21. August 1956: Lohnt sich der Aufbau der Bundeswehr noch?

Zu den Fragen "Abrüstung", "Aufrüstung", "Umrüstung"

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

An meiner Grundeinstellung gegenüber Abrüstungsmöglichkeiten hat sich nichts geändert: Abrüstung bleibt mir ganz entschieden sympathischer als Aufrüstung.

Neuerdings sind in der öffentlichen Meinung die Vorstellungen in bezug auf den Abrüstungskomplex durch zwei Vorgänge verwirrt worden. Einmal durch die Ankündigung der Sowjetrussen, die Zahl ihrer Soldaten vermindern zu wollen, und zum anderen durch die in Amerika aufgeworfene Frage, ob nicht weit mehr als bisher den nuklearen Waffen der Vorzug gegeben werden solle. Die Konsequenz wäre ein Abbau der bisher üblichen Waffen und auch eine Verminderung des Soldatenstandes.

Es ist verständlich, wenn nun gefragt wird, ob in absehbarer Zeit selbst die sehr modern ausgerüsteten Landheere noch eine Rolle spielen werden. Vor allem, ob sich der Aufbau der Bundeswehr überhaupt noch lohne.

Ich halte nichts für gefährlicher, als Ankündigungen und Erwägungen sofort als Tatsache in unsere Rechnungen einzusetzen. Hinsichtlich der Ankündigung Moskaus heißt das für mich: So lange die Sowjetunion nicht durch international verbindliche Taten beweist, daß in ihr eine echte Wandlung der Einstellung zur Umwelt stattfindet, muß die gesamte freie Welt auf der Hut bleiben. An den inneren Wandel kann man schlecht glauben, solange die Straflager noch gefüllt sind, den Satellitenstaaten die Freiheit verwehrt und für die Abrüstung keine Kontrolle zugestanden wird.

Die Sowjetrussen sprechen jetzt plötzlich auch von ihrer Bereitschaft zur Abschaffung der nuklearen Waffen, doch nach wie vor wollen sie von einer Kontrolle nichts wissen. Bekanntlich ist schon bei den Abrüstungsverhandlungen in London eine Vereinbarung gescheitert, weil die Russen die Kontrolle kategorisch abgelehnt haben. Wenn eine Macht sich für die Abschaffung gewisser Waffen einsetzt, dann verstehe ich nicht, warum die gleiche Macht sich nicht auch einer Überwachung unterwerfen will. Schließlich bietet erst eine ständige Kontrolle die Sicherheit vor einem Zurückgreifen auf derartige Waffen.

Zu der von Amerikanern ausgelösten Debatte über das Verhältnis zwischen den konventionellen und den nuklearen Waffen möchte ich nachdrücklich betonen, daß ich eine Verlagerung des Schwergewichts zugunsten der Atomwaffen vorerst für verfehlt halte. Da nach meiner Auffassung die Atomwaffen wirklich die größte Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen, halte ich es sogar für richtig, gerade hier auf kontrollierte Abrüstung zu drängen. Man sollte alle Energie darauf verwenden, den nuklearen Krieg unmöglich zu machen.

Gewiß sollen wir weitblickend handeln, doch bei allen leider noch nötigen Planungen im Zusammenhang mit Kriegsmöglichkeiten wäre es unrealistisch, immer gleich das größte Ausmaß eines Krieges vorauszusetzen. Ich bin der Ansicht, daß es ganz besonders darauf ankommt, etwaige kleinere Konflikte zu lokalisieren. Und dafür brauchen wir Divisionen mit konventionellen Waffen. Ihre Zahl muß ausreichend sein, um verhindern zu können, daß ein kleinerer Brandherd gleich einen Raketenkrieg von Kontinent zu Kontinent auslöst. Die deutschen Divisionen in ihrer vorgesehenen Zahl können sehr viel dazu beitragen, gegenüber jenen abschreckend zu wirken, die kleine Funken an einer Grenze zum Anlaß nehmen könnten, ein weltweites Durcheinander zu inszenieren, um den eigenen Machtspekulationen neue Nahrung zu geben.

In den letzten Jahren haben wir eindrucksvolle Beispiele dafür erlebt, wie wichtig es ist, aufflammende Konfliktsherde schnell zu lokalisieren. Daran hat sich nichts geändert. Also auch nichts an der Daseinberechtigung der konventionellen Waffen. So entschieden ich alles unterstütze, was der kontrollierten Abrüstung dienen kann, so eindeutig erkläre ich mich gegen eine Umrüstung zugunsten der Atomwaffen. Die Landheere des Kolosses Rußland würden doch gerade auch für Europa an Bedeutung gewinnen, wenn der Westen seine Landverteidigungskräfte reduziert.

In der gegenwärtigen Situation wäre es unklug, wenn der Westen bei irgendeiner Abrüstungsmaßnahme schneller sein wollte als die Sowjetunion.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 155 vom 21. August 1956, S. 1491.