26. Februar 1965: Hans Böckler - Arbeiterführer und Staatsmann

Von Bundeskanzler a. D. Dr. Konrad Adenauer

Hans Böckler, der erste Vorsitzende der neuen deutschen Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg, wäre am 26. Februar 1965 neunzig Jahre alt geworden. Wir haben Grund, dem Gedenken dieses Mannes einige Minuten unserer Zeit zu widmen. Viele werden zwar nur seinen Namen kennen, aber wir alle haben Grund, dankbar seiner zu gedenken.

Schon in meiner Tätigkeit als Oberbürgermeister von Köln habe ich Hans Böckler näher kennengelernt und geschätzt. Wir waren gewiß nicht immer gleicher Meinung, aber wenn es Differenzen gab, dann konnten sie überbrückt und die gemeinsamen Ziele erreicht werden, weil uns das Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Volksganzen leitete.

Die Jahre zwischen 1945 und 1951 liegen weit hinter uns. Wer denkt heute noch daran, daß diese Jahre gekennzeichnet waren von Hunger und Kälte, Ruinen und Hoffnungslosigkeit, neuem Hoffen und zähen Verhandlungen mit den Siegermächten.

Ungebrochen ging der siebzigjährige Böckler 1945 mit uns wieder neu ans Werk. Die Alliierten hatten den Nationalsozialismus zerschmettert und Deutschland unter die Befehlsgewalt von Militärregierungen gestellt. Den Männern des Neuanfangs standen nur ihre Energie und ihre Überzeugungskraft zur Seite.

Das Wort "Resignation" hat Hans Böckler nie gekannt. In den letzten Kriegsjahren hatte er sich verborgen halten müssen. Nach dem Zusammenbruch begann er sofort mit der Sammlung der Arbeitnehmer in einer neuen Gewerkschaftsbewegung. Die Erfahrungen der Weimarer Republik und die Zerschlagung der deutschen Gewerkschaft durch die Nationalsozialisten waren ihm noch gegenwärtig, und er zog daraus die Lehren.

Nach Böcklers Absicht sollte die neue Gewerkschaftsbewegung parteipolitisch neutral sein, also die früher trennenden Schranken überwinden. Die Toleranz, die für ihn und sein Wirken immer bestimmend war, sollte auch das verpflichtende Grundgesetz der neuen Gewerkschaften werden. Die Aufgabe der Gewerkschaften sah er nicht in der reinen Interessenvertretung, sondern sie sollten als Grundelemente der Demokratie dem Ganzen verpflichtet sein.

Böcklers Veranwortungsbewußtsein hat der jungen deutschen Demokratie viel geholfen. Er hielt die deutsche Arbeiterschaft in der schweren Zeit des Wiederaufbaus vor Handlungen zurück, die aus Hunger, Hoffnungslosigkeit und Demontagen hätten erwachsen können. An der Erhaltung des sozialen Friedens hatte er einen maßgeblichen Anteil.

Es hat mich immer gefreut, daß Hans Böckler schon sehr früh die Notwendigkeit einer deutsch-französischen Aussöhnung und Zusammenarbeit gesehen und anerkannt hat. Die Partnerschaft der europäischen Völker war für ihn eine Garantie zur Erhaltung des Friedens in Europa und in der Welt.

Nachdem es gegen mancherlei Widerstände gelungen war, die Bundesrepublik in den Kreis der freien Völker des Westens einzufügen, und mit dem Grundgesetz die Voraussetzung für den Aufbau des politischen Lebens geschaffen worden war, wandte sich Hans Böckler der für ihn entscheidenden Aufgabe zu: der neuen Ordnung in der Wirtschaft durch die Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Nach seinen eigenen Worten sollte die Demokratie nicht auf das Recht der freien Stimmabgabe beschränkt bleiben. Er wünschte in der Wirtschaft die Gleichberechtigung des arbeitenden Menschen. Ich erinnere mich noch gut an die entscheidende Unterredung im Januar 1951 im Bundeskanzleramt, an der auch der unvergessene Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, teilnahm. Die Übereinstimmung, die wir in dieser Unterredung erzielten, hatte geschichtliche Bedeutung. Die Mitbestimmung in den Grundstoffindustrien wurde gesetzlich festgelegt. Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat handelten schnell und entschlossen. Damit war der Weg frei für eine moderne Ordnung der Wirtschaft. Hans Böckler verfügte über beträchtliche Macht, aber er hat sich niemals zum unbedachten Gebrauch dieser Macht verleiten lassen. Er war ein Arbeiterführer mit staatsmännischem Format. Wenn später einmal die deutsche Geschichte dieser Jahre geschrieben wird, dann wird darin ohne Zweifel der Name Hans Böcklers mit an erster Stelle stehen.

Adenauer

Quelle: Welt der Arbeit vom 26. Februar 1965. StBKAH 02.35, ms. Vorlage mit eigenhändigen Korrekturen Adenauers vom 22./23. Februar 1965. Abgedruckt in: Adenauer. Die letzten Lebensjahre 1963-1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden (Rhöndorfer Ausgabe). Bd. I: Oktober 1963 - September 1965. Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2009, S. 390f.