31. August 1960: Geleitwort zu der deutschen Ausgabe des Buches "Die Freiheitsstraße - Dachau 1943-1945" von Edmond Michelet

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Edmond Michelet, 1959-1961 französischer Justizminister, 1967-1968 Staatsminister für den öffentlichen Dienst und 1969-1970 Staatsminister für Kultur, wurde im Jahre 1943 als Obmann der französischen Freiheitsbewegung "Liberté" und "Combat" von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau übergeführt. In seinem Buch "Die Freiheitsstraße" hat Michelet seine Erlebnisse im Konzentrationslager beschrieben.

Dieses Buch eines französischen Politikers von hohem Rang und Ansehen, der als Deportierter durch die Konzentrationslager gegangen ist, führt zurück in eine Vergangenheit voll grauenhafter Geschehnisse, die, von Deutschen an Deutschen wie an den Angehörigen anderer Völker Europas begangen, niemals aus dem Bewußtsein der lebenden Generation verschwinden werden. Man wird sich indessen auf die Frage gefaßt machen müssen, ob es denn notwendig sei, anderthalb Jahrzehnte später noch einmal dies Entsetzen wachzurufen, das schon so viele Berichte über den "SS-Staat", den "Univers concentrationnaire", in der ganzen Welt erregt haben und noch heute erregen. Manche unter uns möchten der Menschheit anraten, die Greuel der Konzentrationslager zu vergessen, weil sie selbst nicht damit fertig werden können, daß sich die Erinnerungen an diese Schrecknisse mit dem deutschen Namen verbinden. Dennoch wird das Buch von Edmond Michelet die bereits vorhandene KZ-Literatur bereichern. Ein Opfer des Terrors schildert seinen Weg durch Gefängnisse und Lager aus persönlicher Erfahrung und gibt damit einen Einblick in das innerste Erleben seiner unglücklichen Gefährten aus allen Teilen Europas, allen Berufen und sozialen Schichten, der bekannten und der unbekannten KZ-Häftlinge; und gerade diese Begegnungen mit namhaften Vertretern des französischen Widerstandes, aber auch der deutschen Auflehnung gegen das Hitlerregime verleihen diesen Aufzeichnungen ihren hohen menschlichen Wert. "Die Straße der Freiheit" führt durch ein Pandaimonion, das tiefste Erschütterung beim Leser hinterlassen muß, der mit diesen von schwerem Leid Gezeichneten alle Höhen und Tiefen menschlicher Möglichkeiten durchmißt.

Man wird die Lektüre aber auch mit dem Gefühl hoher Achtung vor dem Verfasser beenden, der nach seinen eigenen Worten "nicht daran denkt, Deutschland aus seiner Herzensgeographie auszuschalten", und der noch an der äußersten Grenze menschlicher Entwürdigung durch Menschen von dem Tage zu sprechen imstande ist, "an dem Frankreich und Deutschland sich endlich versöhnt haben werden".

Quelle: Edmond Michelet, Die Freiheitsstaße - Dachau 1943-1945. Stuttgart 1960, S. 5f. Zugleich in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 162 vom 31. August 1960, S. 1582.