1. Januar 1954: Alle Einzelinteressen zurückstellen!

Neujahrsgrüße des Parteivorsitzenden an die Union

Liebe Parteifreunde!

Das Jahr 1953 hat uns die Entscheidung gebracht, für die wir gearbeitet haben und an die wir in fester Zuversicht geglaubt haben: Das Vertrauensvotum des deutschen Volkes für unsere Politik!

Vier ereignisreiche Jahre liegen hinter uns. Die Aufgaben, die sie uns stellten, waren eine Erprobung für uns alle. Wir können ohne falsche Überheblichkeit bekennen, dass wir mit Gottes Hilfe diese Probe bestanden haben. Das Ergebnis der Septemberwahl wird in der deutschen Nachkriegsgeschichte seine Bedeutung behalten. Unser Volk hat die Erfolge gemeinsamen Bemühens um den Wiederaufbau anerkannt, es hat den Wunsch nach Fortführung dieser Arbeit zum Ausdruck gebracht und den gefährlichen Kräften des Radikalismus zur Rechten und zur Linken eine eindeutige Absage erteilt.

In dem nun vergangenen Jahr hat das deutsche Volk in der Sowjetzone mit der Juni-Erhebung sich zur Idee der Einheit und Freiheit bekannt. Es hat das ihm aufgezwungene Regime vor aller Welt demaskiert. Eindringlicher ist niemals zuvor an uns im Westen der Appell zu treuer Verbundenheit und Hilfe ergangen.

Mit diesen Taten hat das deutsche Volk seinem inneren Aufbau und seiner gemeinsamen Zukunft den wertvollsten Dienst geleistet. Es hat gleichzeitig das in jahrelanger politischer Arbeit errungene Vertrauen des Auslandes, die Voraussetzung unserer Befreiung und späteren Wiedervereinigung, gestärkt.

So stehen wir an der Schwelle des Jahres in ehrlicher Genugtuung über das Erreichte, voller Zuversicht für unsere weitere Arbeit und mit dem aufrichtigen Willen, auch im kommenden Jahr alle unsere Kräfte für ein vereintes Deutschland und die Gemeinschaft der europäischen Staaten einzusetzen.

Schon der Beginn des neuen Jahres wird von großer Bedeutung sein. Der festen und zur Friedenssicherung entschlossenen Politik der westlichen Welt ist es endlich gelungen, den Osten zu einer Aussprache über das deutsche Geschick zu gewinnen. Unser Ziel und unser Weg ist klar. Der Bundestag hat noch einmal und einstimmig die deutschen Erwartungen zum Ausdruck gebracht, die auch die Staatsmänner des Westens anerkannt haben. Noch können wir nicht wissen, ob die Zeit bereits reif geworden ist für eine Auflockerung der politischen Verhärtung in der Welt oder ob auch die kommende Konferenz wieder nur eine Ablenkung von dem Ziele der Freiheit und des Friedens sein soll. Aber eines schon haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt: Nur auf dem von uns begangenen Weg ist überhaupt ein Fortschritt möglich.

So wollen wir in der Christlich-Demokratischen Union auch im kommenden Jahre, das uns vor neue und schwere Aufgaben stellen wird, zusammenstehen. Die Union war der Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Arbeit und unseres Aufstiegs. In ihr wollen wir auch in Zukunft mit aller Kraft für unser großes Ziel tätig sein. Wenn wir alle Einzelinteressen hinter der großen Aufgabe zurückstellen, dann wird uns, dessen bin ich gewiss, das kommende Jahr dem Ziele der Hoffnungen näherbringen, die wir als Christen und als Deutsche hegen.

Mit aufrichtigem Dank für Verständnis, Vertrauen und Mitarbeit grüße ich alle Parteifreunde und wünsche ihnen ein gesegnetes Neues Jahr 1954.

Dr. Konrad Adenauer,

Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands

Quelle: Union in Deutschland. Jg. 8. 1954, Nr. 1 vom 1. Januar 1954.