21. Dezember 1960: Erhaltung der Freiheit in der Welt

Voraussetzung eines wirklichen Friedens - Aufgaben der deutschen Regierung im neuen Jahr

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die Erfahrungen des vergangenen Jahres mit seinen starken außenpolitischen Spannungen, deren Höhepunkt das Scheitern der Pariser Gipfel-Konferenz war, weisen ganz klar auf die Aufgaben hin, die uns im kommenden Jahr gestellt sind. Ganz gleich, ob wir nun die Vorgänge bei der Pariser Gipfel-Konferenz analysieren, ob wir die Verhandlungen vor der Vollversammlung der UNO im Zusammenhang mit der Entwicklung in Afrika betrachten oder etwa die Abrüstungsverhandlungen - der Hintergrund all´ dieser Vorgänge war die Hoffnung des kommunistischen Machtblocks, der soeben bei der Konferenz der kommunistischen Parteien in Moskau seine Marschroute erneut festgelegt hat, die Einheit und Widerstandskraft der freien Welt auflösen und gleichzeitig die jungen Völker in Afrika und Asien seinen Zielen dienstbar machen zu können.

In bezug auf die Bundesrepublik Deutschland wurde im Rahmen dieser Politik, die ja nur unter weltweitem Aspekt zu verstehen ist, immer wieder das Bemühen sichtbar, sie aus dem Verband der freien Völker, insbesondere aus dem westlichen Verteidigungsbündnis, herauszubrechen. Das offen proklamierte Ziel dieser Politik ist die Einführung des kommunistischen Gesellschaftssystems in der ganzen Welt. Damit ergibt sich eine ganz klare Aufgabe für die Staaten der freien Welt und ganz besonders auch für die Bundesrepublik: im kommenden Jahr alles nur Denkbare zu tun, um die Einheit der freien Welt in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht zu festigen und dazu beizutragen, daß die jungen Völker in Afrika und Asien in die Lage versetzt werden, ihre Staaten in Freiheit auszubauen und in politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit den Platz einzunehmen, der ihnen zukommt.

Eine solche Politik, die auf die Erhaltung der Freiheit in der Welt zielt, ist auch die einzige Politik, die der Wahrung und Sicherung des Friedens in der Welt dienen kann. Nur wenn es gelingt, die Hoffnung des kommunistischen Machtblocks auf Überwindung der Widerstandskraft der freien Welt zu zerschlagen, besteht eine echte Aussicht auf Entspannung und auf dauerhafte Sicherung des Friedens. Alles, was dem Westen im kommenden Jahr als Aufgabe gestellt ist - der Ausbau der NATO in militärischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, die Verteidigung der Freiheit Berlins, die Verstärkung der Integration Europas und die Überwindung der noch bestehenden Gegensätze zwischen EWG und EFTA, die Verstärkung der Entwicklungshilfe für die jungen Völker, aber auch alle Bemühungen um die wirtschaftliche und sozialpolitische Entwicklung unserer Völker -, alles das dient der Sicherung des Friedens.

Wenn diese Bemühungen Erfolg haben, können wir der Zukunft mit Zuversicht und Vertrauen entgegensehen. Dann muß und wird der Tag kommen, an dem die Sowjetregierung begreifen wird, daß ihre Hoffnung auf Zerschlagung der Widerstandskraft der freien Welt eine Illusion ist, und daß ein echtes, sachliches Gespräch mit den Mächten der freien Welt unumgänglich ist und auch ihren eigenen, wohlverstandenen Interessen dient. Erst dann wird ein Zustand eintreten, der die Bezeichnung "friedliche Koexistenz" verdient. Denn was eben von den Kommunisten als "friedliche Koexistenz von Staaten mit verschiedenen Gesellschaftssystemen" propagiert wird, ist ja doch nichts weiter als das Nebeneinanderleben von zwei verschiedenartigen Gesellschaftssystemen, von denen das eine nach Auffassung des anderen zum Untergang bestimmt ist, und bei dem auf der einen Seite der Haß gegen die andere, die Vernichtung der anderen, gepredigt wird.

Ein solches Nebeneinanderleben kann aber niemals als "friedlich" bezeichnet werden, wenn man unter Frieden mehr versteht als die Tatsache, daß nicht geschossen wird. Ein solches im Grunde unfriedliches Nebeneinanderleben kann nur voller Spannungen sein, die sich eines Tages in verhängnisvoller Weise auswirken können. Wir brauchen ein Zusammenleben der Völker, das durch einen Zustand des wirklichen Friedens bestimmt wird. Dazu gehört aber die Bereitschaft zu guter Zusammenarbeit, dazu gehört menschliches Vertrauen, dazu gehört der Wille, gemeinsam mit den Problemen, die uns heute die Welt stellt, fertigzuwerden.

Ich bin fest davon überzeugt, daß wir dieses Ziel erreichen, unter der Voraussetzung allerdings, daß die westliche Welt stärker als bisher den Willen zeigt, für dieses gemeinsame Ziel gemeinsam Opfer zu bringen. Ich weiß, daß die Voraussetzungen für die Erreichung dieses Zieles gegeben sind: Trotz mancher Mängel, an deren Überwindung wir arbeiten müssen, ist die westliche Gesellschaftsordnung der kommunistischen weit überlegen. Die Kräfte der Freiheit bieten Möglichkeiten, die einem noch so zielbewußt gesteuerten totalitären System auf die Dauer nie zur Verfügung stehen. Im Vertrauen auf diese Kräfte sollten wir im kommenden Jahr an die Arbeit gehen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 238 vom 21. Dezember 1960, S. 2305.