14. September 1956: Wirtschaftliche Aufgaben vor uns

Die Menschen, ihr Arbeitswille und ihre Arbeitsfreude sind das Wichtigste

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Wir haben in der letzten Zeit kritische Stimmen gehört, die das deutsche Volk warnten, den Lebensstandard zu einem Fetisch zu machen. Tatsächlich sollten die Menschen immer darauf achten, trotz ihres verständlichen Ringens um die materiellen Grundlagen des Daseins Zeit und Muße zu finden für die höheren Werte des Lebens. Aber ich bin nicht der Ansicht, daß wir in unserer wirtschaftlichen Entwicklung den Punkt erreicht haben, der es uns erlaubte, die Hände in den Schoß zu legen und auf weitere Anstrengungen zu verzichten.

Der Lebensstandard in der Bundesrepublik hat sich zwar gegenüber dem Tiefstand vor sieben Jahren gewaltig verbessert. Die Sachverständigen berechnen, daß uns in der Bundesrepublik heute je Einwohner mehr Güter und Dienste als Entgelt für unsere Arbeit zur Verfügung stehen als in der Vorkriegszeit. Wenn die Bewunderung des Auslandes über diese Leistung auch unserer Eitelkeit schmeicheln mag, so dürfen wir das Erreichte doch nicht überschätzen. Wir kennen in Europa - von den USA ganz zu schweigen - viele Länder wie die Schweiz, Schweden, Belgien, England, in denen auch nach unseren bisherigen Erfolgen das Sozialprodukt je Kopf der Bevölkerung noch höher ist als bei uns.

Ich warne in diesem Zusammenhang davor, den auf über 15 Milliarden DM angewachsenen Devisenvorrat der Bank deutscher Länder als einen Beweis für einen entsprechend hohen allgemeinen Wohlstand in der Bundesrepublik anzusehen. Tatsächlich kann er lediglich als ein Merkmal dafür betrachtet werden, daß die Lebensansprüche der deutschen Bevölkerung in den vergangenen Jahren sich in dem Spielraum gehalten haben, der durch die eigene Leistung gegeben war. Niemand darf uns einen Vorwurf daraus machen, dass wir entschlossen sind, die Kaufkraft unserer Währung zu erhalten. Der Devisenzustrom ist ein Zeichen dafür, daß wir seit einigen Jahren unsere gute Wettbewerbslage an den Weltmärkten zu erhalten wissen.

Ein Teil dieses Devisenvorrates wird vielleicht in absehbarer Zeit verwendet werden müssen. Die Steuersenkung, die Besserung der Renten in der Sozialversicherung und die Finanzierung unseres Verteidigungsprogramms werden eine zusätzliche Nachfrage hervorrufen. Wenn damit nicht wieder ein neuer, übermäßiger Konjunkturauftrieb verbunden sein soll, so wird es gut sein, rechtzeitig zu überlegen, wie die vermehrte Nachfrage mit Hilfe der Devisenvorräte vorübergehend solange aus einer vergrößerten Einfuhr zu decken ist, bis die inländische Erzeugung wieder den größeren Ansprüchen nachgekommen ist.

Sowohl die Rentenreform, durch die wir einen Teil der Armut unserer Alten zu beseitigen hoffen, als auch die Steuersenkung, mit der wir im Rahmen der unumgänglich notwendigen finanziellen Solidität vor allem den Mittelstandsschichten helfen wollen, legen Zeugnis davon ab, daß die Bundesregierung durchaus weiß, wieviel Not und materielle Bedrängnis trotz der erfreulichen Aufwärtsentwicklung unserer Wirtschaft bei Millionen Menschen noch vorhanden ist. Die Bundesregierung weiß auch, daß die Sozialreform mit der Verbesserung der Renten keineswegs beendet ist. Schon aus diesem Grunde unterstützt sie ein weiteres wirtschaftliches Wachstum in etwas ruhigeren Bahnen.

Dabei bringt uns der spürbar werdende Mangel an Arbeitskräften neue Probleme. Im Interesse der Volksgesundheit darf der große Arbeitswille der deutschen Bevölkerung nicht dauernd in zu langen Wochenarbeitszeiten überspannt werden. Wollen wir künftig trotzdem über mehr materielle Güter verfügen, so müssen wir überall den technischen Erzeugungsapparat verbessern. Wir müssen dafür sorgen, daß sowohl mehr Naturkräfte wie Kohle, Öl und Atomenergie als auch bessere und darunter auch automatische Maschinen uns helfen, den wachsenden Bedarf ohne größere menschliche Anstrengungen zu befriedigen. Auf diese Weise werden wir zu einer ausgeglicheneren Wohlstandsbildung gelangen. Rationalisieren und Investieren bleiben damit, wie bisher, die notwendige Voraussetzung für ein weiteres wirtschaftliches Wachstum und eine gute soziale Entwicklung. Sie schaffen einen größeren materiellen Spielraum für die Verwirklichung der Sozialreform und für eine Finanzpolitik, die bei wachsendem Volkseinkommen diejenigen Bevölkerungsschichten immer mehr entlastet, denen es nur mit sehr großen Anstrengungen gelingt, das dem Werte ihrer Leistung entsprechende Lebensniveau zu gewinnen und aufrechtzuerhalten.

Ich habe im wirtschaftlichen Verhalten der Menschen nie einen bloßen Automatismus zu sehen vermocht. Seelische Kräfte wie das Vertrauen in die politische Zukunft, in eine gesunde Finanzpolitik, in die Stabilität der Währung, in eine vernünftige Wirtschafts- und in eine gerechte Steuer- und Sozialpolitik haben stets das wirtschaftliche Verhalten der Menschen stark beeinflußt. Ich halte es darum auch für die Aufgabe des Staatsmannes, auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Tages aufmerksam zu machen. Die Rationalisierung wird künftig noch mehr als die Erweiterung der Produktionsanlagen im Mittelpunkt der betrieblichen Überlegungen stehen. Rationalisieren bedeutet stets große Veränderungen in den Werkstätten, in denen trotz aller modernen Maschinen die Menschen, ihr Arbeitswille und ihre Arbeitsfreude das Wichtigste sind! Die Sozialpartner haben auf diesem Gebiet eine große gemeinsame Aufgabe, deren gute Lösung für sie beide Früchte tragen wird.

Beide Sozialpartner sollten sich jedoch bewußt sein, daß bei ihren Vereinbarungen über eine gerechte Verteilung dieser Früchte nicht diejenigen Bevölkerungsschichten vergessen werden, die außerhalb der unmittelbaren Produktionsprozesse stehen. Es sind nicht nur die Rentner und die Bezieher von Sozialunterstützungen, an die ich hier denke. Auch die Diener des Staates, die Beschäftigten in den freien Berufen und anderen Dienstleistungsbereichen, ebenso die Berufe, die in den von der Natur weniger begünstigten Wirtschaftszweigen, wie Kohlenbergbau oder Landwirtschaft, tätig sind, haben oft nur beschränkte Möglichkeiten, ihre Leistungen durch Investieren und Rationalisieren in kurzer Zeit wesentlich zu steigern. Die Menschen in diesen Berufen sind ein Teil unseres Volkes; sie haben darum das Recht, an der Wohlstandsentwicklung teilzuhaben. Das ist aber nur dann möglich, wenn die unmittelbar an den Fortschritten der Rationalisierung Beteiligten sich in der Lohn- und Preispolitik zurückhalten und bei ihren Vereinbarungen auf ihre Kollegen in diesen anderen Berufen Rücksicht nehmen. Wenn dies geschieht, wird auch die Kreditpolitik der Notenbank künftig nicht mehr so streng sein müssen. Es kann dann mehr für eine Zinssenkung getan werden, die ja dem Anteil der anderen Einkommensarten am Sozialprodukt zugute kommen würde.

Quelle: Sonderheft zur Deutschen Industrieausstellung Berlin 1956, hg. von der Zeitung Der Tag, Berlin. Zugleich in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 173 vom 14. September 1956, S. 1657f.