26. August 1966: Begegnungen mit Gerstenmaier

Zum 60. Geburtstag von Bundestagspräsident Dr. Eugen Gerstenmaier

Von Bundeskanzler a. D. Dr. Konrad Adenauer

Meine Begegnungen mit Eugen Gerstenmaier, meine Beziehungen zu diesem Manne sind geprägt von der Gemeinsamkeit unserer Überzeugungen, unserer politischen Ziele und unserer Arbeit bei der Bewältigung des deutschen Schicksals nach 1945.

Wenn ich die Stationen unserer gemeinsamen Arbeit kennzeichnen soll, mußich die Entwicklung dreier wichtiger Bereiche schildern, die Entwicklung unseres parlamentarischen Stils, der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland und der geistig-weltanschaulichen Haltung der Christlich Demokratischen Union. Wenn ich auch meine Gedanken und Erfahrungen hierzu im Rahmen dieser Würdigung nicht erschöpfend darstellen kann, so will ich doch versuchen, wenigstens einige Striche zu seinem Bilde beizutragen.

Wer erlebte, wie Eugen Gerstenmaier es verstanden hat, das Erbe des Bundestagspräsidenten Dr. Ehlers mit Würde, Festigkeit und mit ständig steigender Überzeugungskraft weiterzuführen und dem Amte des Präsidenten des Deutschen Bundestages seinen persönlichen Stempel aufzuprägen, der versteht es, warum alle Parteien unseres Parlaments ihm Achtung zollen und seine feste, gerechte, die Würde des Hauses wahrende, jedoch auch großzügige Amtsführung anerkennen. In ihm wird ein Mann geachtet, der mit überlegenem Geist eine tiefe Kenntnis der menschlichen Natur und eine umfassende Menschenkenntnis verbindet, der ein Gefühl für Proportionen und ein unbestechliches Urteil über die Rangordnung der Werte hat.

Wenn unsere parlamentarische Demokratie davor bewahrt geblieben ist, das Schicksal des unter der Weimarer Verfassung wirkenden Parlaments zu erleben, dann ist dies sicher zu einem großen Teil das Ergebnis der politischen Entscheidungen, die seit 1949 in der Bundesrepublik getroffen wurden, aber doch auch nicht denkbar ohne die Führungs- und Überzeugungskraft des amtierenden Präsidenten unseres Parlaments.

Man mag über die Qualität des Deutschen Bundestages in den verschiedenen Wahlperioden, über seine Produktivität, über seine Fähigkeit zu echter politischer Diskussion verschiedener Auffassung sein; eines ist sicher: die Art, miteinander umzugehen, der Stil der parlamentarischen Arbeit, ist in seiner jetzigen Form entwickelt worden unter dem bestimmenden Einfluß seines Präsidenten Gerstenmaier. Die Gelassenheit und Würde, in der der überwiegende Teil der parlamentarischen Arbeit abgewickelt wird, ist sein Verdienst.

Die Grundlagen, auf denen die Außenpolitik unseres Landes beruht und immer beruhen muß, sind geschaffen, in hartem parlamentarischen Ringen durchgesetzt und definiert worden in den frühen 50er Jahren, in einer Zeit, in der D. Dr. Eugen Gerstenmaier einer der Hauptsprecher der CDU/CSU-Fraktion in außenpolitischen Fragen und während längerer Zeit auch Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses des Deutschen Bundestages war. Er hat mit klarer Erkenntnis aufgrund analytischer Begabung, gestützt auf großes, aus Erfahrung schöpfendes Wissen unserer Außenpolitik, die Politik der Christlich Demokratischen Union im Deutschen Bundestag vertreten. Ein Politiker, dem die Fundamentierung jedes politischen Denkens in christlichem Geiste selbstverständlich war, der unerschütterlich an der Rangordnung der Werte für die deutsche Politik "Freiheit, Frieden, Einheit" festhielt, mußte zu den Forderungen für die Führung unserer Außenpolitik kommen, die ich in Kürze zusammenfassen will:

Unser Land, im Herzen Europas liegend, an der Nahtstelle zwischen Ost und West, belastet durch eine beispiellose Zerstörung unserer Häuser und Wohnungen, unserer Wirtschaft, unseres staatlichen Daseins, bevölkert von Menschen, die erdrückt von einer unseligen Vergangenheit auf der Suche nach neuen Ordnungsvorstellungen waren, konnte nur nach folgenden Grundsätzen neu aufgebaut werden:

a) Wie alle Politik, so mußte auch unsere Außenpolitik gegründet sein auf dem festen Willen, unser staatliches Dasein nach weltanschaulichen Grundsätzen, auf dem Fundament des Christentums wieder aufzubauen.

b) Wir mußten versuchen, das Vertrauen in die Lauterkeit und Folgerichtigkeit unserer politischen Absichten glaubhaft zu machen.

c) Der Versuchung war zu widerstehen, zwischen den rivalisierenden Machtblöcken zu pendeln. Es mußte vielmehr eine klare Entscheidung für die freien Völker der westlichen Welt getroffen und folgerichtig durchgehalten werden.

d) Dem Gedanken eines europäischen Zusammenschlusses mußte unser Volk sich weit öffnen und bereit sein, von vornherein auf Teile der wiederzuerringenden Souveränität zugunsten solcher Zusammenschlüsse zu verzichten, in denen allein das Mißtrauen neugewonnener Freunde verhindert werden konnte.

e) Die Bereitschaft mußte bekundet werden, zu der Verteidigung der freien Welt auch durch die Kraft unseres Volkes beizutragen, und zwar möglichst im Rahmen einer integrierten Streitmacht der freien Völker.

Diesen Weg unserer Politik hat kaum ein anderes Mitglied unserer Fraktion mit so viel Temperament, mit so viel Überzeugungskraft durchgekämpft durch das Gestrüpp der parlamentarischen Diskussion wie Eugen Gerstenmaier, der eine scharfe Klinge schlug sowohl im Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten wie im Plenum des Parlamentes, aber auch in den Schlachten des Wahlkampfes, die ja zumindest in den Jahren 1953 und 1957 zum größten Teil mit außenpolitischen Argumenten geführt worden sind.

Einem großen Leitthema der deutschen Politik, der Wiedervereinigung, hat Eugen Gerstenmaier seine Kraft geradezu mit Leidenschaft und mit unübertroffener Formulierungskunst gewidmet. Man spürt, daß hier der Mensch, der Christ, mit dem gleichen elementaren Engagement sich ausdrückt wie der Politiker. Ob er seine Stimme erhebt vom Stuhl des Parlamentspräsidenten in Bonn, in Berlin oder über die Mikrophone von Funk und Fernsehen, immer spürt man die Überzeugung, die glaubhaft macht, daß wir Hoffnung, Glaube und Zuversicht nie aufgeben werden, dieses Ziel zu erreichen, und daß wir alle Kraft und alle Möglichkeiten einsetzen werden, um mit friedlichen Mitteln den Auftrag in der Präambel unserer Verfassung, die deutsche Einheit, zu verwirklichen.

Ich würde Eugen Gerstenmaier nicht gerecht werden, wenn ich nicht auch einen Wesenszug darstellen wollte, dessen Zeuge wir so oft geworden sind [und] immer wieder werden. Wenn Eugen Gerstenmaier mit großer Beharrlichkeit und Konsequenz an den Grundsätzen unserer Politik festhält, für sie kämpft, so ist doch sein rastloser Geist ständig damit beschäftigt, dem unveränderten Ziel eine den veränderten Verhältnissen entsprechende Gestaltung zu geben. Diese Kraft des konstruktiven Denkens, der Anpassungsfähigkeit, verbunden mit der Grundsatztreue und dem zähen, beharrlichen Durchstehvermögen, machen Eugen Gerstenmaier zu einem unserer wertvollsten Politiker; zu einer Kraft, die wir für unser Land auf dem außenpolitischen Felde nicht entbehren können.

Wer die Parteitage der CDU erlebt hat, und wer dort die Grundsatzreferate Eugen Gerstenmaiers hörte, der weiß, was ich ausdrücken wollte, wenn ich anfangs die Bedeutung dieses scharfsinnigen, die Dinge auf den Grund ausleuchtenden Geistes für die CDU, für die Formulierung ihres geistigen Standpunktes, für die weltanschauliche Fundamentierung ihres Programmes hervorgehoben habe.

Nur wer ein so ethisches Profil hat, wessen Persönlichkeit einen derart religiös-gläubigen Kern aufweist, wer dazu die Begabung besitzt in der Beobachtung des Lebens, des politischen Geschehens, auf den Grund zu schauen, das Erlebte systematisch-reflektiv zu verarbeiten, der verfügt über die geistigen Fähigkeiten, die praktischen Schlußfolgerungen für die Politik einer Partei, die wie die CDU sich an weltanschaulichen Maßstäben ausrichtet, diesen hohen Anforderungen anzupassen. Nur ein Mann auch, dessen persönlichstes Erlebnis ihn zu der Notwendigkeit einer Zusammenfassung aller christlichen Kräfte in der Politik geführt hat, bringt die integrierende Kraft mit, die immer wieder aufgebracht werden muß, um die heterogenen Interessen einer großen Volkspartei, als die sich die CDU auch darstellt, zusammenzufassen unter dem übergeordneten Gesichtspunkt der Gemeinsamkeit im Weltanschaulichen. Die schwere und täglich neu zu leistende Arbeit, diese Gegensätze zu überbrücken und auszugleichen, ein Prozeß, den ich selbst seit den Anfängen der CDU immer wieder habe leisten müssen, kann nur gelingen und konnte auch bisher nur gelingen mit Hilfe von Männern, die wie Eugen Gerstenmaier klare Erkenntnis im Grundsätzlichen, mit realistischem Einschätzungsvermögen, mit Menschenkenntnis, mit Erfahrung und Fleiß, aber auch mit der Ausstrahlung und Überzeugungskraft einer geschlossenen Persönlichkeit und mit der Kunst geschliffener Formulierungen verbinden.

Ihm, Eugen Gerstenmaier, an seinem 60. Geburtstag für diese Leistungen, für seinen zur programmatischen Prägung unserer Partei nicht wegzudenkenden Beitrag als langjähriger Vorsitzender der Christlich Demokratischen Union zu danken, ist mir ein tiefes Bedürfnis.

Quelle: Christ und Welt vom 26. August 1966. Für Freiheit und Recht: Eugen Gerstenmaier zum 60. Geburtstag, hrsg. von Hermann Kunst, Stuttgart 1966, S. 19-24. StBKAH 02.37, ms. Vorlage mit eigenhändigen Korrekturen Adenauers. Abgedruckt in: Adenauer. Die letzten Lebensjahre 1963-1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden (Rhöndorfer Ausgabe). Bd. II: September 1965 - April 1967. Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2009, S. 284-288.