6. April 1957: Hebung des Lebensstandards

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Nachdem die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) in Rom von den Regierungsvertretern unterzeichnet worden sind, müssen sie nun noch von den Parlamenten der sechs Mitgliedsstaaten bestätigt werden. Ich zweifle nicht daran, dass dies geschieht: Die Volksvertreter werden nur in rechtsgültiger Form das zu bekunden haben, was Millionen von Europäern längst als wahrhaft fortschrittlich empfinden.

Da uns mit Beschönigungen nicht geholfen ist, habe ich schon während des feierlichen Aktes in Rom auf die vielen Schwierigkeiten hingewiesen, die bis zu diesem geschichtlichen Vorgang zu überwinden gewesen sind. Es mag uns jetzt stärken, dass selbst harte Rückschläge überwunden wurden. Wenn ich betone, dass die Optimisten, nicht die Pessimisten recht behalten haben, dann mögen jetzt besonders auch Zweifler und Widersacher die schöpferische Kraft des guten Willens respektieren. So wird sich auch ihnen der Weg zur sachlichen Zusammenarbeit aller freien Europäer öffnen. Sie können diesen gemeinsamen Weg um so leichter wählen, als er nur von friedlichen Zwecken vorgezeichnet wird. Kein Staat und kein Volk ist ausgeschlossen, jeder kann dieser Gemeinschaft beitreten, wenn er ihre Ziele auch für sich als höchst entscheidend anerkennt.

Wenn wir vom Gemeinsamen Markt sprechen, dann haben wir letzten Endes das Vereinigte Europa vor Augen. Dies aber soll sich nicht abkapseln, sondern durch die eigene Stabilisierung im großen Chor der Völker ein verlässlicher Freund werden. Aus der spannungsreichen Vergangenheit Europas ist leider schon so viel Unheil für die Welt entstanden, dass nichts unversucht bleiben sollte, neuen Verwicklungen gründlich vorzubeugen. Je mehr Europäer sich diesem Bestreben anschließen, desto leichter wird das Ziel zu erreichen sein und um so schneller werden die vielen Hypotheken abgetragen. Uns Europäern darf es nicht genügen, dass mit der Wandlung der Weltkonstellation die einstige Furcht vor Europa geschwunden ist. Wir sollten gemeinsam so handeln, dass man uns überall wieder die Achtung entgegenbringt, die dem einstigen Fortschrittspionier um so lieber gezollt wird, je offener er die Leistungen derjenigen anerkennt, die ihm folgten, ihn einholten oder gar überrundeten. Es gibt sicher nur wenige, die dem alten Kulturträger Europa einen Todesstoß wünschen; weit größer ist die Zahl derer, die in ihm einen Bürgen des Völkerfriedens und des Fortschritts sehen möchten.

Über eins mussten wir uns im freien europäischen Raum in den letzen Jahren klar werden: Ohne die politische Einigung bleiben die einzelnen Völker Europas kaum mehr als Mitläufer in der weltpolitischen Entwicklung - und alle politischen Bemühungen bleiben wirkungslos ohne die Zusammenfassung des wirtschaftlichen Potentials. Keine der Nationalwirtschaften kann sich dem wirtschaftlichen Wachstumstempo der USA und der Sowjetunion mit Aussicht auf Dauererfolg anpassen, wenn sie für sich allein handelt. Im Zusammenschluss dagegen liegen alle Möglichkeiten.

Europas Abgleiten muss Einhalt geboten werden! Noch vor hundert Jahren betrug Europas Anteil an der Weltwirtschaft 75 Prozent, heute erreicht er gerade noch 30 Prozent. Setzt man für den Stand der Industrieproduktion im Jahre 1938 jeweils die Richtzahl 100, dann ist seitdem die Produktion in Europa auf 172, in den Vereinigten Staaten aber auf 278 und in der Sowjetunion sogar auf 415 gestiegen. Gerade dieser industrielle Aufschwung der Sowjetunion macht auf einige schwächer entwickelte Völker außerhalb Europas beachtlichen Eindruck. Sie fragen ja nicht nach den Opfern der staatssozialistischen Methoden. Gleichzeitig ist nicht zu verkennen, dass die kommunistische Zentrale nur auf eine Verschlechterung der sozialen Verhältnisse in Westeuropa wartet.

Die hier angedeuteten Gefahren müssen nun ihre gründliche Umwertung in europäische Auftriebskräfte finden. Aus dem Kränkeln muss der entschlossene Wille zur Mobilisierung aller Gesundungskräfte werden! Europa hat noch Entfaltungsmöglichkeiten, und Optimismus ist in meinen Augen mehr als eine bloße Gefühlswallung. Es geht jetzt darum, die Erkenntnisse der den Gemeinsamen Markt vorbereitenden Sachverständigen in die Vorstellung jedes einzelnen klärend hineinwirken zu lassen. In einem Bericht der Sachverständigen hieß es z. B.: "Die rasche Produktionsausweitung der letzten Jahre in Europa soll nicht unterschätzt werden, sie sollte aber auch nicht zu falschen Vorstellungen verleiten. Die Entwicklung der Produktivität in Europa wurde durch eine schnelle Anpassung an neue Produktionsmethoden, die seiner Wirtschaft infolge der gegebenen Umstände lange vorenthalten geblieben waren, begünstigt. Beim gegenwärtigen Stand der wirtschaftlichen Organisation könnten diese Fortschritte jedoch nicht fortgesetzt und der bisherige Expansionsrhythmus aus eigener Kraft nicht aufrechterhalten werden."

Die Folgerungen aus diesen Feststellungen müssten für jedermann einleuchtend sein: mit dem Gemeinsamen Markt soll in Europa ein großer Wirtschaftsraum entstehen, der die Grundlage für eine gemeinsame Wirtschaftspolitik bietet, für eine stetige wirtschaftliche Ausweitung sorgt, gegen Rückschläge weitgehend gesichert ist und insgesamt eine baldige Hebung des Lebensstandards zur Folge haben wird.

Quelle: Münstersche Zeitung vom 6. April 1957.