14. September 1962: Frankreich, Deutschland und Europa

Von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Eine Woche von tiefer geschichtlicher Bedeutung liegt hinter uns. Ein Duell zweier großer Völker, das über zweihundert Jahre gedauert hat, ist - wie Präsident de Gaulle in Hamburg so eindrucksvoll sagte - beendet. Die Staatsmänner müssen handeln, aber es gibt dann seltene Augenblicke, in denen die Völker selbst sprechen. Ich glaube, Präsident de Gaulle hat diesen Augenblick in allen deutschen Städten immer wieder gespürt, in denen er zu den ungezählten Tausenden gesprochen hat, die sich auf den Plätzen bis hoch hinauf auf die Dächer drängten, um ihn zu hören. Vom ersten Tag an konnte man fühlen, dass diese Menschenmengen nicht aus Neugier gekommen waren, dass sie vielmehr mit ihrem Beifall bekräftigen wollten, dass ein neues Kapitel im Buche der langen deutsch-französischen Geschichte aufgeschlagen ist. Was meine Regierung in fast anderthalb Jahrzehnten der Nachkriegszeit erstrebt hat, und ich darf sagen, oft unter schweren Mühen, ist damit Wirklichkeit geworden. In dem Kommuniqué über meine Besprechungen mit Herrn de Gaulle wurde nochmals unterstrichen, dass beide Regierungen praktische Maßnahmen ergreifen werden, um die Bande wirksam zu verstärken, die bereits auf zahlreichen Gebieten zwischen beiden Ländern bestehen.

Die Reise des französischen Staatspräsidenten durch die Bundesrepublik hat im Ausland eine immer größere Aufmerksamkeit erhalten, je mehr sie einem von niemandem organisierten Triumphzug glich. Auch zurückhaltende, ja skeptische Beurteiler haben schließlich davon gesprochen, es sei dies offensichtlich "ein Meilenstein der Geschichte". Zugleich aber drängte sich die Frage auf, wie sich ein miteinander versöhntes Frankreich und Deutschland zum übrigen Europa verhalten würden, wie zu der größeren Atlantischen Allianz. Unser gemeinsames Kommuniqué sollte darüber bereits Aufschluss geben; wird doch darin im bedeutsamen Schlusssatz bekräftigt, dass beide Länder auch weiterhin der Überzeugung bleiben, "ihre Zukunft sei an die fortschreitende Entwicklung eines geeinten Europa gebunden".

Es sind daraufhin sogleich Stimmen laut geworden, die davon sprachen, man habe in diesen Tagen die endgültige Entstehung einer "Achse Paris-Bonn" miterlebt, um die sich dann das übrige Europa - ob größer oder kleiner - herumgruppieren solle oder gar müsse. Ich halte das für eine falsche, eine veraltete, ja für eine gefährliche Terminologie - darüber möchte ich gerade unter dem frischen und mächtigen Eindruck der Reise des französischen Staatspräsidenten durch die deutschen Bundesländer keinen Zweifel lassen. Wir können heute nicht Begriffe übernehmen, die aus einer ganz anderen und für Europa noch dazu unheilvollen Zeit stammen. Mit solchen schiefen historischen Analogien kann weder die heutige deutsch-französische Wirklichkeit noch das sich bildende geeinte Europa verstanden werden.

Eine "Achse Paris-Bonn": das könnte nur bedeuten, dass sich an das deutsch-französische Kernstück das übrige Europa anfügt, bis es allmählich mit dieser Mitte verschmolzen wird. Man braucht dieses Bild nur mit der lebendigen europäischen Wirklichkeit zu vergleichen, um zu sehen, wie unrealistisch es ist. Aber in einer Übergangszeit wie der unsrigen, in der sich durchaus neue politische Formationen herausbilden, gibt es natürlich immer Schlacken des Denkens, die aus vergangenen Perioden und Epochen stammen.

Nach dem Verhältnis Deutschlands und Frankreichs zum übrigen Europa befragt, möchte ich antworten: Alle Länder Europas sind Teile der größeren Einheit. Wir können sie uns etwa als Ausschnitte eines Kreises vorstellen, die alle nach einer gemeinsamen Mitte hinstreben und ihr zugeordnet sind. Einige dieser Segmente liegen eng beieinander, so dass sich auch besonders enge und herzliche Beziehungen ergeben, wie sie zum Beispiel zwischen den Niederlanden, Belgien und Luxemburg schon lange bestehen (und sich im Begriff Benelux ausdrücken) oder wie sie etwa auch zwischen den skandinavischen Staaten seit langem entwickelt werden. Müssen dadurch die anderen Mitglieder des europäischen Kreises gestört oder von etwas ausgeschlossen werden? Das wäre doch eine Verkennung der Vielgestaltigkeit, die auch ein geeintes Europa immer besitzen soll und wird, wenn es sein Erbe richtig versteht und einschätzt. Frankreich und Deutschland müssen als besonders eng verbundene Nachbarländer begriffen werden, die sich ihrer Zusammenarbeit vor allem auch unter der Gefahr der gemeinsamen Bedrohung bewusst sind, auf die Präsident de Gaulle in seiner Rede im Schloss Brühl so eindringlich hingewiesen hat.

Wir sollten in Europa davon abkommen, immer neue missverständliche Alternativen auszubrüten. Wenn jemand sagt: entweder enge deutsch-französische Zusammenarbeit oder Beitritt Großbritanniens zur EWG, so hat er offensichtlich wenig Einsicht in die wirklichen und gewiss schwierigen Probleme, die uns derzeit beschäftigen. Zusammen mit Präsident de Gaulle erstrebe ich mit meiner Regierung die enge und denkbar verlässliche Verbindung Deutschlands mit Frankreich. Aber wir - Franzosen wie Deutsche - erstreben damit zugleich die Einheit Europas in der weiteren Schutz- und Bündnisgemeinschaft der atlantischen Welt. Ich glaube, dass dies einem Denken entspricht, das den gewaltigen Problemen unserer Zeit gerecht wird. Vor den Arbeitern eines großen Industriewerkes in Duisburg hat General de Gaulle in deutscher Sprache ausgerufen: "Welch eine Revolution im Vergleich zur Vergangenheit!"

Wahrhaftig, es gilt den tieferen Sinn dieser Revolution zu verstehen, die aus der Aussöhnung der Franzosen und Deutschen für Europa erwächst, nicht nur für unsere beiden Völker, die so viel Leid durchlebt haben, sondern für das ganze Europa und die ganze freie Welt.

Quelle: Christ und Welt vom 14. September 1962.