29. Juli 1960: Deutschland und der Eucharistische Weltkongress

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

In Köln erlebte ich im Jahre 1909 den Eucharistischen Weltkongress. Es war der zweite auf deutschem Boden. Die große Feier ist mir noch in lebendiger Erinnerung. Über eine halbe Million katholischer Christen aus aller Welt, eine ungewöhnlich große Zahl, kam nach Köln. In meiner Heimatstadt wurde eine Vielzahl von Sprachen gesprochen, Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch, Italienisch, Holländisch, Polnisch. Sie wurde zu einem Treffpunkt Europas. In besonderer Erinnerung ist mir das Auftreten des damaligen Straßburger Universitätsprofessors Michael Faulhaber, des späteren Kardinals von München und unerschrockenen Kämpfers für die Freiheit.

Fünf Jahre danach lag diese europäische Welt in der Auseinandersetzung des ersten Weltkrieges. Die Gemeinschaft der Völker, insbesondere die friedliche Nachbarschaft der Deutschen und Franzosen, die glücklichen Früchte der Einheit und des Friedens, von denen in Köln die Rede war, zerbrachen im Donner der Schlachten und im Kampf der politischen Leidenschaften. Am Ende des Krieges war Deutschland zusammengebrochen. Misstrauen, Hass, Rachegefühle vergifteten die folgenden Jahre. Als sich später die Ansätze zu einer Begegnung der Völker zeigten, insbesondere zur Versöhnung von Deutschen und Franzosen, und als die Umrisse einer europäischen Politik sichtbar wurden, trat mit dem Jahre 1933 ein zweiter jäher Umschwung ein. Von Deutschland nahm dann 1939 das Unheil des zweiten Weltkrieges seinen Ausgang. Diese Wunden sind bis heute nicht geschlossen. Europa, ja die ganze Welt hat noch darunter zu leiden. Im Gefolge dieses Krieges ist der materialistische Atheismus in der ganzen Welt zu einer Offensive aufgebrochen und steht seit 1945 im Herzen des europäischen Kontinents, des Abendlandes, ja er bedroht seinen geistigen Kern.

So wird der 37. Eucharistische Weltkongress in München vor einem Hintergrund schwerer Sorgen, ernster Bedrohung, weltweiter Gefahren für Frieden und Freiheit begangen. Dass nach dem Wunsch des verewigten Papstes Pius XII. dieser Kongress in Deutschland stattfinden soll, darf unser Volk als besondere Auszeichnung betrachten. Es ist ein Akt des Vertrauens und der Zuversicht in den Friedenswillen und den Geist der Freiheit der Deutschen, wenn die Vertreter aller Völker und aller Erdteile dem Ruf nach München folgen. In seiner Mehrheit hatte und hat das deutsche Volk keine Gemeinschaft mit dem Regime des Totalitarismus. Die Herrschaft des Diktators bezahlte es mit Not, Verfolgung und Tod bis auf den heutigen Tag. Aus seinem gesund gebliebenen Kern heraus machte es sich nach dem Ende des Krieges, vor allem seit 1949, an ein großes äußeres und inneres Aufbauwerk. Es hat gute Früchte getragen und im Verein mit den Anstrengungen unserer Verbündeten bewirkt, dass dem Ansturm des Kommunismus in Europa Halt geboten wurde.

Beim Wiederaufbau Deutschlands bemühten wir uns, die geistigen Kräfte des Christentums lebendig werden zu lassen und die vielfältigen sozialen Nöte der Nachkriegsjahre durch den Dienst am Nächsten zu mildern und zu überwinden. Die Förderung des Familiengedankens nach dem Beispiel anderer europäischer Staaten ließ sich die Bundesregierung besonders angelegen sein. Diese und andere Maßnahmen zeigen ein fortschrittliches und soziales Denken und Handeln aus christlicher Verantwortung. Sie bedeuten gleichzeitig den Bruch mit den Ideologien des Klassenkampfes, des Staatssozialismus und des Kollektivismus. Der menschlichen Persönlichkeit und ihrem schöpferischen Handeln gelten unsere Bemühungen.

Ein neues Moment im politischen Bild des deutschen Volkes ist seit dem Kriegsende das Zusammenwirken der Angehörigen der beiden christlichen Konfessionen, der Katholiken und der Evangelischen, im öffentlichen Leben. Es war geradezu eine schöpferische Tat, ein Aufbruch aus einer Jahrhunderte langen Lähmung, als sich nach dem Zusammenbruch die Union katholischer und evangelischer Christen, die gemeinsam unter der nationalsozialistischen Verfolgung zu leiden hatten, bildete. Von dieser Union gingen auch starke außenpolitische Impulse zur Einigung Europas aus. Das abendländische Erbe, von dem auch der Eucharistische Weltkongress starke Kräfte erhält, kann gegen den Ansturm des Bolschewismus nur dann erfolgreich verteidigt werden, wenn die freien Völker Europas den nationalstaatlichen Egoismus überwinden und sich immer stärker zusammenschließen. Dadurch gewinnen sie auch die geistigen und materiellen Kräfte, um ihren Beitrag für das "Leben der Welt", die Hilfe für die unterentwickelten Länder und Völker Asiens und Afrikas, in Liebe und Freiheit zu leisten.

Möge der Eucharistische Weltkongress in München diese Kräfte stärken, widerstandsfähig machen und sie weiterhin ausstrahlen lassen!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 139 vom 29. Juli 1960, S. 1381.