14. April 1955: Einigung Deutschlands - Einigung Europas

Es gilt, dem Ungeist nationalistischer Verengung eine unerbittliche Absage zu erteilen

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Da durch die nun mögliche Verwirklichung des Geistes der Pariser Verträge die Voraussetzung für eine Besserung der deutsch-französischen Beziehungen gegeben ist, wird auch die weitere Zielsetzung des Vertragswerkes, die Einigung Europas, beschleunigt erreichbar. Der Zusammenschluß der europäischen Völker zu gemeinsamem Handeln ist wiederum die Voraussetzung dafür, daß es gelingt, dem Abendland den Platz in der Welt zu erhalten, der ihm auf Grund seiner Geschichte zukommt.

Der Weg zum Vereinigten Europa darf nun nicht mehr unterbrochen werden. Der Blick in die Vergangenheit macht uns diese Einsicht zu einer Gewissenssache. Die Völker, insbesondere die Jugend, dürfen nicht wieder, wie so oft in den letzten Jahren, von der Befürchtung geplagt werden, der Schwung der europäischen Idee könnte im Gestrüpp der Schwierigkeiten erlahmen. Die Völker Europas, die vor Jahrhunderten einmal wirklich eine geistige Einheit bildeten, müssen endlich aus der Geschichte lernen. Wenn vor 100 Jahren der Franzose Victor Hugo den Satz schrieb "Kommen wird der Tag, an dem Du Frankreich, Du Rußland, Du Italien, Du England, Du Deutschland, alle Ihr Nationen des Kontinents, Euch zu einer hohen Einheit zusammenschließt und eine europäische Brüderschaft bilden werdet, ohne daß Ihr Eure besonderen Eigenheiten und Eure ruhmreiche Individualität darüber verlöret!", so sollte aus der Enttäuschung über das mehrfache Mißlingen der höheren Einheit nunmehr ein unerschütterlicher Zukunftswille erwachsen. Die besten Europäer sind diesen Weg vorausgegangen. Die abendländische Völkergemeinschaft, die Josef Görres und Constantin Frantz vorschwebte, die Zusammenarbeit der Mächte bei der Lösung zivilisatorischer Aufgaben, die Otto von Bismarck anstrebte, die praktische Lehre, die Aristide Briand und Gustav Stresemann aus der ersten, und Winston Churchill aus der zweiten Weltkriegskatastrophe zogen, sie alle waren Wegweiser zu den ersten Zusammenschlüssen in unseren Tagen. So entstand das Kerneuropa der sechs Länder, das das geringschätzige Schmähwort "Klein-Europa" nicht verdient.

Der heutige Zusammenschluß birgt in sich die Größe und den Reichtum des europäischen Gedankens und wird künftig eine magnetische Anziehungskraft ausüben. Die Zeit des Nationalstaats ist vorüber. Wir haben nur noch zwischen Untergang und Einigung zu wählen. Das ist meine feste Überzeugung.

Die ganze freie Welt wird durch ein gesundes, von starkem wirtschaftlichem und geistigem Leben erfülltes Europa eine wesentliche Stärkung erfahren. Nur so kann die durch den Weltkommunismus drohende Gefahr überwunden werden. Wenn wir Deutschen die Einigung Europas mit der Forderung nach der Einigung Deutschlands begleiten, so ist das kein Widerspruch. Denn zu Europa gehört auch das Deutschland jenseits des Eisernen Vorhanges, ebenso wie die Völker, denen noch der sowjetische Wille den Weg zur Gemeinschaft mit uns versperrt. Wie einst der Druck Napoleons die Einigung der Deutschen förderte, so wird das Terrorsystem des Ostens in unseren Tagen dem deutschen und dem europäischen Bewußtsein und Zusammenstreben mächtigen Antrieb geben. Das gemeinsame europäische Vaterland ist ein so hohes und edles Ziel, daß es die besten Geister hochhalten müssen. Es gilt, dem Ungeist nationalistischer Verengung eine unerbittliche Absage zu erteilen.

Wir stehen mitten in einer Veränderung der weltpolitischen Lage. Das wird auch die sowjetische Führung dazu bringen, ihre bisherige Einstellung zu überprüfen. Niemand kann auf die Dauer die Notwendigkeit ignorieren, neue politische Konzeptionen zu entwickeln, durch die eine Entspannung zwischen Ost und West erreicht werden kann. Der Wunsch aller Deutschen ist es, im Rahmen dieser Entspannungsbemühungen auch die Wiedervereinigung Deutschlands zu ermöglichen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 69 vom 14. April 1955, S. 569.