23. Juni 1956: Keine Furcht vor Moskau

Von Bundeskanzler Dr. Adenauer

Es ist von mancher Seite die Meinung geäußert worden, dass die Entthronung des toten Stalin auf dem 20. Parteikongress in Moskau ein Anzeichen für eine wirkliche Änderung der Russen sei. Ich teile diese Ansicht nicht. Ich glaube, dass innerpolitische Gründe bei diesen Vorgängen eine wesentliche Rolle gespielt haben. Ich darf daran erinnern, dass in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre Stalin in mehreren Kapiteln seines Buches genau so die Diktatur eines einzelnen verurteilt hat, wie das jetzt durch den 20. Parteikongress von Chruschtschow geschehen ist.

Meines Erachtens bleibt Diktatur Diktatur, d. h. Unfreiheit und Versklavung, gleichgültig, ob die Diktatur durch einen einzelnen oder durch ein Kollektiv ausgeübt wird. Ich sehe darin keinen Unterschied. An eine wirkliche Änderung der Russen kann ich erst glauben, wenn sie durch Taten zeigen, dass sie wie wir die Achtung vor der Freiheit anderer Völker als die unverrückbare Richtschnur ihres Handelns betrachten.

Die neue Methode, die Welt zu erobern, wird von den Russen praktiziert in Asien und Europa. Wenn sie auf dem asiatischen Schauplatz des Kalten Krieges siegen, dagegen auf dem europäischen verlieren, werden sie durch diesen Sieg nicht zur Weltherrschaft kommen. Die Erringung der Weltherrschaft setzt die Niederwerfung der Vereinigten Staaten voraus. Dazu bedarf es aber eines Industriepotentials, einer Aufrüstung, wie die Russen sie mit Hilfe der asiatischen Völker nicht erreichen können.

Wenn es aber Sowjetrussland gelingt, Westeuropa unversehrt oder wenigstens ziemlich unversehrt in seine Hände zu bekommen, Westeuropa mit seinen Industrien, seinem ausgezeichneten Menschenmaterial und seinen Bodenschätzen, dann wird dadurch sein Industriepotential so sehr wachsen, dass es höchstwahrscheinlich den Vereinigten Staaten ebenbürtig wird. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass die Russen nur durch die Gewinnung Westeuropas ihr Ziel, die Vereinigten Staaten niederzuringen, erreichen können, was ihnen nicht durch die Verbindung mit den asiatischen Staaten gelingen kann. Für die ganze freie Welt ist daher der europäische Schauplatz der in erster Linie entscheidende.

Wir haben unter den freien Völkern als ersten großen Zusammenschluss den Nordatlantikpakt. Er wurde zunächst geschaffen nach der russischen Gewalttat in Korea als militärischer Abwehrpakt. Aber schon bei seiner Gründung war auch die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit unter den Mitgliedern in Aussicht genommen. Nachdem die Aufrüstung nicht der allein ausschlaggebende Faktor in dem großen Völkerringen ist, muss die Nordatlantikpakt-Organisation sich auch ihren anderen Aufgaben zuwenden. Man muss mit aller Energie, mit aller Intensität und mit aller Schnelligkeit an diese neuen Aufgaben der NATO herangehen. Die Russen werden sorgfältig auf etwaige Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern des Nordatlantik-Paktes achten, weil sie hoffen, damit schließlich diese ganze Abwehrfront so zu schwächen, dass sie für ihre Pläne kein Hindernis mehr ist.

Der Heiße Krieg ist durch rechtzeitige Aufrüstung der freien Völker vermieden worden. Der Kalte Krieg wird zu unseren Gunsten enden, wenn wir klug und geduldig sind. Die Sowjetunion wird dann aus eigenem Interesse heraus zu tragbaren Regelungen bereit sein. Bis sie soweit ist, müssen wir die Vorgänge im Inneren Sowjetrusslands sorgfältig beobachten, so gut es eben möglich ist in einem solchen Lande. Wir dürfen Sowjetrussland nicht reizen, aber wir müssen ihm auch zeigen, dass wir keine Furcht vor ihm haben.

Quelle: Westdeutsche Rundschau, Wuppertal vom 23. Juni 1956.