19. Dezember 1959: Ruf zur Selbstbesinnung

Wir müssen fest, klar und überzeugend im Lager der Freiheit stehen

Von Bundeskanzler Dr. Adenauer

Mehr als in den vergangenen Jahren geht beim Jahreswechsel 1959/60 unsere Erinnerung zurück zu den Anfängen der Bundesrepublik 1949. Eine schwere, fast nicht zu erfüllende Aufgabe lag damals vor uns. Unser Weg führte schrittweise, langsam und mühsam aus Trümmern, Elend, Heimatlosigkeit, Zerrissenheit in ein von Nebel verhülltes Neuland. Wir alle haben es als Zeugen und Zeitgenossen selbst erlebt, das zähe Ringen zur Beseitigung der Trümmerfelder, die Sicherung unseres Staates, den wirtschaftlichen Aufbau, die ersten Versuche zur Heilung der schweren sozialen Wunden, nicht zuletzt das Streben zur Wiedergewinnung unserer politischen Handlungsfreiheit. Manches ist heute leider in Vergessenheit geraten - ich sage leider, weil unserem Volk in unserer schnelllebigen Zeit nichts so sehr nottut, wie die Besinnung auf die politischen Zusammenhänge. Vielen fehlt ja schon das Bewusstsein unserer trostlosen Ausgangslage von 1945. Sie denken und handeln nur aus den Überlegungen des Tages.

Überlegungen von der Politik als der "Kunst des Möglichen" waren in den deutschen Politikern wach, als sie gegen mancherlei Widerstände 1949 im Grundgesetz die Fundamente der Bundesrepublik Deutschland legten. Der gleiche Geist beseelte den Bundestag und die Bundesregierung, als sie im September 1949 ins Leben traten. Die deutsche Außenpolitik war bedacht auf eine freundschaftliche Verbindung zu unseren früheren Gegnern. Sie förderte das europäische Einigungswerk auf allen Gebieten, sie leistete angesichts der kommunistischen Weltgefahr einen militärischen Beitrag zur Verteidigung der freien Welt und damit des eigenen Landes. Sie gliederte die Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem ein. Damit gewann sie die Westmächte für die deutsche Politik der Wiedervereinigung und für die Sicherung Berlins.

Bei der Blockade Berlins, während der Korea-Krise, im Ringen um die Freiheit Deutschlands bis auf den heutigen Tag ist es uns zum Bewusstsein gekommen, was dieser Rückhalt bedeutet. Er lieferte den Beweis, dass die deutsche Politik seit 1949 ein wohldurchdachtes Handeln auf weite Sicht war. In zwei Männern, die beide in diesem Jahr in die Ewigkeit eingegangen sind, hatten wir dabei Freunde und tatkräftige Helfer: John Foster Dulles und George Marshall.

Wenn unser aller Ziel, die Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit, noch nicht erreicht wurde, ja wenn es heute in die Ferne gerückt zu sein scheint, so liegt die Schuld eindeutig an der Haltung der Sowjetunion. Die jüngste Entwicklung hat erneut bewiesen, dass wir auf die Zustimmung der Regierung der UdSSR zu einer Politik der echten Entspannung und damit auch zu Konzessionen in der deutschen Frage erst dann hoffen können, wenn die Politik der Festigkeit und Entschlossenheit des Westens Moskau davon überzeugt hat, dass seine jetzige Politik zum Scheitern verurteilt ist. Für mich ist diese Erkenntnis das Ergebnis einer zehnjährigen traurigen Erfahrung.

Beim Rückblick auf das Jahr 1959 haben wir zunächst unserem bisherigen verehrten Herrn Bundespräsidenten Theodor Heuss von Herzen zu danken für sein beispielhaftes Wirken an der Spitze unserer jungen Republik in den ersten zehn Jahren des Aufbaus der Bundesrepublik Deutschland. Sein demokratisches Verantwortungsbewusstsein, sein lebendiger Sinn für die Gestaltung des öffentlichen Lebens, seine tiefe natürliche Menschlichkeit, die er ausstrahlte, haben wesentlich dazu beigetragen, unserem Volk zur Selbstbesinnung zu verhelfen, aber auch dazu, ihm seine Achtung und seine Anerkennung in der Welt zu gewinnen.

Der Ausbau des deutsch-französischen Bündnisses, dessen Zustandekommen nach so langer Zeit der deutsch-französischen "Erbfeindschaft" ein historisch-politisches Ereignis von entscheidender Bedeutung ist, wurde auch in diesem Jahre durch wiederholte persönliche Begegnungen mit dem französischen Staatschef, General de Gaulle, bekräftigt. In gleicher Weise kam das mehrfache Zusammentreffen mit unseren anderen westlichen Freunden, insonderheit der denkwürdige Besuch von Präsident Eisenhower in Bonn und mein jüngster Besuch in London, der Entwicklung des westlichen Bündnisses zustatten. Während der diesjährigen Viermächte-Konferenz in Genf, bei den hartnäckigen sowjetischen Vorstößen zur Spaltung der westlichen Welt, nicht zuletzt im Ringen um Berlin, bewährte sich von neuem diese Gemeinschaft. Ich bin sicher, dass sie auch in Zukunft die Probe bestehen wird, vor allem im kommenden Jahr 1960, in dem schicksalsschwere Entscheidungen heranreifen können.

Ein offenes Wort scheint mir bei diesem Jahresrückblick noch angebracht: die wachsende Gefährdung der deutschen Position, die schon im vergangenen Frühjahr erkennbar wurde, bekräftigte damals meinen Entschluss, die Führung der deutschen Politik beizubehalten. Er hat damals viele überrascht. Ich handelte aus meinem Gewissen heraus und in ernster Sorge über die sich abzeichnenden Gefahren. Ich glaube, die Entwicklung hat gezeigt, dass ich richtig gehandelt habe.

Ich bin der festen Zuversicht, dass wir alle Drohungen in der Zukunft bestehen werden, wenn wir unsere bisherigen Ziele weiterverfolgen und ohne Schwanken fest, klar und überzeugend im Lager der Freiheit stehen.

Quelle: Westfälische Nachrichten, Münster vom 19. Dezember 1959.