24. Dezember 1958: Für den Frieden auf Erden

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Diese Weihnacht war schon greifbar nahe, als Moskau mit seiner scharfen Drohung gegen Westberlin auch bei Leichtgläubigen den Rest der Illusionen zerstörte, der Kommunismus könne vom Frieden auf Erden vielleicht doch noch eine Vorstellung gewinnen, die der unseren ähnelt.

Noch leuchteten nicht alle Adventskerzen, als dem Kreml bereits die Antwort gegeben wurde. Bestimmt schneller und umfassender als dort erwartet. Sie kam aus Paris, das bei dieser Gelegenheit zum Inbegriff der gesamten freien Welt wurde. Die Außenminister und militärischen Führer der für Berlin besonders verantwortlichen Westmächte und der übrigen Mitglieder des Nordatlantikpaktes - einschließlich der Bundesrepublik Deutschland - haben als Gemeinschaft auf Moskaus Schritt reagiert. Der weltrevolutionäre Machtwille des Kommunismus ist offensichtlich um nichts vermindert. Aber die mit großem Nachdruck ausgesprochene Bereitschaft, Westberlin als Insel der Freiheit gegen den Ansturm der roten Flut verteidigen zu wollen, ist in ihrer betonten Entschiedenheit nicht weniger stark.

Die demokratischen Nationen haben keinen Zweifel darüber gelassen, dass sie ihr eigenes Schicksal mit dem Westberlins als unlösbar verbunden betrachten. Gegenüber der Zeit der Blockade Berlins vor zehn Jahren ist der Kreis derer, die uns in der Gefahr beistehen werden, erheblich größer geworden. Einmal, weil die Bundesrepublik das Vertrauen des Westens gewinnen konnte, und zum anderen, weil der Kreml inzwischen jede ihm günstig erscheinende Gelegenheit wahrgenommen hat, neue Unruheherde in der Welt entstehen zu lassen. Nirgendwo konnten die Spannungen restlos beseitigt werden, weil der Kommunismus nicht daran denkt, sich dort Bescheidung aufzuerlegen, wo er einmal vorgestoßen ist.

Trotz der bösen Erfahrungen ist die Friedfertigkeit der Bundesrepublik und der mit ihr verbündeten Mächte um nichts vermindert worden. Heute gilt wie im September 1955, was ich in der Grundsatzerklärung auf der Moskauer Konferenz gesagt habe: "Es ist eine Tragik der Weltlage, an der wir teilhaben, dass wir mit unserem neugeformten Staatswesen in eine Welt hineingestellt wurden, der durch die große Problematik des Ost-West-Verhältnisses ihr Gepräge gegeben wird. Wenn wir in dieser Lage vor allem durch die Gründung der Westeuropäischen Union und durch unseren Beitrag zum Nordatlantikpakt Anlehnung an eine größere Organisation von Staaten gefunden haben, so war dafür ausschließlich unser Wunsch, den Frieden zu stärken, maßgebend. Niemals und bei niemandem hat dabei der Gedanke eine Rolle gespielt, diese westliche Organisation könne als ein Mittel des Angriffs benutzt werden." Daran hat sich weder für die Bundesrepublik noch für ihre Verbündeten durch die letzten Pariser Beschlüsse etwas geändert.

Wir stehen jetzt im zehnten Jahr der Existenz der Bundesrepublik Deutschland. Unser eigener Wille und der Geist der europäischen Zusammenarbeit haben fruchtbar zusammengewirkt und erreicht, dass manche böse Hinterlassenschaft der Vergangenheit überwunden ist. Wir haben in Westdeutschland Erfolg mit unserer Aufbauarbeit, wir haben aber auch nicht versäumt, im eigenen Lande jeden dem Frieden abträglichen Radikalismus zu bekämpfen, ob er von rechts oder links droht. Unser Handeln bestimmt im Innern und nach außen allein der Wunsch, unsere demokratischen Grundrechte zu sichern und die Freiheit und Einheit Deutschlands zu vollenden. Nichts davon kann geopfert werden, ohne die Gefährdung des Friedens ins Unabsehbare zu steigern.

Moskaus Haltung hat selbst einigen Anteil daran, wenn in der westdeutschen Bevölkerung sich die Einsicht verbreitete, dass die Bundesregierung und die Mehrheit des Parlaments richtig gehandelt haben. Richtig, indem sie von deutscher Seite durch entschlossene Taten dazu beitrugen, dass nicht nur jeweils zur Weihnachtszeit etwas vom Frieden auf Erden zu spüren ist. Hätten wir nicht die Bundesrepublik aktiv in die große Verteidigungsgemeinschaft des Westens eingegliedert, dann wäre jetzt bestimmt der Fall Berlin ohne das Pariser Echo geblieben. Nun werden wir die Zuversicht haben dürfen, dass weder Westberlin noch die Bundesrepublik allein stehen, wenn es gilt, Moskaus Griff nach der Freiheit mit Festigkeit abzuwehren.

Quelle: Ruhr-Nachrichten, Dortmund vom 24. Dezember 1958. Zugleich in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 237 vom 23. Dezember 1958, S. 2349.