Juni 1966: Bilanz einer Reise. Deutschlands Verhältnis zu Israel

Von Bundeskanzler a. D. Dr. Konrad Adenauer

Das Verhältnis unseres Landes zu Israel und dem Judentum in Ordnung zu bringen, ist von Anfang an ein Hauptziel meiner Politik gewesen, aus moralischen wie aus politischen Gründen. Deutschland konnte nicht wieder zu einem geachteten und gleichberechtigten Mitglied der Völkerfamilie werden, ehe es seinen Willen zur Wiedergutmachung - soweit sie überhaupt möglich ist - bekundet und erwiesen hatte. Darum habe ich, als die Situation es erlaubte, Verbindung zu der damaligen israelischen Regierung gesucht. Es kam schließlich zu dem Luxemburger Vertrag von 1952, den die Bundesrepublik getreulich erfüllt hat. Mit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen im vergangenen Jahr ist eine weitere wichtige Etappe erreicht worden, und der kürzlich unterzeichnete Vertrag über eine Kredithilfe von 160 Millionen für 1966/67 wird, so hoffe ich, eine neue Phase der Normalisierung einleiten.

Materielle und finanzielle Leistungen können freilich nur ein Anfang sein, Verständnis und gute menschliche Beziehungen sind durch Zahlungen und Lieferungen nicht zu erkaufen. Aber man darf Zahlungen und Lieferungen auch nicht geringschätzen; sie haben nicht nur einen meßbaren und in dieser Hinsicht wahrlich keinen geringen Wert, sondern auch einen unmeßbaren, nämlich als Zeichen guten Willens und der Anerkennung einer Verpflichtung, die eingelöst werden muß. Ich habe jedoch nie geglaubt, daß sich der erwünschte menschliche Ausgleich rasch einstellen werde. Über das Furchtbare, das zwar nicht durch das deutsche Volk, aber im Namen des deutschen Volks und durch deutsche Menschen den Juden angetan worden ist, kann man nicht so leicht hinwegkommen - die Juden nicht und wir nicht. Das braucht seine Zeit, und diese Zeit muß mit redlichem Bemühen um gegenseitiges Verstehen ausgefüllt werden, wobei wir Deutsche immer den ersten Schritt tun müssen, nach allem, was geschehen ist.

Darum bin ich dankbar dafür, daß es mir vergönnt war, mehrere Tage in Israel zu verbringen, und ich wünsche, daß möglichst viele Deutsche, besonders junge Menschen, diesem Beispiel folgen. Man kann nämlich viel über dieses Land wissen und trotzdem nicht richtig begreifen, was es ist und was dort vorgeht. Dieses Verständnis läßt sich nur an Ort und Stelle erwerben. Wir können nicht allein durch persönliche Kontakte viele Vorurteile gegen das neue, demokratische Deutschland beheben, wir können von Israel auch viel, sogar sehr viel lernen. Vor allem kann man dort sehen, wie ein Volk leben muß, dessen Freiheit und physische Existenz ständig in Gefahr sind, das unter dem unaufhörlichen seelischen Druck von Gewaltdrohungen feindlicher Nachbarn steht und trotz dieser bedrängten Lage einen funktionierenden Staat und eine lebensfähige Wirtschaft aufzubauen hat. Ein solches Volk muß in seinen Zielen einig sein, es muß strenge Disziplin halten, es muß hart arbeiten und auf vieles an Konsum und Komfort verzichten; es muß bereit sein, auch für lange Zeit große Opfer zu bringen, und es muß eine große Liebe für sein Land und für die gemeinsame Sache haben. All das erlebt man auf Schritt und Tritt in Israel. Am deutlichsten ist es mir bei meinen Besuchen in einem Moshav und in zwei Kibbutzim geworden, besonders jenem im Negev, dem Ben Gurion angehört.

Kein Deutscher, der von der Vergangenheit persönlich nicht belastet ist, muß fürchten, daß man ihn in Israel unzivilisiert behandelt und sich etwa seinen Fragen verschließt. Natürlich wird man Ausnahmen feststellen können: das gibt es immer. Aber wenn auch das Werk des menschlichen Ausgleichs noch lange nicht vollendet ist, Fortschritte hat es gemacht. Seine Gegner sind eine Minderheit, bei uns und jetzt auch in Israel. Minderheiten sind gern besonders laut und demonstrieren mit Eifer, was ihr gutes Recht in einer Demokratie ist. Aber man darf das nicht überschätzen. Auch gegen unsern Botschafter, Herrn Pauls, hat man demonstriert, aber er ist nicht etwa isoliert und sozusagen eingemauert worden, sondern wohlgelitten und hat beste persönliche Beziehungen. Und mir hat man Ehrungen gewidmet, die mich sehr bewegt haben, weil sie ein Zeichen dafür sind, daß die Versöhnung trotz allen Hemmnissen möglich und ein Deutscher nicht deswegen, weil er ein Deutscher ist, in Israel verfemt wird. Meine Aufnahme als Ehrenbürger in das Chaim-Weizmann-Institut zum Beispiel und die Worte, die mir Nahum Goldmann bei dieser Gelegenheit gewidmet hat, bedeuten mehr als der Lärm, den eine Handvoll aufgeregter Studenten verursacht hat, und mehr als ein paar feindselige Zeitungsstimmen. Die israelische Presse hat sich zurückhaltend, aber im ganzen loyal gezeigt.

Auch die Schwierigkeiten, die ich mit dem israelischen Ministerpräsidenten, Herrn Eshkol, wegen gewisser Formulierungen hatte, die er in seiner Tischrede gebrauchen wollte, darf man nicht überbewerten, wie es manche Zeitungen leider getan haben. Herr Eshkol, der ja Chef eines nicht gerade unkomplizierten Koalitionskabinetts ist, hatte innenpolitische Rücksichten zu nehmen. Vor allem aber muß man verstehen: Die Vergangenheit lebt in Israel, in Gestalt der Überlebenden aus den Vernichtungslagern und der vielen Israeli, die zum Teil alle ihre Angehörigen verloren haben. Das darf man nicht vergessen. Ich habe dieses tiefe Hineinragen des schrecklichen jüdischen Schicksals der Hitlerzeit in den israelischen Alltag am unmittelbarsten erlebt, als ich die Gedächtnisstätte Yad Vashem zur Ehrung der Opfer besuchte. Herr Eshkol und ich haben aber schließlich eine Lösung gefunden, und der Zwischenfall ist bereinigt.

Allerdings, einen Anspruch haben wir, so groß unsere Schuldigkeit gegen das vielgeprüfte jüdische Volk ist, auch ihm gegenüber zu erheben und zu vertreten: daß unser guter Wille anerkannt wird. Ich habe in Israel öffentlich gesagt, daß nichts Gutes daraus entstehen kann, wenn man uns diese Anerkennung verweigert. Daran halte ich fest, und ich darf mich dafür wohl auf meine Lebenserfahrung berufen. Nichts verletzt tiefer als die Verdächtigung und Zurückweisung guten Willens. Solche Mißdeutung oder Verachtung ruft nur Trotzreaktionen hervor und erzeugt neue Ressentiments. Das Ergebnis wäre, statt Friede und Versöhnung, die Vertiefung der Kluft. Dadurch würde auch schwer gefährdet, was das Verhältnis zwischen Israel und dem freien Deutschland in Zukunft mehr und mehr bestimmen soll: sachliche und loyale Zusammenarbeit.

Wer unsere besondere Verpflichtung gegenüber den Juden und dem Staat Israel verleugnen will, ist historisch und moralisch, aber auch politisch blind. Der weiß nichts von der jahrhundertelangen deutsch-jüdischen Geschichte und nichts von den reichen Beiträgen, die von den Juden zur deutschen Kultur und Wissenschaft geleistet worden sind. Er begreift nicht die Schwere der Verbrechen des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden.

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, und das gilt auch von einem Übermaß von Angst vor der möglichen Reaktion einiger arabischer Staaten auf unsere gegenwärtige und, hoffentlich, künftige Hilfe für Israel. Mit Schwierigkeiten muß die Diplomatie immer rechnen; ihr Geschäft ist es, mit ihnen fertig zu werden, sonst wäre sie ja überflüssig. Wir Deutsche leiden oft unter der Vorstellung, daß wir ständig zwischen zwei Möglichkeiten wählen, daß wir uns in einem fort "klar entscheiden" müssen. Mir scheint, daß uns die spezifischen Mittel nicht fehlen, das Entweder-Oder zwischen Israel und den Arabern, mit dem man uns Furcht einjagen will, in ein Sowohl-als-Auch umzuwandeln. Es versteht sich von selbst, daß wir mit allen in Frieden und Freundschaft leben wollen, mit den Arabern nicht weniger als mit den Juden. Aber wo wir ausgesprochen bösem Willen begegnen, dürfen wir uns nicht einschüchtern oder gar erpressen lassen. Da ist Festigkeit angebracht. Alles andere wäre würdelos.

Es wäre überdies ein schwerer Fehler, Israels Kraft geringzuschätzen. Aus dem statistischen Almanach kann man nicht alles über die Wirklichkeit eines Staates erfahren; man muß wissen, was hinter den Ziffern steht. Etwas davon habe ich mir durch meine Eindrücke im Lande selbst angeeignet. Israel ist durch die in der Welt einzig dastehende Disziplin und Opferbereitschaft seiner Bürger zu einer achtunggebietenden Macht im Nahen Osten geworden, und es steht nicht allein da in der Welt, obschon es keinem Verteidigungsbündnis angehört. Wäre es anders, dann wäre dieses Israel längst ausgelöscht. Die Führung des jungen Staates tut sehr gut daran, sich aus den Verwicklungen der Weltpolitik herauszuhalten. Das habe ich auch in einem Interview mit einer israelischen Zeitung gesagt. Israels Selbstbehauptung hängt in erster Linie von seiner inneren Stärke ab, daher muß es sich auf seine Aufbauprobleme konzentrieren und seine Kräfte zusammenhalten. Von einem außenpolitischen Schachspiel hat Israel nichts zu erwarten, und am wenigsten von einem Versuch, die Sowjetunion durch allerlei Zugeständnisse zu einem Frontwechsel zu bewegen.

Im Streit zwischen Israel und einigen seiner Nachbarn können wir nicht moralisch neutral sein. Ich habe in Israel einmal gesagt, daß jedes freie Volk für die Freiheit aller anderen einstehen muß. Das habe ich nicht geäußert, weil ich Applaus dafür bekommen wollte, sondern weil es meine feste moralische und politische Überzeugung ist. Vergessen wir nicht, daß die Existenz unserer eigenen Freiheit darauf beruht, daß dieser Grundsatz in der Freien Welt anerkannt und befolgt wird. Daher müssen auch wir uns daran halten, ohne opportunistische Ausnahmen zu machen. Verhielten wir uns anders, dann würden wir das Fundament untergraben, auf dem unser ganzer nationaler Wiederaufbau steht. Wir können nur hoffen, daß einmal eine Situation eintritt, die unsere guten Dienste zur Vermittlung zwischen Israel und den arabischen Staaten als aussichtsreich erscheinen läßt, wenn sie gewünscht werden. Keinem Land kann mehr an einem dauernden Frieden im Nahen Osten gelegen sein als unserem.

Meine Eindrücke und Erlebnisse in Israel haben mich in der Überzeugung bekräftigt, daß wir dieses schwer ringende Gemeinwesen niemals im Stich lassen dürfen. Ich kenne die Widerstände gegen die von mir eingeleitete Politik gegenüber Israel und den jüdischen Weltorganisationen. Von den Unbelehrbaren, den moralisch Empfindungslosen und den hartnäckigen Antisemiten will ich absehen; das sind die ewig Gestrigen. Jenen, die meinen, mit der Wiedergutmachung müsse es einmal ein Ende haben, und das deutsche Volk könne sich nicht selbst zu ewiger Schuldsklaverei verurteilen, möchte ich vorab sagen, daß sich eine sittliche Verpflichtung nicht beziffern und daher auch nicht in Heller und Pfennig abdecken läßt. Aber es soll ja in der Tat nicht bei der "Wiedergutmachung" bleiben; was wir in Zukunft zur Hilfe für Israel tun, soll nicht unter diesem Titel laufen, sondern je länger je mehr unter dem Titel der Zusammenarbeit, die zur Versöhnung führen soll. Niemand braucht zu fürchten, daß unser Geld in ein Faß ohne Boden getan wird. Israel ist ein Staat der Arbeit, in dem kein Pfennig vertan, sondern scharf kalkuliert und sparsam gewirtschaftet wird.

Einige Sorge macht mir, daß es in der deutschen Jugend Stimmen gibt, die irgendwelche Sonderleistungen für Israel ablehnen, weil sie keine Mitverantwortung für die "Sünden der Väter" anerkennen wollen. Ich will sie für diese Auffassung nicht zu hart tadeln, aber sie ist falsch. Nach der Zerstörung der Ehre Deutschlands durch Hitler und die Seinen ist es begreiflich, daß viele junge Leute erst wieder mühsam lernen müssen, was eine Nation ist - daß sie nämlich nicht bloß aus einer Ziffer im statistischen Handbuch besteht, sondern eine bindende Gemeinschaft ist. Und zwar eine Gemeinschaft, die nicht nur die gleichzeitig Lebenden umfaßt, sondern auch die Generationen, die vor uns waren, und jene, die nach uns kommen werden. Von der Mitverantwortung für das Ganze kann sich keiner befreien.

Ich bin aber sicher, daß es nur eine kleine Minderheit ist, die sich dagegen wehrt, diese Mitverantwortung zu übernehmen. Die große Mehrheit der jungen Deutschen bejaht ihre Verpflichtung. Die große Hoffnung für die Zukunft der deutsch-israelischen und der deutsch-jüdischen Beziehungen überhaupt sind die jungen Menschen auf beiden Seiten: jene drüben, für die das furchtbare Schicksal der unzähligen jüdischen Opfer nicht mehr miterlebte Gegenwart ist, sondern Überlieferung und Geschichte, und jene bei uns, die keinen Anteil an den Untaten der Vergangenheit haben, weil sie in den Jahren des Nationalsozialismus noch Kinder oder noch nicht geboren waren. Es ist ein Ausdruck dieser Hoffnung auf die in jeder Hinsicht unbelastete Jugend, daß während meiner Anwesenheit in Israel durch den früheren Sonderbotschafter und Leiter der Israel-Mission in Köln, Herrn Shinnar, die Gründung eines "Ben-Gurion-Adenauer-Fonds" angekündigt wurde, dessen Bestimmung die Förderung des deutsch-israelischen Jugendaustausches und des Negev-College ist, das Ben Gurion gegründet hat. Wir sollten uns an einer entsprechenden Ausstattung dieses Fonds großzügig beteiligen.

Ich hoffe, daß mein Besuch in Israel, obschon ich nicht in offizieller Mission gereist bin, einer weiteren Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen gedient hat. Wunder habe ich nicht wirken können, das kann kein Politiker, und auf Demonstrationen war ich gefaßt. Aber ich bin mit Männern zusammengetroffen, die in den vergangenen Jahren meine Freunde geworden sind, und vielleicht habe ich uns neue Freunde erworben. Ich bin glücklich darüber, wenn es so ist. Das Versöhnungswerk steht erst am Anfang; Ungeduld und taktlose Anbiederung müssen es ebenso stören wie eine kurzsichtige Politik, die für die Sonderstellung Israels in unseren auswärtigen Beziehungen kein Verständnis hat. Wer für eine künftige Völkerfreundschaft mit Israel wirken will, braucht den Mut nicht zu verlieren, aber er muß sich auf eine lange Entwicklung einrichten - mit Hemmnissen, die sich nur durch Beharrlichkeit und Feingefühl überwinden lassen.

Quelle: Die Politische Meinung 11 (1966), H. 115, S. 15-19. Abgedruckt in: Adenauer. Die letzten Lebensjahre 1963-1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden (Rhöndorfer Ausgabe). Bd. II: September 1965 - April 1967. Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2009, S. 240-245.