25. Dezember 1955: In brüderlicher Verbundenheit

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Unser Weg zur Freiheit im Jahre 1955, in dem wir die Souveränität wiedergewannen, ist lang und schwer gewesen. Wir erreichten das Ziel durch beharrliches Streben und nüchterne Beurteilung der politischen Situation. Die Politik der Bundesregierung konnte sich dabei auf eine feste Mehrheit im Bundestag stützen, der Bundestag wiederum ist hervorgegangen aus freien Wahlen, bei denen die Wähler Besonnenheit zeigten und sich zur Politik der Zusammenarbeit mit den freien Nationen bekannten.

Ich weiß nur zu gut - und nicht eine Stunde höre ich auf, daran zu denken -, dass es nicht das ganze Deutschland ist, das 1955 wieder ein freier Staat geworden ist. Die Bundesregierung wird deshalb trotz des Rückschlags in Genf fortfahren, nach der Freiheit für alle Deutschen zu streben. Sie wird ihr Endziel nicht erreicht sehen, ehe nicht die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit vollzogen ist. Sie wird darüber die Vereinigung Deutschlands mit den europäischen Nationen zu einer europäischen Gemeinschaft nicht aus dem Auge verlieren, in der wir die Grundlage für einen sicheren und lange dauernden Frieden erblicken.

Als wir vor sechs Jahren, im Sommer 1949, darangingen, nur einen Teil des früheren Deutschland zu einem Staat zusammenzufassen, haben wir es nicht leichten Herzens getan. Sowjetrussland hatte sich geweigert, seine Besatzungszone mit dem übrigen Deutschland zu vereinigen. Viele Monate war von den westlichen Besatzungsmächten versucht worden, die sowjetrussische Zustimmung zu erhalten, um durch die Einsetzung einer gesamtdeutschen Regierung die Zonengrenzen aufzuheben und die Wiedervereinigung Deutschlands herbeizuführen. Weil Sowjetrussland immer aufs neue Einwände erhob, entschlossen die drei westlichen Besatzungsmächte sich, den Anfang mit einer Wiederherstellung Deutschlands zu machen.

Bereits in der Stunde der Bildung der Bundesrepublik Deutschland haben damit die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates auch an die Deutschen jenseits des Eisernen Vorhangs gedacht. Sie waren gemeint mit dem in die Verfassung aufgenommenen Text, in dem von den Deutschen gesprochen wird, denen die Mitwirkung bei der Bildung eines neuen deutschen Staates versagt war, und dass es Aufgabe der Zukunft sein wird, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.

Mit der Bundesregierung gedenken in diesen Tagen fünfzig Millionen freie Bürger der Bundesrepublik in brüderlicher Verbundenheit der Millionen Deutschen, die gezwungen sind, getrennt von uns in Unfreiheit und Rechtlosigkeit zu leben. Wir rufen ihnen zu: Ihr gehört zu uns, wir gehören zu Euch. Ihr könnt Euch auch immer auf uns verlassen, denn gemeinsam mit der freien Welt werden wir nicht rasten und nicht ruhen, bis auch Ihr die Menschenrechte wiedererlangt habt und mit uns friedlich vereint im gleichen Staate seid.

Quelle: Westfälische Nachrichten vom 25. Dezember 1955.