10. Juli 1957: Vorsichtig

Von Bundeskanzler Dr. Adenauer

Die möglichen Auswirkungen der jüngsten Ereignisse in Moskau sind sehr vorsichtig zu beurteilen. Aus dem Personenwechsel in der Spitzengruppe der Kommunistischen Partei und der Regierung ist für uns in der Bundesrepublik kein zwingender Grund für eine veränderte Einstellung gegenüber dem Osten abzuleiten.

Für die Bundesrepublik war die enge Anlehnung an die Gemeinschaft der freien Völker des Westens eine unbedingte Lebensnotwendigkeit. Da der Westen in seiner Gesamtheit nach wie vor die Abrüstung erstrebt, ist es böswillige Verleumdung, der Bundesrepublik vorzuwerfen, sie behindere den Fortgang der Abrüstungsverhandlungen. Wir sind auch kein Hindernis in der Frage der Inspektion europäischer Gebiete, zumal wir schon einer Inspektion durch die Westeuropäische Union unterliegen. Wenn wir zu jeder uns möglichen Unterstützung einer kontrollierten Abrüstung auf dem Gebiet der atomaren und konventionellen Waffen bereit sind, dann tun wir dies in der Erwartung einer wirklichen Beseitigung der Ursachen der Spannungen.

Dazu gehört für uns nicht zuletzt die Aufhebung der Teilung Deutschlands. Da unsere westlichen Partner bereits entsprechende Zusagen gegeben haben, hat Moskau jetzt einen entscheidenden Schritt zu tun.

Quelle: Ruhr-Nachrichten vom 10. Juli 1957.