27. November 1954: Aufruf an die deutsche Wirtschaft

Die Leistungen der deutschen Wirtschaft, die für die Lebenserhaltung unseres Volkes bestimmend sind, sind in starkem Maße abhängig von dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Lehre und Forschung. Sich dieser Tatsache bewusst, hat die Bundesregierung im Rahmen der ihr durch das Grundgesetz gegebenen Möglichkeiten den Wiederaufbau und die Erhaltung wissenschaftlicher Einrichtungen sowie die Durchführung von Forschungsvorhaben bisher nach Kräften unterstützt und wird dies auch künftig tun.

Weder der Bund noch die Länder können aber die Aufgabe der Förderung der Wissenschaft allein bewältigen, zumal die Anforderungen, die von Seiten der Wissenschaft in finanzieller Hinsicht gestellt werden müssen, immer größer werden. Ich halte es daher für besonders bedeutungsvoll, dass einsichtige Kreise der deutschen Wirtschaft die Verbundenheit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft erkannt haben und durch freiwillige Spenden zum Gedeihen der Wissenschaft in allen ihren Zweigen beitragen. Diesen Förderern der Wissenschaft gebührt der Dank der Bundesregierung und des ganzen deutschen Volkes.

Ich wünsche, dass das Verständnis für die Wissenschaft, insbesondere für die Grundlagenforschung sowie für ihre Beziehung zum wirtschaftlichen Geschehen sich noch vertieft und verbreitet. Daher begrüße ich es, dass ein vorwiegend wirtschaftlich orientierter Leserkreis durch Beiträge namhafter Gelehrter mit wissenschaftlichen Problemen bekannt gemacht und so nachdrücklich auf die Lebensnotwendigkeit der Förderung der deutschen Wissenschaft hingewiesen wird.

Bonn, im November 1954

[Adenauer]

Quelle: Der Volkswirt Nr. 48 vom 27. November 1954.