5. September 1957: Das Erreichte nicht aufs Spiel setzen

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Am 15. September haben die Wähler in der Bundesrepublik eine echte Entscheidung zu fällen. Sie können zwischen verschiedenen Parteien wählen. In ihre Hand ist damit die Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes gelegt. Was erhoffen wir von der Zukunft und worum geht es uns allen? Was wir alle wollen, ist Frieden in Sicherheit und Freiheit. Diese zwei Grundforderungen sind nicht voneinander zu trennen.

Die Frage ist nicht zum ersten Mal gestellt. Sie ist gestellt, seit es eine Bundesregierung gibt. Wenn es uns damals nicht gelungen wäre, aus den Trümmern des Zusammenbruchs die Wirtschaft aufzubauen und den Menschen Arbeit zu geben, dann wäre der Kommunismus nicht mehr aufzuhalten gewesen. Was in diesen acht Jahren dank dem Fleiß und der Tüchtigkeit des deutschen Volkes und dank einer guten Wirtschaftspolitik geleistet wurde, sieht jeder.

Aufwärtsentwicklung

Aber nur materiell und nur vom Wohlbefinden des einzelnen aus möchte ich die Frage nicht betrachten. Was wir wirtschaftlich erreicht haben, und was wir in stetiger Aufwärtsentwicklung Schritt für Schritt weiter erreichen wollen, ist eine innere Festigkeit des einzelnen, eine innere Sicherung gegen den Kommunismus. Wir sind auf dem besten Wege zur Erreichung dieses Zieles; deshalb dürfen wir das Erreichte nicht aufs Spiel setzen.

Wirtschaftliche Sicherheit ist abhängig von den großen politischen Entscheidungen, die unsere Zeit verlangt. Wer glaubt, dass er einen Staat von der Größe der Bundesrepublik aus den großen Entscheidungen der Weltmächte heraushalten könnte, wer also an die Möglichkeit einer Neutralität glaubt, hegt Illusionen, er kennt die Wirklichkeit nicht. Nichts ist törichter als das Gerede von den beiden Machtblöcken, aus denen man die Bundesrepublik und die Sowjetzone lösen müsse.

Erst als die Tschechoslowakei von innen heraus durch einen kommunistischen Staatsstreich überrumpelt worden war, und als ein paar Jahre später die kommunistischen Truppen mitten im Frieden Südkorea überfielen, um den Kommunismus dort voranzutragen, fand sich der Westen zur Verteidigung zusammen. Für Europa ist das unter der unmittelbaren Bedrohung durch den aggressiven Kommunismus geschaffene Verteidigungsbündnis das atlantische Bündnis, die NATO.

NATO - Schutz des Friedens

Sein Vorhandensein hat sich in den vergangenen Jahren als ein so wirksamer Schutz für uns erwiesen, dass es zum Hauptangriffsziel der sowjetischen Politik geworden ist. Aus allen kommunistischen Sendern, sei es der Sowjetzone, sei es der Sowjetunion selbst, ist täglich die Forderung zu hören, dass die Bundesrepublik aus der NATO ausscheiden solle.

Solange die Bündnisverpflichtungen der NATO, deren stärkste Vormacht die Vereinigten Staaten sind, für die Bundesrepublik bestehen, kann Moskau nicht darauf rechnen, ganz Deutschland in den kommunistischen Herrschaftsbereich einzuverleiben. Die NATO ist der stärkste Schutz des Friedens, den wir haben, solange nicht eine kontrollierte Abrüstung und ein Friedensvertrag Wirklichkeit geworden sind. Diesen Schutz in Frage stellen heißt, unsere Freiheit und unsere Sicherheit in Frage stellen.

Es ist sicher nicht unbeachtlich, dass, mit Ausnahme der deutschen Opposition und gewisser englischer Sozialisten, die Sozialdemokraten der anderen europäischen Staaten sich dieser Tatsache klar bewusst sind, und zu dem Gedanken einer gemeinsamen europäischen Verteidigung verantwortungsbewusst "Ja" sagen. Sie wissen alle, dass es lebensgefährlich ist, den realen Schutz vor einem Angriff einzutauschen gegen unreale Vorstellungen eines Sicherheitssystems, das auf dem Papier steht.

Ein Schicksalstag

Wenn man daran festhält, dass eine Wiedervereinigung nur eine Wiedervereinigung in Freiheit und nicht in kommunistischer Zwangsherrschaft sein darf, dann erübrigt sich auch der Einwand, dass die NATO, die allein Frieden und Freiheit für uns schützt, die Wiedervereinigung gefährdet. Im Gegenteil, nur wenn die Sowjets endgültig erkennen, dass sie die Bundesrepublik nicht in den kommunistischen Machtbereich einbeziehen können, werden sie sich zu einer friedlichen Vereinbarung bereitfinden, die die "Wiedervereinigung" herbeiführt.

Die deutsche Opposition hat sich leider in den Gedanken verrannt, die Zugehörigkeit der Bundesrepublik zum atlantischen Bündnis und ihren angemessenen Beitrag zu diesem Bündnis zu einer Wahlfrage zu machen. Sie hat damit den 15. September zu einem Schicksalstag für Deutschland gemacht. Unsere Freiheit und unsere Sicherheit sind damit an diesem Tage in Frage gestellt. Ich hoffe, dass kein Wähler in der Bundesrepublik dieser schicksalsvollen Entscheidung ausweicht.

Quelle: "Parteiführer zur Wahl", in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 5. September 1957.