12. Januar 1960: Wir und der Kommunismus

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die sowjetische Propaganda behauptet neuerdings wieder sehr lautstark, wir in Westdeutschland hätten gar kein Interesse an einer weltweiten Entspannung. Statt an der Schaffung entsprechender Voraussetzungen mitzuarbeiten, wolle die Bundesregierung den "kalten Krieg" fortsetzen. Diese Deutung unserer Haltung ist selbstverständlich unbegründet. Ich halte es aber für angebracht, den Osten zu fragen, was dort eigentlich unter Fortsetzung des "kalten Krieges" verstanden wird. Nach unseren Erfahrungen kann es sich für Kommunisten nur um eine Fortdauer der Infiltration und der Unterminierung der Bundesrepublik wie überhaupt der ganzen freien Welt handeln. Demgegenüber ist es für uns wie bisher nur natürlich, dass wir uns mit aller Kraft zur Wehr setzen.

Unter den gegebenen Umständen ist es sehr schwer, an der Herbeiführung besserer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion zu arbeiten. Trotzdem halten wir dies nach wie vor für notwendig. Aber wir können deshalb nicht auf die Wahrnehmung echter Lebensinteressen unseres Volkes verzichten. Ein wirklich gutes, völlig entspanntes Verhältnis zwischen unseren beiden Staaten wird solange nicht möglich sein, wie Moskau sich weigert, den Menschen, die in dem von Kommunisten beherrschten Teil Deutschlands leben, das Recht zu geben, frei ihre Entscheidung darüber zu treffen, unter welcher sozialer Ordnung sie leben wollen. Warum eigentlich handelt Moskau so, obwohl das Recht auf diese Entscheidung doch immer wieder von Herrn Chruschtschow proklamiert worden ist?

Obwohl unsere Erfahrungen nicht ermutigend sind, werden wir unsere Bemühungen nicht aufgeben, unser Verhältnis zur Sowjetunion auf allen Gebieten zu verbessern, wo überhaupt sich gewisse Aussichten bieten. Wir gehen von der Überzeugung aus, dass die Siegeskraft der Freiheit sich letzten Endes doch durchsetzen wird. Gandhi wird recht behalten: "Freiheit ist ein Geschenk Gottes, und Gottes Gaben können seinen Kindern nicht ewig vorenthalten werden." Ich lasse mich nicht von dem Glauben abbringen, dass sogar die Enkel der heutigen kommunistischen Führer freie Menschen sein werden.

Jedenfalls haben wir vor den Herausforderungen durch den Kommunismus keine Angst. Die Tatsache, dass es der in einem totalitären System möglichen Konzentration aller Kräfte gelungen ist, so hervorragende technische Leistungen wie die "Sputniks" hervorzubringen, ist für uns noch kein Beweis für die Überlegenheit des kommunistischen Gesellschaftssystems. Auch wenn es dem Kommunismus gelingt, die Produktion und Verteilung der Gebrauchsgüter im Ostblock so zu steigern, dass der Lebensstandard des Westens eingeholt wird, so würde das für uns kein Grund zur Sorge sein. Ich glaube nämlich, dass ein Leben ohne die materiellen Sorgen, die heute noch die Menschen des Ostens bedrücken, die bereits sichtbaren Tendenzen und Wünsche im Osten fördern würden, endlich auch ein Leben frei vom seelischen Druck, von Zwang und Unfreiheit führen zu können.

Die etwaigen materiellen Fortschritte des Ostens würden aber ganz bestimmt nicht die Neigung der Menschen des Westens steigern, sich deswegen ihres durch Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde bestimmten Lebensstils zu entledigen. Die Menschen der freien Welt werden sich auch in Zukunft keinem System unterwerfen wollen, in dem man nicht frei atmen kann. Sie denken um so weniger daran, als das kommunistische Gesellschaftssystem schon deutlich erkennen lässt, dass seine theoretischen Voraussetzungen längst durch die Entwicklung überholt sind, und dass es jetzt schlechthin schon als reaktionär zu bezeichnen ist. Wir in der Bundesrepublik brauchen den Wettbewerb nicht zu fürchten. Darin sind wir uns einig mit den freien Völkern, die sich vom Kommunismus nicht täuschen lassen wollen. Wenn wir nur verhindern können, dass wir durch äußere Mittel um unsere Freiheit gebracht werden, dann werden eines Tages die Menschen der ganzen Welt wieder frei sein. Damit sind lebenswichtige Aufgaben für die Bundesrepublik wie auch für die übrigen freien Nationen deutlich gekennzeichnet.

Quelle: Saarbrücker Landeszeitung vom 12. Januar 1960.