23. Januar 1954: Gebt ganz Deutschland endlich Freiheit, Einheit und Frieden!

Aufruf des Bundeskanzlers zum Beginn der Berliner Vierer-Konferenz

Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hat nach dem Kriege in unermüdlicher Arbeit versucht, aus dem Chaos, das nationalsozialistische Gewaltherrschaft hinterlassen hatte, den Weg zu einem Leben in Frieden und Freiheit zu finden. Es hat sich überall da, wo es frei entscheiden konnte, ein demokratisches Staatswesen aufgebaut und in der Gemeinschaft der Völker wieder einen Platz gefunden, der seinem Anteil an Rechten und Pflichten entspricht.

Das deutsche Volk hat aus der Einsicht in die Lehren der Geschichte und unter dem Druck der Notwendigkeiten in allen seinen Ständen und Schichten erkannt, daß es Wohlfahrt, Freiheit und Sicherheit nur finden kann in einer größeren, ihm durch gleiche Interessen und Ideale verbundenen Gemeinschaft. Von dieser Erkenntnis war unsere Politik geleitet.

Die Deutschen, die ja am eigenen Leibe die Schrecken des Krieges und der Gewaltherrschaft erlebt haben, sind fest entschlossen, all ihre Kräfte in den Dienst der Freiheit und des Friedens zu stellen. Sie wünschen nichts sehnlicher, als gemeinsam mit allen ihren Nachbarn durch den Austausch geistiger und materieller Güter zur Fortentwicklung der Menschheit und zur Festigung des Friedens beizutragen. Eingedenk des geschehenen Unrechts und der Leiden der Völker verlangen sie nach einer Ordnung, die sich auf die Achtung des Rechts, der Würde und der Freiheit der Menschen in aller Welt gründet. Sie wünschen, daß Lösungen strittiger Probleme ausschließlich mit friedlichen Mitteln gefunden werden und daß diese Lösungen bei keinem der betroffenen Völker Bitterkeit zurücklassen. Diese Lösungen müssen deshalb den Interessen aller Beteiligten entsprechen.

In diesem Geiste wende ich mich als der Sprecher der Deutschen in West und Ost an die Vertreter der vier Mächte, die in Berlin zusammenkommen, um sie aufzufordern, die Teilung Deutschlands zu beenden, indem sie dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, sich frei eine Nationalversammlung zu wählen, eine gesamtdeutsche Regierung zu bilden und einen gerechten Friedensvertrag zu schließen.

Neun Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist Deutschland noch immer geteilt. Diese Spaltung ist nicht das Ergebnis eines Streites unter den Deutschen selbst. Die Wiederherstellung der deutschen Einheit kann nur aus einer Einigung der Großmächte hervorgehen. Alle Deutschen, die ich zu vertreten die ernste Pflicht habe, richten an die vier Mächte die Aufforderung, ihnen die Einheit in Frieden und Freiheit, die sie als ihr natürliches und göttliches Recht ansehen, zu ermöglichen.

Deutschland ist bereit und fähig, gemeinsam mit allen Völkern, die guten Willens sind, an der Verwirklichung der in der Charta der Vereinten Nationen niedergelegten Ziele mitzuhelfen. Dem Frieden und der Sicherheit in Europa und in der Welt kann kein größerer Dienst erwiesen werden als durch die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit. Ohne die Wiedervereinigung wird die von allen Völkern erhoffte Entspannung und Befriedung Europas und der Welt nicht erreicht werden. Ein wiedervereinigtes Deutschland wird keinen dringlicheren Wunsch haben, als mit allen Völkern in Frieden und im Geiste guter Nachbarschaft zu leben. Deutschlands Arbeit wird nicht nur ihm selbst, sondern allen seinen Nachbarn und der Gemeinschaft der Völker zum Segen gereichen.

Die Politik, die wir in den vergangenen Jahren geführt haben, und die Zustimmung, die diese Politik in ganz Deutschland, in Ost und West, gefunden hat, verleiht dieser Erklärung eine überzeugende Kraft.

Gebt ganz Deutschland endlich Freiheit, Einheit und Frieden! Das ist die Forderung aller Deutschen an die Welt.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 15 vom 23. Januar 1954, S. 113.