31. August 1954: Nicht beirren lassen!

Der Aufsatz des Bundeskanzlers wurde geschrieben, bevor das klägliche Ergebnis der EVG-Beratungen der französischen Kammer vorlag; sein Inhalt bezieht sich daher auch nicht unmittelbar darauf, sondern auf die heute in Fulda beginnenden kirchlichen Feierlichkeiten, deren Bedeutung Dr. Adenauer in geschichtlicher Vertiefung würdigt. Dennoch bezeugt schon die von ihm gewählte Überschrift des Artikels (...), dass der Bundeskanzler, ohne die Folgen der in Frankreich zu Ungunsten Europas gefallenen Entscheidung zu verkennen, unbeirrt am Europa-Gedanken festhält. Darin liegt die tiefere Bedeutung dessen, was Dr. Adenauer auch bei dieser Gelegenheit im Zeitpunkt einer neuen schicksalhaften Wende der europäischen Politik ausspricht.

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die mit Spannungen geladene Zeit des Bonifatius hat viele verwandte Züge mit unseren Tagen. Die Lösungen, die der Apostel der Deutschen und der Europäer versuchte, geben darum auch den Zeitgenossen 1200 Jahre später manchen Fingerzeig.

Es war damals für das Christentum eine Lebensfrage, dass sich die jungen abendländischen Völker zusammenfanden und die Lehre und ihre Lebensformen verteidigten, die eben erst in ihnen Wurzeln geschlagen hatten. Darin sah der angelsächsische Mönch und Glaubensbote, der spätere Bischof und Erzbischof seine besondere Aufgabe, die wir heute mit europäischen Augen betrachten sollten. Er wirkte unter dem Schutz Karl Martells im Kulturkreis des noch ungeteilten Mitteleuropas. Neben seiner Missionstätigkeit bei den Friesen an der Nordseeküste schuf er die geistliche und weltliche Verwaltung von Thüringen, Bayern und Hessen und half durch seine Reisen nach den Ländern Westeuropas, die Einheit des europäischen Westens zusammenzufügen. Er war der Schöpfer einer Reform und eines Aufbauprogramms, das sich an Vorbildern des alten Rom schulte.

Durch das Zusammenwirken dieser staatenbildenden Impulse mit einheimischen Kräften samt denen der angelsächsischen Heimat wurde die Grundlage für die nachfolgende abendländische mittelalterliche Entfaltung gelegt, die aus dem karolingischen Reich und seiner Kultur erwuchs. Dieses Werk strahlte weit aus. Deutschland, Frankreich, England, Holland und die skandinavischen Länder spürten die Früchte dieser europäischen Vorarbeit.

Das deutsche wie das europäische Mittelalter und alle Kräfte, die in unseren Tagen noch daraus lebendig sind, verdanken dem schöpferischen und anregenden Wirken des Bonifatius, seinem Opfer, seiner Unverdrossenheit, Zähigkeit, Begeisterungsfähigkeit außerordentlich viel. Die Geschichte überliefert auch die schweren Kämpfe, die Auseinandersetzungen und Enttäuschungen in seiner Arbeit. Als Bonifatius unter der Hand eines Mörders starb, wusste er noch nicht, wie sein Werk heranreifte. Er sah nur die Widerstände, noch nicht die Früchte seiner Reformarbeit. Schon unter Karl dem Großen wurden sie dann sichtbar.

Wenn die Stadt Fulda in diesem Jahr des 1200. Todestages dieses großen Mannes gedachte und jetzt die 76. Generalversammlung der deutschen Katholiken in ihren Mauern begrüßen kann, so darf dies auf ein sehr weites und tiefes Echo rechnen. Bonifatius ist eine europäische Gestalt, wie sein geschichtlicher Beitrag zur Formung der abendländischen Idee und ihrer Verwirklichung im politischen Raum europäisches Format hatte. Deshalb ist dieses Treffen in Fulda wirklich ein europäisches Ereignis, an dem Europa über alle politischen Grenzen und religiösen Bekenntnisse hinaus Anteil nimmt.

Daraus sollte ein verstärktes europäisches Gemeinschaftsgefühl erwachsen. Die durch die Erinnerung an Bonifatius angerührte Zusammengehörigkeit löste nach den furchtbaren Erfahrungen der Entzweiung Europas in Millionen Herzen neue Hoffnung, Begeisterung und auch schon manche europäische Tat aus. Wir wollen uns dabei nicht irre machen lassen, wenn der Weg zu einem vereinten Europa, zur Überwindung alter Streitigkeiten und zur Ausschaltung künftiger kriegerischer Auseinandersetzungen in letzter Zeit besonders steinig, schwer und mühevoll geworden ist.

Es gilt, unerschüttert weiterzumachen und unter den Völkern Europas dahin zu wirken, dass eine der schönsten und zukunftsreichsten Ideen ihre Triebkraft behält. Mit dem Blick auf Fulda darf ich der bestimmten Erwartung Ausdruck geben, dass aus diesem gestärkten europäischen Bewusstsein eines Tages auch die Wiedervereinigung Deutschlands in einem vereinten Europa erwachsen möge.

Quelle: Hamburger Anzeiger vom 31. August 1954.