28. Dezember 1956: Ausblick und Rückblick

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Das neue Jahr beginnt mit einem für uns bedeutungsvollen Tag. Am 1. Januar werden die Deutschen von der Saar wieder mit uns vereinigt. Das Saargebiet kehrt für immer zu Deutschland zurück, ein Ziel ist erreicht, um das unsere Politik beharrlich gerungen hat. Wir haben allen Anlass, uns des Erreichten von Herzen zu freuen. Wenn wir uns vor Augen halten, dass nach dem Ende des zweiten Weltkrieges die Saar für Deutschland verloren zu sein schien, wird uns die nationale Bedeutung des Ereignisses in seiner ganzen Tragweite bewusst.

Die Heimkehr der Saar ist ein Ergebnis der Gesamtkonzeption unserer 1949 aufgenommenen Außenpolitik, Wir waren darauf ausgegangen, die Aussöhnung mit Frankreich herbeizuführen, Europa zu einigen und die Partnerschaft der großen Mächte der freien Welt zu fördern. Nur auf diese Weise war und ist es möglich, uns gegen weitere Übergriffe des Bolschewismus zu sichern und Sowjetrussland schließlich dahin zu bringen, Bereitschaft zur Verständigung zu zeigen. Dieser Weg, der uns auch die Wiedervereinigung mit den Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone und Berlin bringen wird, ist noch nicht zu Ende gegangen. Die Sowjetunion spricht von Koexistenz, aber sie ist noch nicht gewillt, daraus echte Konsequenzen für eine annehmbare Friedensregelung in Ost- und Mitteleuropa und für die Lösung der deutschen Frage zu ziehen.

Frankreich hat sich in großzügiger Weise bereit gefunden, den Willen der Saarbevölkerung zu respektieren, sobald dieser bekundet war. Der Entschluss, nicht länger nach einer Loslösung des Saargebietes von Deutschland zu streben, muss als ein Schritt von wirklich geschichtlicher Bedeutung angesehen werden. Er hat die Grundlage für ein ständiges und enges Zusammengehen unserer beiden Staaten geschaffen, ja, so meine ich, für ein zunehmend freundschaftliches Verhältnis zwischen unseren so eng benachbarten und aufeinander angewiesenen Völkern. Vom 1. Januar an ist die deutsch-französische Grenze endgültig gezogen. Die Jahrhunderte währenden territorialen Streitigkeiten sind beendet. Dem Aufbau Europas steht kein deutsch-französischer Gegensatz mehr im Wege.

Ein Rückblick auf das abgelaufene Jahr macht uns deutlich, wie wenig gesichert der Frieden noch immer ist. Im November, in jenen so düsteren Tagen, schien es, als stünde der Menschheit ein neuer großer Krieg bevor. Im Nahen Osten konnte die Gefahr abgewendet werden. England und Frankreich haben der Forderung der UNO nachgegeben und damit ein Beispiel gezeigt für die Lösung von Konflikten auf eine für alle Beteiligten annehmbare Weise. In Osteuropa dauert die Unruhe unter den gegen die sowjetische Herrschaft sich auflehnenden Völkern noch immer an. Das heroische Beispiel des ungarischen Volkes zeigt, dass sich die Freiheit europäischer Völker auf die Dauer nicht unterdrücken lässt.

Wir beginnen das neue Jahr somit im Zeichen von Ungewissheiten, die von jenen noch schwelenden Konflikten ausgehen. Zwar hat es den Anschein, als habe der Frieden dank der entschlossenen Haltung der Vereinigten Staaten in den letzten Wochen wieder eine Festigung erfahren, das darf uns aber nicht veranlassen, die Herde der Kriegsgefahren unbeachtet zu lassen. Unser Bündnis mit den in der NATO und in der Westeuropäischen Union zusammengeschlossenen Nationen bedeutet für uns eine verlässliche Sicherung gegen einen Angriff auf das Gebiet der Bundesrepublik. Gerade darum halte ich es für ein Gebot unserer gefahrvollen Zeit, durch den schnellen Ausbau der Bundeswehr auch unseren eigenen Beitrag für Frieden und Sicherheit zu leisten.

In der Bundesrepublik ist uns eine Reihe von Jahren beschieden gewesen, die mit einem gewissen Recht mit den biblischen "sieben fetten Jahren" verglichen werden können. Seit 1949 haben wir aus dem Nichts heraus wieder unsere innere staatliche Ordnung geschaffen, der Wirtschaft die Vollbeschäftigung ermöglicht, dem deutschen Volk einen angesehenen Platz unter den Nationen errungen, den drückendsten Teil der Kriegsschäden beseitigt und jedem Einzelnen ein gewisses, oft nicht geringes Maß an Wohlergehen ermöglicht. Diese sieben guten Jahre brauchen keineswegs ein Ende zu finden, aber es wäre doch gut, wenn wir uns vor Augen halten würden, dass das Errungene auch erhalten sein will.

Im Herbst des Jahres 1957 werden wir an einem Kreuzweg stehen. Der Deutsche Bundestag ist neu zu wählen, und nach seiner Mehrheit muss die Bundesregierung neu gebildet werden. Seit der ersten Bundestagswahl im Jahr 1949 hat der deutsche Wähler vor keiner so weittragenden Entscheidung gestanden. Damals wurde durch den Willen der Mehrheit der Wähler die Voraussetzung für unsere seitdem betriebene Politik und ihre Erfolge geschaffen. Es ging stetig voran und aufwärts. In die Hand des Wählers wird im Herbst die Entscheidung gelegt sein, ob dieser Kurs fortgesetzt werden soll. Behalten, was wir errungen haben? Sichern, was jeder sich wieder aufgebaut hat nach den Jahren der Zerstörung? Oder experimentieren mit unerprobten, wenn nicht waghalsigen und unklaren Ideen? Das ist die Frage, auf die sich jeder vorbereiten muss. Auf diese Frage muss jeder im Herbst eine Antwort geben, jeder einzelne.

So ist das Jahr 1957 auf jeden Fall ein besonderes Jahr. Wir müssen und können es mit der Hoffnung beginnen, dass die Ereignisse, die es bringen wird, unserem Volk zum Segen gereichen und dass wir uns gegenüber den Forderungen, die an uns gestellt werden, bewähren werden. Für die Erwartungen, die wir hegen dürfen, sprechen die Vorgänge auf der großen weltpolitischen Ebene. Die Dinge sind im Fluss, keine der uns drückenden Fragen ist erstarrt. Auch die Wiedervereinigung mit unseren Landsleuten in Mitteldeutschland und Berlin wird im neuen Jahre eine der großen Fragen der internationalen Politik sein. Wir werden auch hier dem Ziele näherkommen, wenn wir beharrlich bleiben und wie bisher die Unterstützung der großen freien Nationen finden, mit denen wir verbunden sind.

Quelle: Mitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 28. Dezember 1956.