1. Juni 1962: Zum 11. Bundesparteitag der Christlich Demokratischen Union Deutschlands

Von Dr. Konrad Adenauer, 1. Vorsitzender

Die Christlich Demokratische Union hat als Tagungsort für ihren 11. Bundesparteitag Dortmund gewählt, die bedeutende Industrie­stadt eines Landes, in dem besonders deutlich wird, was ein Volk mit Fleiß und Zuversicht schaffen kann. Gerade für Nordrhein-Westfalen mit seiner hochentwickelten und konzentrierten Industrie ist es von entscheidender Bedeutung gewesen, dass der CDU durch die Mehrheit unseres Volkes die Verantwortung für den staatli­chen, politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau übertragen worden ist.

Unter Führung der Union ist in zäher Arbeit vieles erreicht wor­den. Für jedermann sichtbar und zu jedermanns Nutzen wurden die neuen Ideen christlich-demokratischer Wirtschafts- und Sozialpo­litik verwirklicht; große Leistungen wurden auch auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet erzielt, die dieses Land zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Verkehrszentrum Europas und damit auch zu einem Kern der Einigung Europas gestaltet haben. Es gilt nun, das Erreichte zu bewahren und weiter zu entwickeln.

Hier in Nordrhein-Westfalen finden in diesem Sommer die Wahlen zum neuen Landtag statt. Es geht dabei um die Entscheidung, ob dieses große Industrieland weiterhin nach den Grundsätzen unse­rer Politik geführt wird, wie das mit einer nur kurzen Unterbrechung seit der Gründung dieses Landes und den ersten Wahlen zum nordrhein-westfälischen Landtag der Fall gewesen ist. Von der politischen Entwicklung in diesem Land hängt weit mehr ab als das Schicksal des Landes selbst. Was in Nordrhein-Westfalen geschieht, wirkt sich auf die gesamte Bundesrepublik aus. Das Land, in dem ein Drittel der Bundesbevölkerung lebt und arbeitet, wo ein Drittel der Produktionskraft der Bundesrepublik wirksam ist, ein solches Land ist zwangsläufig ein Mittelpunkt politischer Wirkungen, und daher muss am 8. Juli die christlich-demokratische Politik für dieses Land erneut bestätigt werden, damit dieses bedeutende Bundesland auch künftig seinen Beitrag zum Wohle des ganzen deutschen Volkes leisten kann, wie es das bisher in so hervorragendem Maße getan hat.

Der Parteitag findet in einer Zeit statt, in der die Bedrohung aus dem Osten vor allem für das deutsche Volk in unverminderter Schärfe andauert. Wir müssen als die Partei, die die Hauptlast der Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes trägt, die da­raus sich ergebenden Gefahren klar erkennen. Wir müssen vor allem im Auge behalten, dass trotz gelegentlich milderer Tonart und veränderter Taktik die Sowjets Konzessionsbereitschaft im Grunde immer doch nur als Schwäche bewerten und Zugeständnisse zu miss­brauchen trachten.

Unser Land steht aber dank der durch die CDU seit ihren Anfängen konsequent verfolgten Politik in der Schutzgemeinschaft der freien Völker. Die CDU wird auch in Zukunft ihre Politik der NATO-Treue und der Schaffung eines geeinten Europa weiter verfolgen. Dann wird es auch möglich sein, die Forderung nach Selbstbestimmung für alle Deutschen immer wieder mit Nachdruck zu vertreten und in der ganzen Welt hörbar zu machen.

Mögen die Beratungen dieses Parteitages dazu beitragen - in Besinnung auf die geistigen Grundlagen unserer Partei -, alle ihre Kräfte zu sammeln, um sie zur Bewältigung der großen, vor uns stehenden Aufgaben zu befähigen.

Quelle: Deutschland-Union-Dienst. Jg. 16, Nr. 105 vom 01.06.1962, S. 1f.