5. Januar 1954: Innerdeutsche Aufgaben

Der Bundeskanzler vollendet heute sein 78. Lebensjahr. Da eine redaktionelle Würdigung nur bei abgerundeten Geburtstagen üblich ist, veröffentlichen wir zu diesem Tage die folgenden Darlegungen Dr. Adenauers, des erstaunlich jungen "Alten", die das Zielstrebige auch seiner Innenpolitik erweisen. - Die Redaktion

Von Dr. Konrad Adenauer

Es ist auch 1954 keine Zeit, auf Lorbeeren auszuruhen. Deutschland ist noch immer im Wiederaufbau begriffen und wird noch lange an seiner materiellen Sicherung und vor allem an seiner geistig-sittlichen Gesundung zu arbeiten haben. Doch stehen wir am Anfang einer neuen Phase dieser Bemühungen. Die Aufgaben der Regierung haben sich nach den Jahren der Trümmerbeseitigung und Existenzsicherung in einer natürlichen Weise weiter entwickelt, und so konnte die Regierungserklärung vom 20. Oktober 1953 neue inner-, wirtschafts- und sozialpolitische Zielsetzungen bekanntgeben.

An den Früchten einer erhöhten inneren Sicherheit, die seit 1949 mit Hilfe der sozialen Marktwirtschaft errungen wurde, sollen in Zukunft auch die Empfänger der sozialen Leistungen stärker als bisher teilhaben, die Rentner, Invaliden, Waisen, Hinterbliebenen. Die Hilflosigkeit und Heimatlosigkeit der Flüchtlinge, die berechtigten Ansprüche der Kriegsgeschädigten, Heimkehrer und Evakuierten, die Notstandsgebiete, jene großen Hypotheken des vergangenen Regimes, verlangen weiterhin eine große Kraftanstrengung. Diesen Kreisen, wie überhaupt allen Verbrauchern, sollen die Erfolge einer Wirtschaftspolitik zugute kommen, die sich nach den Jahren der Investition bewusst noch stärker auf die Bedürfnisse des Konsumenten einstellen wird.

Die Vertriebenen müssen in vermehrtem Maße sesshaft gemacht werden und an ihrem Wohnort Arbeit und Brot erhalten. Der familiengerechte und familieneigene Wohnungsbau wie die Wohnungswirtschaft überhaupt müssen in Zukunft die privaten Kräfte und weniger die Staatshilfe in Anspruch nehmen. Durch eine Reform der Steuerpolitik gilt es, die deutsche Wirtschaft noch leistungsfähiger zu machen, ohne die Ordnung des Staatshaushalts und die Sicherung der Währung zu gefährden. Die Politik der Bildung und Erhaltung des Mittelstands ist nur durch die Verwirklichung neuer ökonomischer und soziologischer Erkenntnisse zu erreichen, die davon ausgehen müssen, dass unser Volk nicht in der Vermassung ersticken darf.

Aus unserem wieder aufgebauten, gesetzlich geordneten Verkehrswesen muss mehr und mehr ein sicher und wirtschaftlich arbeitender, harmonisch ineinandergreifender Verkehrsapparat entwickelt werden. Die deutsche Landwirtschaft muss in den nächsten Jahren mit allen Mitteln ihre Struktur verbessern, um für die unumgängliche Schaffung eines gemeinsamen europäischen Marktes gerüstet zu ein. Kurz und gut: Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik werden zur Steigerung des Sozialprodukts eng zusammenzuwirken haben.

Diese Aufgaben setzen eine tiefere Einsicht in die Zusammenhänge aller Lebensgebiete voraus. Sie verlangen politische Reife und Urteilskraft und einen Verzicht auf Denkschablonen und Schlagworte, wie dies weite Kreise unseres Volkes in ihrer Entscheidung am 6. September bereits bewiesen haben. Vor allem wird die umfassende Sozialreform und das künftige Sozialprogramm von einer solchen Rücksicht auf das Volksganze und auf die großen Leistungsforderungen an die Bundesrepublik getragen sein müssen. Mit besonderem Nachdruck habe ich deshalb im Regierungsprogramm den persönlichen Wagemut, die Willenskraft, Arbeitsfreude, die moralischen und ethischen Kräfte des Arbeiters, des Bauern, des Unternehmers aufgerufen. Ihr Wettbewerb und ihre Kraftanstrengung sollen unser Volks- und Wirtschaftsleben gesund, standfest und krisensicher machen helfen.

Eine besondere Bedeutung messe ich nicht zuletzt der künftigen Wirksamkeit und dem Impuls des neuen Bundesministeriums für Familienfragen zu. Die deutsche Öffentlichkeit zeigt in zunehmendem Maße Verständnis für seine Aufgaben. Deren Lösung muss neben dem materiellen Gesundungsprozess einhergehen, wenn dieser auf die Dauer gesichert sein soll. Es gilt in erster Linie das Umdenken zugunsten der Familie anzuregen und fördern zu helfen, um diese lebenswichtige Institution in Regierung, Parlament, Verwaltung und in der öffentlichen Meinung noch mehr zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Quelle: Bremer Nachrichten vom 5. Januar 1954.