30. Dezember 1959: Fest und entschlossen

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Das Jahr 1960 fordert von uns Festigkeit und Entschlossenheit. Es ist ein Erfolg, dass 1959 der sowjetische Angriff auf die Freiheit Berlins, wie er Ende 1958 im Berlin-Ultimatum angekündigt wurde, an der entschiedenen Haltung der westlichen Verbündeten geschei­tert ist. Aber die Gefahr ist noch nicht vorüber. Auch im neuen Jahr wird es unsere vordringliche Aufgabe sein, darüber zu wachen, dass die Stellung Berlins als eines Gliedes der freien Welt nicht beeinträchtigt wird. In Berlin verteidigen wir auch die Freiheit Deutschlands und der westlichen Welt.

Ohne Sicherheit kann aber die Freiheit nicht bestehen. Wir werden daher im kommenden Jahr wie bisher bemüht sein, das westliche Bünd­nis zu stärken, das seine Probe 1959 bestanden hat, und unseren Anteil an der Verteidigung zu erfüllen. Nichts ist angesichts des Ausmaßes der Bedrohung gefährlicher als sich Illusionen hinzugeben und sich durch Utopien davon ablenken zu lassen, dass die Stärkung der Abwehr notwendiger als je ist. Ich bin überzeugt, dass eine wirkliche Entspannung nur auf dem Wege über eine allgemeine und kontrollierte Abrüstung zu erzielen ist. Für eine solche Entspannung, die den Weg für sowjetische Konzessionen in der deutschen Frage freimachen könnte, ist freilich die Voraussetzung, dass die sowje­tische Regierung die Sinnlosigkeit ihrer Hoffnung auf eine Spaltung des Westens und die Sowjetisierung Westdeutschlands erkennt.

Wir müssen also unsere bisherigen Ziele weiter verfolgen. Dazu ge­hört auch - und nicht zuletzt -, dass wir im Innern wirtschaftliche und soziale Sicherheit verbürgen. Die zehnjährige erfolg- und segensreiche gesetzgeberische Arbeit von Bundesregierung und Koali­tion hat die Grundlagen geschaffen, auf denen die Bundesrepublik beruht. Sie dürfen nicht durch Unmaß und Ungeduld, gleich von wel­cher Seite, gefährdet werden. Wir sollten nie vergessen, dass der Sieg über die Arbeitslosigkeit und den mörderischen Klassenkampf eine der wichtigsten Sicherungen gegen sowjetische Infiltration ist. Wir sollten immer daran denken, wie sehr eine gesunde Sozial­politik und eine leistungsfähige Wirtschaft einander bedingen. Der Wohlstand darf uns nicht zu Experimenten verleiten noch darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Position gefährdet bleibt.

Das neue Jahr beginnt nicht ohne Sorgen und Bedrohungen. So sehr wir jeden echten Beweis einer Verständigungsbereitschaft begrüßen würden, so wenig dürfen wir uns durch unverbindliche Worte täuschen lassen. Wir denken am Jahresende unbeirrt an die Deutschen, die unter der Zwangsherrschaft Ulbrichts in der sowjetisch besetzten Zone leiden müssen. Wir bitten sie, die wir von ganzem Herzen grüssen, um Geduld. Ihr Anliegen ist auch das unsrige: Die Freiheit für das ganze deutsche Volk!

Quelle: Deutschland-Union-Dienst. Jg. 13, Nr. 248 vom 30.12.1959, S. 1f.