2. Januar 1954: In der zweiten Phase

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Wir stehen im Anfang einer neuen Phase unserer Bemühungen um den Wiederaufbau Deutschlands, das noch lange an seiner materiellen Sicherung und vor allem auch an seiner geistigen und sittlichen Gesundung zu arbeiten haben wird. Es ist noch keine Zeit, auf Lorbeeren auszuruhen.

Nachdem der Wahlausgang vom 6. September das volle Vertrauen unseres Volkes in die bisherige Regierungsarbeit bezeugt hat, konnten wir uns neue innen-, wirtschafts- und sozialpolitische Ziele setzen. An den Früchten einer erhöhten inneren Sicherheit, die seit 1949 mit Hilfe der sozialen Marktwirtschaft errungen wurden, sollen künftig auch die Empfänger der sozialen Leistungen stärker als bisher teilhaben. Die Rentner also, die Invaliden, Waisen und Hinterbliebenen. Die Hilflosigkeit und Heimatlosigkeit der Flüchtlinge, die berechtigten Ansprüche Kriegsbeschädigter, Heimkehrer und Evakuierter, die Notstandsgebiete, jene großen Hypotheken des vergangenen Regimes, verlangen weiterhin große Kraftanstrengungen. Diesen Kreisen, wie überhaupt allen Verbrauchern, sollen die Erfolge einer Wirtschaftspolitik zugute kommen, die sich nach den Jahren der Investition bewusst noch stärker auf die Bedürfnisse des Konsumenten einstellen wird.

Durch eine Reform der Steuerpolitik gilt es, die deutsche Wirtschaft noch leistungsfähiger zu machen, ohne die Ordnung des Staatshaushalts und die Sicherheit der Währung zu gefährden. Die Politik der Bildung und Erhaltung des Mittelstandes ist nur mit der Verwirklichung neuer ökonomischer und soziologischer Erkenntnisse durchzuführen, die davon ausgehen muss, dass unser Volk nicht in der Vermassung ersticken darf.

Der familiengerechte und familieneigene Wohnungsbau wie die Wohnungswirtschaft überhaupt müssen in Zukunft die privaten Kräfte und weniger die Staatshilfe in Anspruch nehmen. Die Vertriebenen müssen in vermehrtem Maße sesshaft gemacht werden und an ihrem Wohnort Arbeit und Brot erhalten. Die Landwirtschaft muss allmählich ihre Struktur verbessern, um für die unumgängliche Schaffung eines gemeinsamen europäischen Marktes gerüstet zu sein. Aus unserem Verkehrswesen soll mehr und mehr ein sicherer und wirtschaftlich arbeitender, harmonisch ineinandergreifender Verkehrsapparat werden.

Indem wir dafür sorgen, dass Wirtschaft, Finanz- und Sozialpolitik zur Steigerung unseres Sozialprodukts eng zusammenwirken, wird auch für die Zukunft ein kräftiger Antrieb auf alle Bereiche unseres öffentlichen Lebens gesichert sein. Diese Aufgaben setzen eine tiefere Einsicht in die Zusammenhänge aller Lebensgebiete und in die innere Verflechtung aller Glieder unseres Volks- und Wirtschaftskörpers voraus. Sie verlangen politische Reife und Urteilskraft und einen Verzicht auf Dank, Schablone und Schlagworte. Weite Kreise unseres Volkes haben das bereits in ihrer Entscheidung am 6. September bewiesen.

Vor allem wird die umfassende Sozialreform und das künftige Sozialprogramm von einer solchen Rücksicht auf das Volksganze und auf die großen Leistungsforderungen an die Bundesrepublik getragen sein müssen. Schon im Regierungsprogramm habe ich deshalb den persönlichen Wagemut, die Willenskraft, Arbeitsfreude, die moralischen und ethischen Kräfte des Arbeiters, des Bauern und des Unternehmers aufgerufen. Ihr Wettbewerb und ihre Kraftanstrengung sollen unser Volks- und Wirtschaftsleben gesund, standfest und krisensicher machen.

Zur Außenpolitik möchte ich hier sagen, dass mich das Jahr 1953 in der Überzeugung bestärkt hat, dass unser gemeinsames Vaterland, das Vereinte Europa, kommen wird, weil es allein die glückliche und gesicherte Zukunft des Abendlandes gewährleistet. Selbstverständlich wird die Wiedervereinigung Deutschlands weiterhin einer der zentralen Zielpunkte sein. Dementsprechend zu handeln sind wir, als wachsame und frei handelnde Sachwalter aller Deutschen, unseren Brüdern jenseits des Eisernen Vorhanges schuldig! Angesichts der bevorstehenden Verhandlungen der vier Mächte fühlen wir uns im Einklang mit dem Willen des ersten und des zweiten Bundestages an den Auftrag gebunden, unsere nationale und staatliche Einheit zu wahren und gleichberechtigt in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen.

Freie Wahlen für ganz Deutschland müssen der erste Schritt zu einer friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands sein. Die Bildung einer frei gewählten gesamtdeutschen Regierung hat zu folgen. Die gesamtdeutsche Regierung und das gesamtdeutsche Parlament müssen im Rahmen der Vereinten Nationen Handlungsfreiheit haben.

Quelle: Ruhr-Nachrichten, Dortmund vom 2. Januar 1954.