutsches Monatsblatt vom Januar 1954, 4. Jg., Nr. 1, S. 1f.