30. September 1958: Die Kunst des Möglichen

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die Politik, von der gesagt wird, sie sei die Kunst des Möglichen, muss tatsächlich ihre Handlungen mit einem gesunden Realismus den Gegebenheiten anpassen. Wo das Ganze im Augenblick noch nicht erreichbar ist, wird versucht werden müssen, den Teil davon zu verwirklichen, der die Möglichkeit dazu bietet. Nur dann dürfen wir darüber hinaus auf die Kraft der weiteren Entwicklung vertrauen.

Ein Politiker würde falsch handeln, der das Gute nicht tut, weil das Bessere noch nicht erlangbar ist, oder der den Schritt, der heute möglich ist, unterlässt, weil er glaubt, dass ihm der größere, umfassendere Schritt wohl morgen gelingen könnte. Das Heute steht auf dem Gestern und das Morgen steht auf dem Heute. Es gibt nicht nur ein Heute, oder gar - wie es Dynamiker gern sehen möchten - nur ein Morgen, sondern es gibt auch ein Gestern, das sowohl das Heute wie das Morgen entscheidend beeinflussen kann. Man muss also das Gestern kennen und daran denken, wenn man das Morgen wirklich gut und dauerhaft gestalten will. Das gilt für die einzelne Nation, vor allem aber in unserer Zeit auch für unsere Arbeit im größeren europäischen Rahmen.

Schon der technische Fortschritt zwingt uns, neue Formen des internationalen Zusammenlebens zu suchen. Überall bieten großräumige Zusammenschlüsse die Antwort auf die Frage, wie Frieden und Wohlfahrt gesichert werden können. Wir sollten davon überzeugt bleiben, dass es möglich ist, diese Gemeinschaften auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Gleichberechtigung aufzubauen. Nur wenn die Freiheit das Grundelement dieser Gemeinschaften ist, haben sie Aussicht auf Bestand. Es ist ein Leben der Würde, das der Westen der Zwangsherrschaft entgegenstellen muss, wenn er sich behaupten will. Dabei dürfen wir uns der Erkenntnis nicht verschließen, dass keiner der europäischen Nationalstaaten heute auf sich allein gestellt in der Lage ist, seinen Bürgern Wohlfahrt und Freiheit zu garantieren und das nationale Territorium ausreichend zu schützen. Deshalb müssen wir auch unabhängig von allen Spannungen zwischen Ost und West zu einem geeinten Europa kommen.

Immer aber sollten wir uns bewusst bleiben, dass niemand ein irdisches Paradies versprechen kann; denn das Glück des Menschen liegt immer in Gottes Hand. Wir dürfen fest glauben, dass auf dem Wege, den wir beschreiten, um Frieden und Freiheit zu gewinnen, größere Glücksmöglichkeiten zu finden sind als in der kommunistischen Welt. Gewiss werden Waffen allein den Frieden und die Freiheit nicht sichern können. Auch ein hoher Lebensstandard allein kann die gefährliche Kraft des materialistischen Kommunismus nicht überwinden. Wir werden unsere freiheitlichen Lebensformen nur dann behaupten können, wenn es uns gelingt, die religiösen und geistigen Kräfte der abendländischen Welt zu mobilisieren.

Ganz besonders in Deutschland haben wir in einer nicht sehr weit zurückliegenden Vergangenheit erkennen müssen, was es bedeutet, wenn einer Politik das ethische Fundament fehlt. Darum wollen wir gemeinsam mit befreundeten Völkern uns auch in der sogenannten Tagespolitik darum bemühen, über die Gegenwart hinauszuschauen und die Werte des christlichen Abendlandes lebendig zu erhalten.

Quelle: Tages-Anzeiger, Regensburg vom 30. September 1958.