23. Dezember 1955: Mit Besonnenheit

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die außenpolitischen Ereignisse des Jahres 1955 und alles, was sich in ihrem Gefolge einstellte und noch einstellen wird, machen uns eine ernste Besinnung auf unser politisches Wollen zur Aufgabe.

In der Außenpolitik müssen die entscheidenden Vorgänge im Zusammenhang gesehen werden. Mit den Westverträgen wurden wir gleichberechtigte, handlungsfähige, selbstverantwortliche Verbündete der freien Welt. Sie will in enger politischer und militärischer Gemeinschaft den Frieden wahren und schützen, in lebendigem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch die hohen Werte unseres Kulturkreises erhalten und sichern. Zu diesen Verträgen stehen wir, so wie die westlichen Verbündeten danach handelten, als sie unsere Sache, die Wiedervereinigung Deutschlands, auf den großen Konferenzen vertraten.

Allen Verwirrungen, Verzerrungen und Verlockungen des östlichen Lagers zum Trotz sehen wir in diesen Verträgen den Ausdruck unserer Zugehörigkeit zur freien Welt der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Fortschritts. Wir sehen in ihnen trotz des enttäuschenden Ausgangs in Genf aber auch eine "in die Zukunft weisende Möglichkeit einer internationalen Entspannung, die für die Welt den Frieden, für Deutschland die staatliche Einheit in Freiheit bringen soll", wie ich vor dem Bundestag erklärte.

Wenn es bisher noch nicht gelungen ist, vielleicht auch fürs erste nicht gelingen konnte, die Sowjetunion von dieser Chance, die in den westlichen Verträgen auch für sie liegt, zu überzeugen, so bleibt dies eine Aufgabe der Zukunft. Wir müssen der Sowjetunion immer wieder dartun und beweisen, dass unser Programm der Vertragstreue zum Westen und des Willens zur Verteidigung unserer Freiheit keine Bedrohung des russischen Volkes, sondern einen wirklichen Beitrag zur Entspannung bedeutet.

Betrachtet man so diese Entwicklung des Jahres 1955 im Zusammenhang und ohne Voreingenommenheit, so wird man in unserer festen Zugehörigkeit zur freien Welt und unserem Entschluss, im Einvernehmen mit unseren Verbündeten die ersten Verbindungen zur Sowjetunion aufzunehmen, keinen Widerspruch finden. Es gilt unsere Freiheit und unsere Zukunft zu sichern gegen den Kommunismus, der darauf ausgeht, die ganze Welt zu erobern, in der man davon überzeugt ist, dass die Sowjetunion diese kommunistische Welt führen und beherrschen will. Wir stehen im westlichen Lager und wissen, dass dieses Lager und seine geistigen Kräfte stärker sind als die Welt der Unfreiheit.

Was 1955 außenpolitisch erreicht wurde und was noch zu schaffen bleibt, stellt eine besondere Kraftanstrengung unseres Volkes dar, das in zehn schweren Jahren eine Niederlage und ein Trümmerfeld ohnegleichen überwinden half. Mögen sich auch im zweiten Jahrzehnt seit dem deutschen Zusammenbruch politisches Denken, Besonnenheit, Vernunft, Weitblick und die moralischen Kräfte unseres Volkes bewähren und bald ein wiedervereinigtes Deutschland in einem vereinten Europa entstehen.

Quelle: Schwarzwälder Bote vom 23. Dezember 1955.