25. Juli 1954: Gemeinsam gegen den Materialismus

Bundeskanzler Dr. Adenauer: Kompromisslose Christen stehen sich nahe

"Unser Volk will von einem konfessionellen Zwiespalt nichts wissen und nichts hören", betonte Bundeskanzler Adenauer in einem Nachwort zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Leipzig in der Kirchentagszeitung. "Es gilt deshalb, mit einer möglichst großen Einigkeit in der deutschen Politik auch eine möglichst große Einigkeit im ganzen deutschen Volk zu erzielen." Hier biete sich eine Möglichkeit, erklärt der Bundeskanzler, "das wieder gutzumachen, was in der Vergangenheit von den Deutschen gefehlt worden ist." "Wir würden vor unseren Kindern und Kindeskindern in großer Schuld und mit einem geschichtlichen Versäumnis beladen dastehen, wenn wir aus der Vergangenheit nicht endlich den Schritt in eine Zukunft wagten, in der die Christen aller Bekenntnisse zusammenstehen und ihre große abendländisch-europäische Sendung erfüllen." Beide Konfessionen hätten ihren Beitrag geleistet zu dem Blutzoll in der Verfolgung wie zum gemeinsamen Gespräch und der inneren Erneuerung in den Jahren danach. "Je aufrechter, unverwaschener, kompromissloser jeder einzelne Christ die innerkirchlichen Aufgaben als Gewissenssache betrachtet, um so näher steht er dem Gleichgesinnten des anderen kirchlichen Lagers." Auch für den christlichen Staatsmann und Politiker seien diese religiös-innerkirchlichen Fragen von Wichtigkeit. Aus ihnen heraus werde er sich immer wieder vor seinem eigenen Gewissen besinnen, welche Entscheidung jede einzelne politische Situation von ihm erfordere.

In zunehmender Gemeinsamkeit habe nach 1945 eine Erweckungsbewegung im Staatsdenken eingesetzt, erklärt der Kanzler: "Man begann, sich von neuem auf das christliche Verständnis des Staates zu besinnen, die politische Gleichgültigkeit zu überwinden und einen Standpunkt für die Mitarbeit am demokratischen Staat einzunehmen, Erwägungen, die nichts mit 'Klerikalismus' und 'Konfessionalisierung' zu tun haben." Staat und Kirche müssten auch weiterhin engstens zusammenarbeiten.

Der Sturmflut des Materialismus könne nur eine Gemeinschaft von Menschen erfolgreich entgegentreten, die auf dem gemeinsamen weltanschaulichen Boden des Christentums stehe, stellt Adenauer fest. "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass in dieser Situation die Christen, die zusammenarbeiten wollen, zuerst das sehen müssen, was sie eint, und nicht, was sie trennt. Ich bin als Deutscher und als Christ zutiefst davon überzeugt, dass die Christen beider Konfessionen heute in geschichtlicher Stunde berufen sind, gemeinsam diese ihre Pflicht zu tun."

Quelle: Paulinus vom 25. Juli 1954.