2. Oktober 1956: Ein größeres Europa

Politisch und wirtschaftlich nötig - Die Haltung der USA

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Für die europäischen Völker ist es hohe Zeit, weit mehr als bisher gemeinsam zu handeln. Wir müssen zu einer wirklichen europäischen Politik kommen, da wir sonst bei der völlig neuen politischen Gruppierung auf unserer Erde zur Bedeutungslosigkeit absinken können. Die baldige Gründung einer Europäischen Föderation ist nach meiner Ansicht nicht utopisch. Wir haben ja schon die ersten Schritte zu diesem Ziel hin getan. Wir müssen allerdings aus den Erfahrungen der letzten zehn Jahre konsequent zu lernen versuchen.

Die Verwirklichung der europäischen Integration darf nicht unmöglich gemacht werden durch den Perfektionismus, jene Krankheit unserer Zeit, die schon mehrfach einer großen Idee den entscheidenden Schwung genommen hat. Jede starre Einrichtung wirkt hemmend. Ich sehe kein Allheilmittel darin, dass gleich alle Einrichtungen supranationalen Charakter tragen müssen. Es lassen sich geeignete Formen finden, die keinen Staat vom Beitritt abschrecken.

Für die Fruchtbarkeit des Zusammenschlusses wird von ausschlaggebender Bedeutung sein, dass wir Europäer, den großen Entwicklungstendenzen entsprechend, fortan nach weltweiten politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten auf unseren Zusammenschluss hinarbeiten. Nur innereuropäisch zu denken und zu wirken, ist längst nicht mehr zeitgerecht. Da andere handeln, müssen auch wir Europäer jetzt bald sehr entschlossen handeln, wenn nicht die Entwicklung einfach über uns hinweggehen soll. Niemand kann bestreiten, dass die politische und wirtschaftliche Vormachtstellung Europas, die zu Anfang dieses Jahrhunderts noch unbestritten war, lange dahin ist. Die nach dem letzten Kriege entwickelte Politik der europäischen Integration hatte zunächst als Hauptziel, Kriege unter europäischen Völkern für die Zukunft auszuschließen. Daraus ergab sich naturgemäß eine räumliche Begrenzung aller einigenden Bestrebungen. Wir fanden uns zusammen zu Europarat, Montanunion und Westeuropäischer Union - doch heute ist zu bezweifeln, ob das ausreichen wird angesichts der weltpolitischen Entwicklung.

Es mag hier genügen, auf die enorme politische und wirtschaftliche Kraft der Vereinigten Staaten von Nordamerika und der Sowjetunion hinzuweisen. Angesichts dieser beiden Weltmächte scheint es kaum gerechtfertigt, noch von irgendeinem europäischen Staat in dem Sinne als Großmacht zu sprechen, wie man das zu Beginn dieses Jahrhunderts tun konnte. Wenn nun ein Großer und ein Kleiner oder ein Großer und mehrere Kleine zusammen Politik betreiben wollen, dann ergibt sich ganz von selbst bei dem Großen ein Führungsanspruch und bei den Kleinen ein Abhängigkeitsgefühl. Dieses Abhängigkeitsgefühl der Kleinen führt im Laufe der Entwicklung unbedingt zum Nachlassen ihrer Kräfte. Solchen Möglichkeiten muss Europa gesammelt entgegenwirken. Mit allem Respekt vor den großen Leistungen der USA auch für die Erhaltung des Friedens muss doch vor einer drohenden Fehlentwicklung gewarnt werden. Die europäischen Länder können nicht auf die Dauer ihre großen Kräfte zum Segen ihrer Völker und der Menschheit voll entfalten, wenn sie fortfahren, ihr Heil und ihre Sicherheit lediglich durch die Patronage der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu finden. Einmal würden die europäischen Kräfte allmählich erschlaffen, und zum anderen sind die USA sicher nicht gesonnen, die Sorge für Europa auf unbegrenzte Zeit in einem Umfang zu übernehmen, der den Amerikanern einfach nicht zugemutet werden kann. Lebensnotwendigkeiten der europäischen Völker und Staaten müssen nicht immer mit den amerikanischen Lebensnotwendigkeiten übereinstimmen. Schon daraus werden sich gelegentlich Verschiedenheiten der politischen Auffassungen ergeben, die zu selbständigem politischem Vorgehen führen können. Wir können doch nicht den USA zumuten, dass sie bei ihrer Politik in erster Linie an europäische Interessen denken.

Europas Zusammenschluss halte ich für eine Notwendigkeit, der sich im Hinblick auf die großen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen auf der Erde kein freies Volk entziehen kann. Nach meiner Meinung soll der Kreis der Teilnehmerstaaten an der Europäischen Föderation nicht begrenzt werden. Europas Geschick ist das Geschick eines jeden europäischen Staates. Das vor uns liegende Werk erfordert auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet Weitblick und Kühnheit. Die politischen Vorteile werden sich bald zeigen, und nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten werden auch die Wirtschaften aller Beteiligten große Vorteile haben. Nur so werden wir Europäer die Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen großen Wirtschaftsräumen behaupten können.

Quelle: Kasseler Post vom 2. Oktober 1956.