16. Juni 1955: Für die Einheit eines freien Deutschland

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Der 17. Juni ist für jeden Deutschen, der Freiheit und Demokratie über alles liebt, ein Tag der Besinnung und der Mahnung. Wir sprechen vom "Tag der deutschen Einheit", denn am 17. Juni 1953 machten in Ost-Berlin und Mitteldeutschland Männer und Frauen ihren seit Jahren bedrängten Herzen in unerschrockener Weise Luft. Sie brachten schwerste persönliche Opfer für die Erfüllung ihrer Sehnsucht: Frei leben zu dürfen in einem wahrhaft demokratischen Staatswesen, das alle Deutschen vereint.

Der Volksaufstand gegen die Machthaber in dem östlich des Eisernen Vorhanges gelegenen deutschen Gebiet wurde äußerlich zwar niedergeschlagen, doch die Welt weiß seitdem, wie kraftvoll der Wille zur Wiedervereinigung Deutschlands auch bei den Deutschen ist, die bis auf den heutigen Tag unter einem Machtsystem leben müssen, das nur dem Namen nach demokratisch ist.

An diesem Tage wollen wir Deutschen daran denken, dass zu der äußeren Einheit eines jeden Volkes die innere Einheit gehört, dass der äußeren Einheit das Gefühl der inneren Verbundenheit entsprechen muss und dass Lebensfragen eines Volkes immer das ganze Volk einig finden müssen, gleichviel welchem Stande, welchem Beruf und welcher politischen Partei der eine oder der andere angehört. Der Versuch zu einer Wendung war bezeichnenderweise von Arbeitern eingeleitet worden und wurde auch im wesentlichen von ihnen getragen. Die aufständischen Arbeiter bekundeten den Willen, ihre sozialen Ziele im Rahmen eines freien Staatswesens zu verfolgen.

In der Bundesrepublik bleibt der "Tag der deutschen Einheit" jedenfalls ein Tag ernster Mahnung, die uns immer wieder vor die Frage stellt, ob wir wirklich alles getan haben, was in unseren Kräften steht, um die Einheit Deutschlands in Freiheit wieder herbeizuführen. Die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit bleibt für uns eine Gewissenspflicht, weil wir in ihr ein unverzichtbares Recht sehen. Für uns bleibt es selbstverständlich, dass die 18 Millionen Deutschen östlich des Eisernen Vorhanges, die in Bedrängnis, ohne Recht und Gerechtigkeit dahinleben, ein Recht auf unsere Treue und auf unsere Hilfe haben. Wir werden nicht ruhen, bis auch die Millionen Deutschen östlich der Trennungslinie wieder Freiheit haben und mit uns in Frieden vereint sind.

Die Toten des 17. Juni sind für uns Märtyrer der Freiheit, in ihrem Sinne werden wir in der Bundesrepublik der Sache des Friedens und des Rechts in der Menschheit dienen!

Quelle: Westfalenpost, Hagen vom 16. Juni 1955.