9. September 1957: Konsequent vorwärts!

Von Dr. Konrad Adenauer

Die Wähler des Dritten Deutschen Bundestages sehen sich einer größeren Verantwortung gegenüber als vor vier Jahren bei der Wahl des jetzigen Parlaments. Wer rückschauend den Strom der innerdeutschen und internationalen Entwicklung verfolgt, der wird in der Erwartung bestärkt, dass während der nächsten Legislaturperiode bis 1961 sehr wichtige Entscheidungen fallen; so über die Wiedervereinigung, über das Geschick Europas, über die Frage der Abrüstung und überhaupt des Friedens in der Welt.

Die Christlich-Demokratische Union und die mit ihr engverbundene Christlich-Soziale Union gehen in ihren Bemühungen um die Erhaltung der bisherigen Regierungsbasis von der Erkenntnis aus, dass die Kontinuität des Kurses Westdeutschlands gesichert werden muss. Für diesen Kurs ist charakteristisch, dass Innen- und Außenpolitik konsequent aufeinander abgestimmt worden sind. Das Entgegenkommen unserer einstigen Kriegsgegner im Westen wurde von uns nicht nur dankbar hingenommen, sondern mit einem aktiven Einsatz für die Festigung der Gemeinschaft freier Völker beantwortet. Dafür haben sich CDU und CSU mit allen Kräften eingesetzt, ungeachtet einer hartnäckigen Opposition vorwiegend aus den Reihen der Sozialdemokraten.

Die CDU/CSU ging von der Einsicht aus, dass infolge des technischen Fortschritts nur der noch den Realitäten gerecht werden kann, der in der Politik großräumiger denkt und handelt. Das Zeitalter des Nationalismus muss auch für Deutsche als überwunden gelten. Unsere Parteigemeinschaft hat sich nach dem Kriege gegen jede Bestrebung gewehrt, die das deutsche Volk wieder auf den Weg des Nationalismus mit all seinen Phrasen, Verwirrungen und Irrungen zu führen versuchte. Deshalb sind wir ohne Zögern für eine Zusammenarbeit mit allen freien Völkern eingetreten, sobald uns von ihnen die Hand entgegengestreckt worden ist. Für uns war es folgerichtig, unseren wachsenden Kräften entsprechend für die wirtschaftliche und politische Einigung der Völker Europas in Freiheit und Selbstbestimmung einzutreten sowie für die Sicherung der freien Welt durch das atlantische Bündnis.

Die CDU/CSU erstrebt Eigentum für jeden und Wohlstand für alle. Der zur Erreichung dieses Zieles eingeschlagene Weg hat sich als erfolgreich erwiesen. Die bisherige Wirtschafts- und Sozialpolitik bietet dafür eindrucksvolle Beweise. Das spricht für unsere Partei; denn sie ist als größte Partei Hauptträger der Verantwortung sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Legislaturperiode gewesen. Für unsere Partei ist es selbstverständlich, dass sie nicht aufhört, vor leichtfertigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Experimenten zu warnen, durch die alle bisherigen Aufbauerfolge Westdeutschlands ernstlich bedroht werden könnten.

Unsere Partei denkt nicht daran, künftig etwa in einer Art Selbstzufriedenheit zu verharren. Dafür steht innen- wie außenpolitisch noch zu viel Unvollkommenes vor uns. Zu unseren Forderungen für die Zukunft gehört die unbeirrte Fortsetzung und Sicherung der sozialen Marktwirtschaft unter Berücksichtigung der besonderen Lage des deutschen Mittelstandes und der Landwirtschaft. Zu unserem Bemühen um die Stabilität der Währung wie auch der Preise kommt das Drängen auf maßvolles Verhalten der Sozialpartner, der Verbände und nicht zuletzt auch sinnvolles Handeln des Staates. Die innere Festigung unseres noch jungen Staatswesens im Zeichen sozialer Sicherheit soll konsequent gestärkt werden durch großzügige Förderung von Familie, Jugend und Volksgesundheit, Forschung, Lehre und Erziehung. Die Politik unserer Union soll dem Wohle aller Schichten des Volkes dienen, den Einheimischen, Vertriebenen und Flüchtlingen, den Arbeitern, Angestellten und Unternehmern, den Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, den Beamten und Soldaten, den Forschern, Erziehern und allen in freien Berufen Schaffenden.

Wie schon gesagt, werden wir uns in den nächsten Jahren noch mehr als bisher dem Mittelstand widmen; nicht nur dem Mittelstand, der im Sinne und im Interesse der Wirtschaft unentbehrlich ist, sondern auch dem Mittelstand der freien Berufe, Beamten und Soldaten. Dieser Mittelstand im weitesten Sinne ist und bleibt ein tragendes Moment unseres Staates und Volkes.

Unsere Partei wird nicht müde werden in ihren Bestrebungen, im eigenen Staatsgebiet allen neuen Ansätzen zum Klassenkampf, dem Kollektivismus und Materialismus Einhalt zu gebieten. Ebenso entschieden aber wird sie alles unterstützen, was die freien Völker noch enger als bisher zusammenführen kann, vor allem im europäischen Raum. Auf die Verteidigungsmöglichkeiten für das schon Errungene werden wir nicht verzichten - ebenso wenig wie auf die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands.

Quelle: Neue Tagespost, Osnabrück vom 9. September 1957.