29. März 1955: Deutschland - Frankreich - Europa

Wesentliche Stärkung der freien Welt durch die Pariser Verträge - Über eine Entspannung zwischen Ost und West zur Wiedervereinigung

Von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Mit der Billigung des Pariser Vertragswerkes durch den Rat der Republik haben sich die gesetzgebenden Körperschaften Frankreichs für die Verwirklichung der auf der Londoner Konferenz entworfenen und auf der Pariser Konferenz im Oktober 1954 in Vertragsform gebrachten Politik entschieden. Diese Entscheidung ist Frankreich nicht leicht gefallen, da sie unter anderem auch die Aufstellung deutscher Truppen ermöglicht. Das positive Votum der französischen Kammer und des französischen Senates beweist Frankreichs Vertrauen darin, daß die Pariser Verträge künftig deutsch-französische Kriege unmöglich machen und einen Zeitabschnitt einleiten werden, in dem Deutschland und Frankreich gemeinsam für die Wohlfahrt ihrer Völker und die Erhaltung des Friedens tätig sein werden. Die Bundesregierung wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um dieses Vertrauen der Völker in eine fruchtbare Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses nicht zu enttäuschen.

Das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich nimmt in der Geschichte Europas eine zentrale Stellung ein. Dadurch, daß die Pariser Verträge bessere deutsch-französische Beziehungen begründen, wird es möglich, die weitere Zielsetzung des Vertragswerkes, die Einigung Europas, zu verwirklichen. Der Zusammenschluß der europäischen Völker zu gemeinsamem Planen und gemeinsamem Handeln wiederum ist die Voraussetzung dafür, daß es gelingt, dem Abendland den Platz in der Welt zu erhalten, der ihm auf Grund seiner Geschichte zukommt.

Durch ein gesundes, von starkem wirtschaftlichen und geistigen Leben erfülltes Europa erfährt die ganze freie Welt eine wesentliche Stärkung. Die Gefahr, der sich die freien Staaten immer noch gegenübersehen, nämlich durch den Weltkommunismus überwunden zu werden, wird damit geringer und kann schließlich zum Verschwinden gebracht werden. In dem Maße, in dem die Pariser Verträge verwirklicht werden, wird die allgemeine Einsicht wachsen, daß weder durch subversive Mittel noch durch direkten Zugriff die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker, die sich in den großen Gemeinschaften der westlichen Welt zusammengeschlossen haben, durch den Kommunismus zerstört werden können.

Die Veränderung der weltpolitischen Lage wird auch die sowjetische Führung dazu bringen, ihre bisherige Einstellung zu überprüfen. Überall in der Welt werden neue politische Konzeptionen entwickelt werden müssen, die der veränderten Lage Rechnung tragen. Zweifellos, das läßt sich schon jetzt erkennen, ist das Ziel aller dieser Überlegungen eine Entspannung zwischen Ost und West, die zu einer Normalisierung des Verhältnisses führen und den völlig unnatürlichen und höchst gefährlichen Zustand beseitigen soll, daß sich große Teile der Menschheit von einander abschließen und feindlich gegenüberstehen.

Im Rahmen einer solchen großangelegten politisch-diplomatischen Aktion zur Entspannung des Konflikts wird sich auch die Wiedervereinigung Deutschlands vollziehen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 60 vom 29. März 1955, S. 489f.