30. Dezember 1960: Der Welt den Frieden erhalten

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Wenn wir an der Schwelle des neuen Jahres zurückblicken auf das nun hinter uns liegende Jahr 1960, dann müssen wir mit Dankbarkeit feststellen, dass es gelungen ist, den Frieden zu erhalten, obwohl die Welt oft in kritischen Situationen gestanden hat. Zusammen mit unseren Bündnispartnern haben wir dazu beigetragen, den Frieden zu bewahren und die Freiheit, vor allem auch für Berlin, zu sichern. Wir können deshalb mit der Hoffnung in das neue Jahr gehen, dass wir auch weiterhin vor Unheil bewahrt bleiben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die freien Völker einig und fest zusammenhalten. Deutlicher als je zuvor haben wir erkennen können, dass ohne unser gemeinsames Bündnis die Welt schon lange in Flammen gestanden hätte. Es ist daher zu begrüßen, dass auch die letzte Tagung des NATO-Ministerrates in Paris die Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht hat, die Allianz der freien Welt weiter zu stärken und ein Höchstmaß an Gemeinsamkeit und Koordinierung zu erreichen. Diesem Ziele wird ein großer Teil unserer Arbeit in Jahre 1961 gelten, denn damit dienen wir am besten und wirksamsten dem Frieden. Wir verbinden damit gleichzeitig unsere Bemühungen um eine allgemeine und kontrollierte Abrüstung, weil auf diesem Wege am ehesten die internationale Entspannung zu erzielen und eine Lösung der großen politischen Probleme, unter denen die Wiedervereinigung mit an vorderster Stelle steht, zu erreichen ist.

In Bereich der Innenpolitik werden wir die noch verbleibenden Monate der Wahlperiode des dritten Bundestages dazu nutzen, unsere erfolgreiche Sozial- und Wirtschaftspolitik fortzuführen. Wir werden außerdem fortfahren, neue Wohnungen, insbesondere Eigenheime, zu schaffen und so den bereits begonnenen Abbau der Wohnungszwangswirtschaft voranzubringen. Die Pflege der Volksgesundheit und die Verbesserung des Schutzes vor den Gefahren des riesenhaft angewachsenen Verkehrs sind zwei große Probleme, an deren Lösung im Jahre 1961 verstärkt gearbeitet werden muss. Schließlich werden wir uns bemühen, der deutschen Landwirtschaft, die ein bedeutender Zweig unserer Wirtschaft ist und die in zwei aufeinander folgenden Jahren schwere Witterungsschäden zu erleiden hatte, in ihren Schwierigkeiten zu helfen.

Wenn auch das neue Jahr für uns alle viel Arbeit und manche Sorge bringen wird, so bin ich doch zuversichtlich, dass wir - wenn wir nicht maßlos und ungeduldig werden - mit dem Segen Gottes die uns gestellten Aufgaben bewältigen werden: der Welt den Frieden zu erhalten und der friedlichen und freiheitlichen Wiedervereinigung mit unseren Landsleuten in der Sowjetzone ein Stück näher zu kommen.

Quelle: Deutschland-Union-Dienst. Jg. 14, Nr. 247 vom 30.12.1960, S. 1f.