7. September 1957: Tag der Entscheidung

Von Dr. Konrad Adenauer, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union

In diesen Tagen hat der Wahlkampf seinen Höhepunkt erreicht. Wir nähern uns dem 15. September, dem Tag der Entscheidung. Es ist keine Phrase, wenn der Ausgang dieser Wahl gleichgesetzt wird mit einer Entscheidung zwischen Freiheit, Sicherheit und Wohlstand oder aber der Preisgabe alles dessen, was wir bisher erreicht haben. Das Schicksal unseres Volkes liegt in diesen Zeiten mehr als je vorher in der Hand unserer Wähler, denn eine falsche Entscheidung würde zugleich auch die Sicherheit der westlichen Welt aufs Spiel setzen.

Wer die Weltpolitik nach dem letzten Kriege mit offenen Augen und nüchternem Verstand verfolgt hat, muss eingesehen haben, dass alle Schwierigkeiten, mit denen wir und mit uns die westlichen freien Völker jeden Tag zu ringen haben, auf eine Quelle zurückgehen, auf die ungehemmte Machtpolitik des Bolschewismus. Moskaus Ziel ist auch heute noch ohne jegliche Einschränkung die Eroberung der Welt und die Herrschaft des Kommunismus. Das ist selten so deutlich geworden wie in der jüngsten Zeit. Ich darf an Ungarn erinnern, dessen Freiheitskampf von der Roten Armee blutig niedergeschlagen worden ist. Das Schicksal Ungarns kann morgen schon unser Schicksal sein, wenn der Westen gegenüber den Sowjets die Politik einer leichtfertigen Gutgläubigkeit betreiben würde, eine Politik, die die Sozialdemokraten jeden Tag lauter fordern. Die Führer der SPD haben offenbar die Lehren aus Ungarn nicht begriffen, oder sie wollen sie nicht begreifen. Ich erinnere an das gefährliche Spiel Moskaus in Syrien, das nicht weit davon entfernt zu sein scheint, auf dem Wege eines vom Kreml ferngesteuerten Staatsstreiches das Schicksal einer kalten kommunistischen Gleichschaltung zu erleiden. Muss das wahre Ziel der sowjetischen Politik noch brutaler offenbart werden als durch die Haltung der Sowjetunion auf der Londoner Abrüstungskonferenz? Der sowjetische Unterhändler Sorin lehnte alle Vorschläge der westlichen Verhandlungspartner ab, und gleichzeitig geben die Kremlmachthaber die Explosion von Atombomben und die geglückte Erprobung einer weitreichenden Atom-Rakete bekannt. Wer in diesem Verhalten nicht eine gezielte Drohung erblickt, ist ein Träumer. Ich habe nichts von Protesten seitens der SPD gegen dieses Verhalten der Sowjets vernommen.

Man muss sich angesichts dieser sowjetischen Politik fragen, welchen Sinn es haben kann, Deutschland zu neutralisieren und die Garantie für Sicherheit und Frieden in einer Bündniskonstruktion zu sehen, die von den politischen Absichten Moskaus wehrlos abhängig wäre. Die Auffassung der Sozialdemokraten, man könne ein Land wie die Bundesrepublik aus dem Geschehen der Weltpolitik heraushalten, ist eine unsinnige und zugleich gefährliche Illusion. Die jüngste Geschichte hat doch eindrücklich genug bewiesen, dass erst die Gründung des atlantischen Bündnisses der brutalen Unterwerfungspolitik der Sowjets ein energisches Halt geboten hat. Aus der NATO auszutreten, wie die Sozialdemokraten es fordern, wäre der Anfang unseres Untergangs. Unser Land wäre der Willkür der Sowjetpolitik ausgeliefert, und zugleich wäre die NATO in einem entscheidenden Maße geschwächt. Sie dann aufzulösen wäre der logische zweite Schritt, der für ganz Europa der Beginn des Weges in die Angst und in die Unsicherheit, in Sklaverei und Kommunismus bedeuten würde.

Eng mit diesem Problem hängt die Frage der allgemeinen kontrollierten Abrüstung zusammen. In London haben die Sowjets die westlichen Vorschläge zur Zeit abgelehnt. Sowjetrussland scheint also weiterhin den weitaus größten Teil seiner Industrie der Aufrüstung dienstbar machen zu wollen, ja, es hat den Anschein, dass es sein Rüstungstempo noch verschärfen wird, um die Überlegenheit auf militärischem Gebiet zu erreichen. Gegen diese ständige Bedrohung war bisher die NATO der einzige, aber auch wirklich der einzige Schutz für unser Land und für die ganze westliche Welt. In diesem Augenblick ist das atlantische Bündnis notwendiger denn je. Bei diesem Stand der Dinge ohne Verbündete vor die Sowjets hinzutreten und etwas von ihnen zu verlangen, käme der Selbstaufgabe gleich.

Und wir haben sehr viel von der Sowjetunion zu verlangen: die Wiedervereinigung unseres Volkes. Wir wollen diese Wiedervereinigung in Frieden, aber auch in Freiheit, nicht unter kommunistischen Vorzeichen. Den Sowjets muss immer klar bleiben, dass sie die Bundesrepublik nicht einfach in ihren Satellitenbereich einverleiben können. Nur unter dem Gewicht der friedlichen Macht der freien Welt, in der wir einen fest begründeten Platz einnehmen, wird sich die Sowjetunion zu einer friedlichen Vereinbarung über die deutsche Wiedervereinigung bereitfinden. Wer eine solche nüchterne Erkenntnis heute noch als "gefährliche und überlebte Politik der Stärke" verunglimpft, ist entweder blind für das weltpolitische Geschehen, oder aber leichtfertig in der Beurteilung der Situation.

Der Wähler hat es am 15. September in der Hand. Er weiß, was zur Entscheidung steht, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die Vernunft des deutschen Wählers wird alle Experimente mit ihm selbst und an seiner Heimat zurückweisen.

Quelle: Münchner Merkur vom 7. September 1957.