März 1919: Denkschrift Adenauers über sein Verhältnis zu den Rheinstaatbestrebungen (9. November 1918 bis 17. März 1919)

Am Samstag, dem 9. November 1918, erschienen bei mir auf dem Rathause mehrere Zentrumskreisen angehörige Herren, unter anderen Stadtverordneter Mönnig, Stadtverordneter Rings, Stadtverordneter Maus, Stadtverordneter Bollig, Oberpfarrer Kastert, Chefredakteur Dr. Hoeber und der mir bis dahin unbekannte Dr. Froberger von der Kölnischen Volkszeitung. Herr Dr. Fro­berger erklärte, dass nach seinen Informationen die Entente die Rheinprovinz Frankreich zusprechen werde. Man könne das Deutschtum hier am Rhein nur dann retten, wenn man sich von Preußen lostrenne und einen besonderen Staat bilde. Die Herren baten mich, ich möchte sie mit den anderen Parteien in Verbindung bringen, damit sie mit diesen gemeinschaftlich diese Fragen beraten könnten. Da ich das Ganze für absurd hielt, habe ich es abgelehnt, einen derartigen Schritt zu tun. In den folgenden Tagen wurde es mir bei näherem Nachdenken bedenklich, allein die Verantwortung für eine solche ganz ablehnende Haltung zu tragen. Ich habe daher die Herren Meerfeld und Sollmann von der sozialdemokratischen Partei und Falk von den libera­len Parteien über das Vorgefallene unterrichtet und die Herren auch, damit sie sich selbst ein Bild machen könnten, in persönliche Verbindung mit Herrn Dr. Froberger gebracht. In mehrfachen gemeinschaftlichen Erörterungen und Besprechungen kamen wir zu der Überzeugung, dass die Verantwortung, die Rheinprovinz von Preußen loszutrennen, so groß sei, dass man sich dazu erst würde entschließen können, wenn es feststehe, dass auf andere Weise das Rheinland nicht vor der Einverleibung in Frankreich geschützt werden könne. Das letztere stehe aber noch keineswegs fest.

Durch Zeitungsartikel der inländischen und der ausländischen Presse wurde der Gedanke der Gründung einer Westdeutschen Republik in den folgenden Wochen immer wieder ventiliert, und es fanden infolgedessen wiederholte Besprechungen zwischen den verschiedenen Parteien in meinem Amtszimmer statt. In diesen Besprechungen wurde ohne jeden Widerspruch festgestellt, dass eine West­deutsche Republik nur dann genügend Widerstandskraft gegenüber Frankreich würde haben können, wenn sie im Verbande des Deutschen Reiches sei, und wenn sie möglichst weit auf dem rechten Rheinufer verankert sei. Es wurde für erwünscht gehalten, dass, wenn es überhaupt dazu komme, sie umfassen müsse die Rheinprovinz, Rhein-Hessen, die Rheinpfalz und große Teile von Hessen-Nassau, Westfalen und Teile von Oldenburg. Bei einem so großen Gebiet würde auch nach der übereinstimmenden Überzeugung aller derjeni­gen Personen, mit denen ich über die Sache gesprochen habe, die zum Ge­deihen des Ganzen notwendige Mischung der verschiedenen Konfessionen und Parteien gegeben sein. Mir gegenüber ist niemals von irgendjemand der Gedanke ausgesprochen worden, diese Westdeutsche Republik solle möglichst eine Zentrumsmehrheit haben oder rückschrittliche Partei-Mehrheit bekom­men. Man war sich vielmehr darüber klar, dass auch in dieser Republik die Trennung von Staat und Kirche kommen müsse und dass das gleiche geheime direkte Wahlrecht für beide Geschlechter sowohl für die Kommunen wie auch die Volksvertretung auch in diesem Staate gegeben werden müsse.

Durch die Zentrumsversammlung am 4. Dezember 1918 in der Bürgergesellschaft zu Köln, in der der Gedanke zum ersten Male meines Wissens in der großen Öffentlichkeit proklamiert wurde, bin ich vollständig überrascht worden. Ich las erst davon am folgenden Morgen in der Zeitung. Ich hielt dieses Vorgehen für äußerst unklug und gefährlich. Es musste meiner Überzeugung nach dadurch notwendigerweise bei den Nichtzentrumsanhängern der Eindruck erweckt werde, als wenn das Zentrum aus parteipolitischen Gründen die Sache betreibe. Ich hielt es im vaterländischen Interesse für meine Pflicht, einzuschreiten. Man hatte mir von seiten des Herrn Dr. Froberger schon vorher nahegelegt, einen Ausschuss aus Angehörigen aller Parteien für die Frage zu bilden. Ich hatte das bisher abgelehnt, weil ich mit der ganzen Sache möglichst wenig zu schaffen haben wollte. Ich hielt es aber nunmehr für meine Pflicht, unverzüglich etwas Derartiges zu tun, um dadurch diese wilden Bewegungen, die dem deutschen Gedanken meiner Meinung nach Abbruch tun mussten, einzudämmen. Ich bat zunächst Herrn Chefredakteur Posse von der Kölnischen Zeitung zu mir, klärte ihn über die ganzen Verhältnisse und Vorgänge auf und auch über meine Absicht, einen derartigen Ausschuss aus allen Parteien zu bilden, der die Bewegung kontrollieren könnte. Ich bat dann zu mir die Herren Mönnig, Falk und Sollmann und trug den Herren dasselbe vor. Die Herren erklärten sich einverstanden. Ich erbat mir von ihnen Vorschläge für diese politische Kommission, die dann auf Grund der Vorschläge dieser Herren wie folgt gebildet wurde:

vom Zentrum: Mönnig, Trimborn, Dr. Froberger;

von den liberalen Parteien: Falk, von Wiese, Ott;

von den Sozialdemokraten: Sollmann, Meerfeld, Haas.

Ich habe in der Folgezeit mehrfach Sitzungen dieses Komitees abgehalten, übereinstimmend wurde auch von diesem Komitee erklärt, wenn das Deutschtum am Rhein sonst nicht zu retten sei, so wolle man zur Gründung der Westdeutschen Republik schreiten. Erst aber müsse diese Tatsache, dass es sonst nicht zu retten sei, feststehen; ferner, die Republik müsse auf dem rechten Rheinufer verankert werden, und sie dürfe keine einseitig-konfessio­nelle oder parteipolitische Zusammensetzung erhalten. Das letztere hat namentlich der Staatssekretär Trimborn in einer Sitzung in sehr eindrucksvoller Weise klargelegt.

Am 9. Dezember 1918 rief mich telefonisch Oberbürgermeister Klostermann aus Koblenz an und sagte, am anderen Tage würde ein Beauftragter von ihm mit einer höchst wichtigen Nachricht nach Köln kommen. Ich solle der Nach­richt größtes Gewicht beilegen. Am folgenden Tage kam zu mir der Herr Duckwitz von der Koblenzer Zeitung. Er erklärte, im Namen des Oberbürger­meisters Klostermann mir folgende Mitteilung machen zu müssen: General Groener hätte einen besonderen Boten zu mir schicken wollen; dieser Bote sei nicht bis nach Köln gelangt, sondern nur bis Koblenz durchgekommen. Er habe die für mich bestimmte Mitteilung Herrn Klostermann zwecks Weiter­gabe an mich gemacht. Diese Mitteilung laute dahin, dass das Rheinland in größter Gefahr stehe, von Frankreich annektiert zu werden. Da eine von der Entente, insbesondere von Amerika anerkannte Vertretung des deutschen Volkes nicht vorhanden sei, so bestehe die Gefahr, dass uns ein Gewalt­frieden, die Annexion der Rheinlande enthaltend, diktiert würde. Den Reichs­tag würde Amerika als Vertretung des deutschen Volkes anerkennen. Ich möchte doch in der Öffentlichkeit Schritte tun, um baldmöglichst die Ein­berufung des Reichstages, und zwar mit Rücksicht auf die Zustände in Deutschland im besetzten Gebiet oder in der neutralen Zone, herbeizuführen. Die gleiche Eröffnung hat meines Wissens Herr Duckwitz einigen Herren von der liberalen und der sozialdemokratischen Partei, den Herren Justizrat Falk und Abgeordneten Meerfeld, in einer Besprechung im Hotel Excelsior am gleichen Morgen gemacht. Ich habe die Herren Mönnig, Falk, Sollmann und Meerfeld sogleich zu mir gebeten, ihnen Mitteilung gemacht und sie um ihre Meinung gefragt. Sie hielten, meiner Erinnerung nach sämtlich, abge­sehen von den sozialdemokratischen Herren, es für unbedingt nötig, dass ich daraufhin an den Reichstagspräsidenten Fehrenbach telegraphiere und diesen um Einberufung des Reichstages bäte. Ich habe mich am gleichen Tage mit General Groener, der in Kassel im großen Hauptquartier war, telefonisch in Verbindung gesetzt und diesen, da das Telefon von der feindlichen Besatzung überwacht wurde, gefragt, ob die Nachrichten, die sein Bote dem Oberbürger­meister Klostermann überbracht habe, richtig seien. Groener erwiderte dar­auf „ja".

Am 13. Dezember 1918 fand auf Einladung des preußischen Ministers des Innern Breitscheid in Elberfeld eine Besprechung der ganzen Frage statt, an der von Köln aus außer mir teilnahmen u. a. der Regierungspräsident von Starck, Justizrat Mönnig, Dr. Froberger, Justizrat Falk, Meerfeld und Soll­mann. Über den Verlauf der Verhandlungen gibt die Nummer (655) der Düsseldorfer Zeitung vom 23. Dezember 1918 ein ziemlich wahrheitsgetreues Bild.

In der Zwischenzeit war der Entwurf des Staatssekretärs Preuß über die zu­künftige bundesstaatliche Gliederung des Reiches, insbesondere über die Auf­teilung Preußens, bekannt geworden. Dadurch erhielt die ganze Bewegung nunmehr auch ein innerpolitisches Gepräge. Eines Tages erschien bei mir der Professor Briefs aus Berlin, der zu diesem Zweck eigens nach Köln ge­kommen war. Er erklärte, er komme im Auftrage des Staatssekretärs Preuß, dieser lasse mir mitteilen, dass Preußen aufgeteilt werde, und dass die Reichs­regierung durchweg mit der Aufteilung Preußens und der Bildung einer West­deutschen Republik einverstanden sei. Ich habe Herrn Professor Briefs ge­beten, mir eine schriftliche Erklärung des Staatssekretärs Preuß darüber zu bringen. Er fuhr nach Berlin zurück, telefonierte mir dann von Berlin, dass Staatssekretär Preuß eine amtliche schriftliche Erklärung nicht geben könne, dass aber im übrigen das, was er mir von Preuß mündlich überbracht habe, richtig sei.

Ich habe mich ferner nach Bildung dieses politischen Komitees in Köln durch das Mitglied des Zentralrates der deutschen sozialistischen Repu­blik Schäfer mit der Reichsregierung in Verbindung gesetzt und diese eben­falls von allen wichtigen Vorgängen auf dem laufenden gehalten, so insbe­sondere von dem Besuch eines Professors Sarolea, der durch Dr. Froberger am Sonntag, dem [19? handschr.] Januar, bei mir eingeführt wurde. Herr Dr. Froberger hat mir den Professor Sarolea als eine besonders wichtige Persön­lichkeit, die das Vertrauen des englischen Ministers des Äußern, Balfour, ge­nieße, bezeichnet. Ich habe mit Herrn Professor Sarolea zunächst im Rat­hause in Gegenwart des Herrn Dr. Froberger und dann in meiner Wohnung im Beisein des Dr. Froberger und der Frau Professor Schmittmann über die ganzen Verhältnisse eingehend gesprochen. Frau S. hatte ich mir als weitere Zeugin auch gegenüber Froberger zu der Verhandlung in meiner Wohnung eingeladen. Herr Professor Sarolea erklärte, dass Frankreich Sicherungen gegenüber Deutschland haben müsse. Die Friedensbedingungen für Deutsch­land würden ganz außerordentlich schwer sein. Wenn eine Westdeutsche Republik gegründet würde, die eine selbständige auswärtige Vertretung und ein eigenes Heer habe, im übrigen aber kulturell und wirtschaftlich dem Deutschen Reiche angehöre, so würde dadurch Frankreich die nötigen Siche­rungen gegen einen Revanchekrieg Deutschlands haben, und es würde dadurch möglich sein, die Rheinprovinz Deutschland zu erhalten und für Deutschland weniger drückende Bedingungen zu bekommen. Auf meine Frage, ob er im Auftrage Balfours komme, gab er keine Antwort. Er erklärte aber, dass er von mir zu Balfour hingehe und diesem alles wiedergeben würde, was ich ihm gesagt habe. Ich habe dann diesen Vorschlag Saroleas für indiskutabel erklärt, weil dann das Rheinland nicht mehr dem Deutschen Reiche angehö­ren würde. Sarolea ist sehr unzufrieden von mir weggegangen und hat das auch in seinem äußeren Benehmen mir gegenüber gezeigt. Von diesem Be­suche des Professors Sarolea bei mir habe ich dem Direktor Solmßen vom Schaaffhausen'schen Bankverein Mitteilung gemacht, weil Solmßen gute aus­ländische Verbindungen hat und überhaupt ein gutes Urteil über die auslän­dische Lage besitzt. Er riet auf das dringendste, diesen anscheinend von Eng­land angesponnenen Faden nicht abreißen zu lassen. Ferner hatte ich durch das Mitglied des Zentralrates Schäfer vom Inhalte dieser Unterredung mit Sarolea dem damaligen Ministerpräsidenten Scheidemann Mitteilung ma­chen lassen. Schäfer antwortete mir durch einen Brief vom 20. Januar 1919, in dem er folgendes schrieb:

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister!

Ich nahm bereits am Sonntag Gelegenheit, mit meinen Parteifreunden in der bewussten Angelegenheit Rücksprache zu nehmen. Hierbei vernahm ich, dass der Reichsregierung auch von anderer Seite Aufschlüsse über eng­lische und andere Pläne gemacht worden sind. Jedenfalls war das, was ich der Regierung mitteilen konnte, meinen Freunden nichts Neues. Immerhin waren sie mir für meine Darlegungen sehr dankbar.

Die Reichsregierung sieht die Sache durchaus nicht so schwarz. Vor allem kann sie nicht annehmen, dass die Pläne unserer Gegner jenseits des Rheins so unbesehen verwirklicht werden können. Der Schaffung einer West­deutschen Republik in dem von uns [?] in Aussicht genommenen Aus­maße steht die Regierung skeptisch gegenüber. Irgendwelche bindenden Beschlüsse über die Gliederung des neuen Preußen sind noch nicht gefasst worden. Alle Mitteilungen der Presse hierüber sind irrig. Die Volksbeauftragten stehen auf dem Standpunkte, dass es durchaus ge­nüge, Ihre Mitteilungen bei den demnächst beginnenden Verhandlungen mit als Material zu benutzen. Einen Gedankenaustausch darüber unmittel­bar mit Ihnen glauben sie z. Z. nicht als durchführbar erachten zu sollen. Was die Einberufung einer Besprechung der gewählten Vertreter zur Nationalversammlung anbelangt, so hat hiergegen die Reichsregierung nichts einzuwenden. Ende dieser Woche kehre ich nach Köln zurück und werde bei dieser Gelegenheit mündlich Näheres berichten. Bis dahin grüßt Sie Ihr ergebener

gez. H. Schäfer."

 

In der Zwischenzeit ereignete sich noch folgendes:

Ich wurde, meiner Erinnerung nach von Dr. Froberger, im Auftrage eines Ausschusses, der sich gebildet hatte - Herr von Schorlemer und Herr von Stein wurden mir als Mitglieder genannt -, zu einer Besprechung über die Zukunft der Rheinlande auf den 7. Januar 1919 in Köln im Bankhause Stein eingeladen. Ich habe erklärt, ich verlangte, wenn man auf mein Erscheinen Wert lege, dass auch die Sozialdemokratie eingeladen werde. Daraufhin ist Herr Meerfeld eingeladen worden. Ich habe Herrn Meerfeld telefonisch ge­beten, zu kommen; er sagte auch zu, ist aber nachher verhindert gewesen. Bei der Besprechung waren 20 bis 30 Herren aus der ganzen Rheinprovinz versammelt. Es wurde von mehreren Rednern, darunter namentlich von einem Professor Hauptmann aus Bonn, unverzügliche Loslösung von Preu­ßen verlangt, und zwar m. E. nicht nur aus außerpolitischen, sondern auch aus innerpolitischen Gründen heraus. Ich habe dem Herrn sehr energisch widersprochen und darauf hingewiesen, dass die Bildung eines solchen Staa­tes sich nur im Einvernehmen mit dem Reiche vollziehen könne, und ferner erklärt, dass m. E. die zuständigen Männer zur Beratung einer solchen Frage die Abgeordneten der Rheinprovinz, welche in der nächsten Zeit für die deutsche und preußische Nationalversammlung gewählt würden, seien. Ich fand dann auch die Zustimmung des weitaus größten Teiles der Versamm­lung bei meinem Widerspruch gegen Hauptmann. Man wollte aber die Ver­sammlung nicht ganz ergebnislos auseinandergehen lassen und schlug daher vor, einen wirtschaftlichen Ausschuss für die Frage der Zukunft der Rheinlande zu bilden, und bat mich, den Vorsitz in diesem Ausschusse zu über­nehmen, um auf diese Weise die nötige Verbindung mit dem oben erwähn­ten politischen Ausschuss, in dem alle Parteien vertreten seien, herbeizufüh­ren. Ich nahm das Amt an, um zu verhüten, dass unkontrollierte Bestrebungen und Ausschüsse Schaden anrichten. Ich habe, um das hier vorwegzunehmen, den Ausschuss nur einmal, und zwar auf den 29.1.1919, eingeladen, und das geschah, um ihn von meiner Absicht in Kenntnis zu setzen, die für die deut­sche und preußische Nationalversammlung gewählten Abgeordneten der Rheinprovinz zu einer Sitzung nach Köln einzuladen zwecks Bildung eines Ausschusses aus ihrer Mitte, durch den dann alle anderen Ausschüsse erledigt sein sollten. Der „wirtschaftliche" Ausschuss hat sich diesem Vorschlage ange­schlossen und sich aufgelöst; irgendwelche Tätigkeit hat er nicht ausgeübt.

In der Zwischenzeit spitzten sich aber die Dinge immer mehr zu, in der Presse entstand eine heftige Polemik. Aus Saarbrücken kam wiederholt der Verleger der Saarbrücker Zeitung, Herr Hofer, und bat immer wieder, man solle Schritte zur Gründung einer Westdeutschen Republik tun, es sei die einzige Möglichkeit, das Saargebiet zu retten. Es erschien mir daher absolut not­wendig, im Interesse der in den nächsten Monaten so dringend nötigen nationalen Einigkeit einen Boden zu finden, auf dem sich alle Parteien einigen konnten. Auch war es für mich klar, dass, sobald auf Grund der Wahlen zur deutschen und preußischen Nationalversammlung legitime Vertreter der rheinischen Bevölkerung vorhanden waren, alle sonstigen Ausschüsse für die Frage diesen berufenen Vertretern der rheinischen Bevölkerung Platz zu machen hätten. Ich nahm daher nach Fühlungnahme mit den Parteien in Aussicht, auf den 1. Februar 1919 nach Köln einzuladen die sämtlichen zur deutschen und preußischen Nationalversammlung gewählten Abgeordneten der preußischen besetzten Rheinprovinz und ferner die Oberbürgermeister der Städte Aachen, Bonn, Krefeld, M.-Gladbach, Neuß, Rheydt, Saarbrücken, Trier und Koblenz, sowie den Vorsitzenden des Provinzialausschusses der Rheinprovinz, den Grafen Beissel von Gymnich. Ich hielt es für angebracht, die letzteren Kommunalvertreter einzuladen, weil nach dem Preuß'schen Verfassungsentwurf Vertreter von Kommunalverbänden, die zusammen eine gewisse Anzahl von Einwohnern enthielten, das Recht sollten haben können, den Antrag auf Herbeiführung einer Volksabstimmung zwecks Ausscheidens aus dem bisherigen Bundesstaate und Bildung eines neuen Bundesstaates zu stellen. Dem oben genannten politischen Ausschuss trug ich in einer Sitzung, die am 28. Januar stattfand, vor, dass ich am 1. Februar die Abgeordneten eingeladen hätte und dass auch dieser politische Ausschuss nunmehr seine Exi­stenzberechtigung verloren hätte. Der Ausschuss stimmte dem zu. Am 1. Februar fanden dann den ganzen Tag über Verhandlungen auf dem Rathause statt. Über diese Verhandlungen gibt das anliegende Protokoll Auskunft.

Ich hatte bei der Einberufung und Leitung keinen anderen Wunsch als den, einen Bo­den zu finden, auf dem alle Parteien vereinigt werden könnten, weil mir in der kritischen Situation, in der sich das Rheinland befand, es vor allem nötig erschien, die Bevölkerung zusammenzuhalten, damit besondere, etwa ein­tretende Ereignisse sie nicht durch Zwistigkeiten gespalten und uneins vor­fänden. Ich habe in keiner Weise daran gedacht, dass etwa an diesem Tage die Westdeutsche Republik ausgerufen werden sollte. Die dahin gehenden Bemerkungen der Kölnischen Zeitung sind, wenigstens was mich angeht, ab­solut unwahr. Ich stehe auch den Artikeln der Kölnischen Volkszeitung, mit denen diese die Tagung vom 1. Februar begleitet hatte, vollständig fern. Mit dem Ergebnis der Tagung bin ich deswegen besonders zufrieden gewesen, weil es gelang, alle Parteien zusammenzufassen. Es wurde ein Ausschuss gewählt, und man bestimmte mich als Vorsitzenden. Ich war dabei der Über­zeugung, dass man eine Westdeutsche Republik nur bilden dürfe im Einver­nehmen mit der Reichsregierung und dass man ohne ein solches Einverneh­men erst dann einen solchen Schritt tun dürfe, wenn es die einzige und als solche absolut feststehende Möglichkeit sei, der Einverleibung in Frankreich zu entgehen. Ich war daher auch inhaltlich mit dem Beschluss, der am 1. Februar gefasst worden ist, durchaus einverstanden. Die Aufgabe des Ausschus­ses für die nächste Zeit fasste ich dahin auf, dass er alle wilden Bestrebungen verhindern, dass er die Parteien zusammenhalten sollte und dass er, falls nichts ganz Unvorhergesehenes von alliierter Seite erfolge, die Entwicklung der Verfassungsfragen in Weimar abwarten müsse. Aufgabe der rheinischen Abgeordneten in Weimar musste es nach meiner Meinung sein, auf dem ver­fassungsmäßigen Wege dort die Möglichkeit der Schaffung einer Westdeutschen Republik im Rahmen des Deutschen Reiches herbeizuführen. Meine Ausführungen, die ich in der Versammlung vom 1. Februar gemacht habe, habe ich dem Generalstabschef des Generals Fergusson, dem General Clive, in einer privaten Besprechung gegeben und ihn gebeten, sie zur Kenntnis sei­ner Regierung zu bringen. Von dieser meiner Absicht hatte ich am 1. Februar bei den verschiedenen Besprechungen, die interfraktionell stattfanden, den Anwesenden Kenntnis gegeben; sie hatten das Vorgehen gebilligt.

Mitte Januar 1919 war ein Staatsanwalt Dr. Dorten aus Wiesbaden bei mir, der sich bei mir einführte unter Bezug auf eine Frau Dr. Inderfurth, seine Tante, die ich vor etwa 18-19 Jahren in einer Sommerfrische einmal kennen­gelernt, seit dieser Zeit aber nicht wiedergesehen hatte. Er sagte, dass er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne, der neuen Regierung weiter seine Dienste zu leihen, und dass er für die Sache der Rheinisch-Westfälischen Republik tätig sein wolle. Ich kannte Herrn Dorten nicht. Er machte keinen schlechten, wohl aber einen sehr unüberlegten Eindruck. Ich habe ihm des­wegen erklärt, man müsse die Entwicklung der Dinge abwarten. Er kam nach einiger Zeit wieder und behauptete, er habe den größten Teil der Be­völkerung Wiesbadens, Nassaus und Hessens hinter sich. Er spielte sich in einer solchen Weise auf, dass ich Zweifel über die Persönlichkeit bekam, namentlich da er mir erklärte, er sei in der Zwischenzeit in Mainz mit der Entente über den Plan einer Westdeutschen Republik in Verbindung ge­treten. Ich habe daher den Geheimrat Prof. Dr. Eckert gebeten, nach Mainz und Wiesbaden zu fahren, um dort über diesen Herrn und die ganzen Ver­hältnisse Erkundigungen einzuziehen. Herr Eckert kam später zurück und erklärte, dass Herr Staatsanwalt Dorten dort wenig bekannt sei und dort sich auf seine angeblich schon lange Jahre währende Bekanntschaft mit mir über­all beziehe. Das veranlasste mich, gegen Dorten noch vorsichtiger zu sein, zumal mir Herr Eckert auch sagte, dass Dorten ihn gefragt habe, was er dann in der Westdeutschen Republik für eine Stelle bekomme. Auch aus Mainz waren Herren bei mir, ein Herr Pagenstecher und ein Herr Schreiber, die sich informieren wollten und die ebenfalls mit größter Besorgnis in die Zukunft Rhein-Hessens blickten.

Nachdem der Beschluss, der auf der Parlamentarier-Konferenz am 1. Februar gefasst war, bekanntgeworden war, wurde aus Essen sehr lebhafter Widerspruch laut. In einer Sitzung, die dort unter dem Vorsitz des Oberbürger­meisters Dr. Luther stattfand, wurde insbesondere dagegen nachdrücklichst protestiert, dass die Versammlung in Köln ohne Zuziehung von Herren aus dem Industriegebiet stattgefunden habe und über das Industriegebiet, ohne diese zu hören, verfügen wolle. Zu einer weiteren Besprechung in Essen wurde ich eingeladen. Da ich nicht von Köln wegkonnte, habe ich die Herren Prof. Moldenhauer und Prof. Scheler gebeten, in meinem Namen hinzu­fahren und die dortigen Herren über alles das, was in Köln besprochen und beschlossen sei, und über die Gründe, die uns leiteten, aufzuklären. Darauf­hin wurde in Essen der Beschluss gefasst, einen Ausschuss einzusetzen, der mit unserem Ausschuss sich in Verbindung setzen sollte. Die schriftliche Mittei­lung hierüber und die Namen der Mitglieder dieses Ausschusses erhielt ich von Herrn Oberbürgermeister Dr. Luther erst unter dem 27. Februar 1919. Ich hielt es in diesen ganzen Wochen nicht für zweckmäßig, ja sogar für schäd­lich, den am 1. Februar gewählten Ausschuss zu einer Sitzung einzuladen. Zunächst war ein großer Teil der Mitglieder ständig in Weimar; ferner hat­ten sich, hauptsächlich getragen durch die Polemik der Kölnischen Zeitung auf der einen und der Kölnischen Volkszeitung auf der anderen Seite, die Parteien, die ich am 1. Februar so glücklich vereint hatte, wieder entzweit. In Weimar waren die Verhandlungen über die zukünftige Verfassung in vollem Gange. Man wusste nicht, ob und wie eine gesetzliche Möglichkeit für die Bildung neuer Bundesstaaten sollte geschaffen werden. Wichtige neue authen­tische Nachrichten von seiten der Entente lagen ebenfalls nicht vor. Alles das veranlaßte mich, den Ausschuss nicht einzuladen, weil ich fürchtete, die Sitzung würde in einen die Auflösung des Ausschusses herbeiführenden Streit der Parteien ausarten. Ich war ferner der Ansicht, dass man an eine Loslösung von Preußen auf einem nicht von der Verfassung gebilligten Wege nur dann schreiten dürfe, wenn sonst die Annexion durch Frankreich unver­meidlich sei. Diese Tatsache stand mir aber nicht einwandfrei genug fest, um die überwiegende Mehrheit der Parteien zu einem solchen Schritt zu veran­lassen, und von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung musste der Schritt getragen sein, wenn er die beabsichtigte Verhinderung einer Annexion durch Frankreich herbeiführen sollte. Kurz, alle diese Gründe veranlassten mich, den Ausschuss nicht einzuberufen und die Entwicklung in Weimar und im Westen zunächst abzuwarten.

Aus verschiedenen Nachrichten, die mir zukamen, merkte ich, dass eine Gruppe um die Kölnische Volkszeitung, insbesondere die Herren Dr. Hoeber, Bachem, Dr. Froberger, Oberpfarrer Kastert, mit meiner abwartenden Haltung in keiner Weise einverstanden waren. Man machte von dieser Seite aus sehr gegen mich Stimmung. Ich habe das bei einer Gelegenheit Herrn Dr. Frober­ger und Herrn Oberpfarrer Kastert ins Gesicht gesagt und hinzugefügt, dass ich mich dadurch zu nichts drängen lassen würde, was ich im Interesse des Vaterlandes nicht für richtig hielte.

Mitte Februar gab mir Herr Staatssekretär a. D. Geheimrat Trimborn einen ausführlichen Bericht über die Vorgänge in Weimar. Er schrieb weiter, dass in Hannover Petitionen für ein selbständiges Hannover schon 400.000 Unter­schriften gefunden hätten. Er schickte mir ein Formular, wie es in Hannover benutzt wurde, und meinte, in der Rheinprovinz würde wohl zweckmäßig etwas Ähnliches gemacht. Ich, als Vorsitzender des Ausschusses, könnte aber mit etwas Derartigem nichts zu tun haben. Das letztere entsprach meiner Auffassung, und ich habe das von Herrn Trimborn übersandte Formular so­fort an Herrn Prof. Schmittmann abgegeben.

Am 1. März 1919 erhielt ich plötzlich ein Schreiben des Staatsanwalts Dr. Dorten mit folgender merkwürdigen Fassung:

Wiesbaden, den 28.2.1919

An den Vorsitzenden des Rheinischen Ausschusses für die Errichtung einer Westdeutschen Republik, Herrn Oberbürgermeister Adenauer, Köln.

Herr Oberbürgermeister!

Wir haben die Ehre, Ihnen in der Anlage eine Erklärung zu überreichen, die auf einem einstimmig gefassten Beschluss beruht. Wir haben berechtig­ten Grund, anzunehmen, dass die Erklärung die Ansicht des weitaus größten Teiles der Bevölkerung Nassaus und Rheinhessens zum Ausdruck bringt. Sollten Sie es für wünschenswert erachten, uns persönlich Erklä­rungen abzugeben, so werden wir zu einer Unterredung am Montag, dem 3. n. Mts., nachmittags, in Köln zur Verfügung stehen. Ihre Nachrichten werden wir Montagvormittag auf Ihrem Büro abholen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

gez. G. v. Marées

gez. Dr. Dorten

Erklärung

An den Vorsitzenden des Rheinischen Ausschusses für die Errichtung einer Westdeutschen Republik, Herrn Oberbürgermeister Adenauer, Köln.

Herr Oberbürgermeister!

Ein weiteres Hinausschieben der Errichtung der Westdeutschen Republik läuft den Interessen Nassaus und Rheinhessens zuwider.

Wir werden zum Handeln gedrängt.

Daher erwarten wir bis zum 4. März 1919 eine unzweideutige Erklärung des rheinischen Ausschusses. Andernfalls werden wir zur Tat schreiten.

Wiesbaden, Mainz, den 27. Februar 1919.

Der Arbeitsausschuss:

Stadtverordneter Prof. Dr. Bauer, Volksschullehrer Broglie, Dr. med. Ber­berich, Staatsanwalt Dr. Dorten, Rechtsanwalt Justizrat Eckermann, Rechts­anwalt Justizrat Dr. Fuld, Chefredakteur Dr. Geueke, Hotelier Henrich, Kunsthistoriker Dr. Klingenschmidt, Gymnasial-Oberlehrer Kraemer, Geh. Bergrat Prof. Dr. Leppla, Bergwerksbesitzer v. Marées, Studienassessor Dr. Reichwein, Landgerichtsrat Schmitz, Dr. med. Schlipp."

Am Abend des 2. März, es war ein Sonntag, suchten mich die Herren Justiz­rat Mönnig und Bollig in meiner Wohnung auf und erklärten mir, dass der Staatsanwalt Dr. Dorten in Köln sei, ihnen gesagt habe, dass er mir ein Ulti­matum gestellt habe und dass er sie aufgefordert habe, nunmehr zur Tat zu schreiten. Ich habe mich mit den Herren ausgesprochen, und wir waren uns sofort darüber einig, dass man auf den Staatsanwalt Dorten nichts weiter geben solle.

Am 3. März kamen Herr Staatsanwalt Dr. Dorten und Herr von Marées abends zu mir auf das Rathaus. Anwesend war bei mir gerade ein Major Kroeger aus dem großen Generalstab. Ich bat den Major Kroeger, die Unter­redung mit Dorten auch anzuhören, damit er ein Bild von diesen Bestrebun­gen bekomme und damit ich einen Zeugen für diese Unterredung hatte. Dor­ten verlangte von mir in schroffen Worten eine Erklärung darüber, ob ich jetzt zur Tat schreiten wolle. Ich habe ihm erwidert, auf eine derartige, in solchem Ton gestellte Anfrage gäbe ich ihm überhaupt keine Antwort. Er lenkte darauf ein. Ich sagte ihm, dass ich an meinem abwartenden Stand­punkte festhielte, dass er im Übrigen tun und lassen könne, was er wolle.

Am 7. März kam ich abends erst nach 7 Uhr zum Rathause. Dort wurde mir mitgeteilt, dass der Abgeordnete zur Deutschen Nationalversammlung, Prof. Dr. Kaas aus Trier, dringend gebeten habe, mich noch am selben Abend sprechen zu können. Er war bei dem Abgeordneten Kuckhoff. Ich ließ ihm daraufhin telefonisch mitteilen, ich erwarte ihn. Prof. Kaas kam gegen 8 1/4 Uhr und erzählte mir, er habe eben auf Veranlassung des Oberpfarrers Kastert einen Aufruf unterschrieben, der eine Reihe von Punkten enthalte, die er mir wiedergab, unter anderem auch den Punkt, dass man den Ausschuss vom 1. Februar wegen seiner gänzlichen Untätigkeit als abgesetzt betrachte. Er, Kaas, sei darüber sehr erstaunt gewesen und habe sich von Kastert zur Un­terzeichnung nur dadurch bewegen lassen, dass Kastert ihm gesagt habe, ich, Adenauer, sei mit dem Aufruf durchaus einverstanden und habe ihn ebenfalls unterzeichnet. Er, Kaas, habe geglaubt, wenn ich als Vorsitzender des Ausschusses vom 1. Februar einen Aufruf unterschreibe, der diesen Ausschuss als abgesetzt erkläre, so müsse ich wohl dafür sehr triftige Gründe haben. Er habe sich aber bei mir noch darüber Gewissheit verschaffen wollen. Ich wusste von einem solchen Aufruf überhaupt nichts, geschweige denn, dass ich ihn gebilligt oder unterzeichnet hätte, und erklärte dies sofort Herrn Kaas. Ich setzte mich dann sofort in Gegenwart des Herrn Kaas telefonisch mit Herrn Oberpfarrer Kastert in Verbindung und sagte ihm, Herr Kaas habe mir von einem Aufruf des und des Inhalts erzählt und weiter erklärt, ich, Adenauer, hätte diesen Aufruf unterschrieben und gebilligt. Das könne doch wohl nicht stimmen. Kastert erwiderte, es liege ein Irrtum des Herrn Kaas vor. Davon könne wohl keine Rede sein, dass er etwas Derartiges Herrn Kaas gesagt habe. Ich bat nun Herrn Kaas, sich telefonisch darüber mit Herrn Kastert zu unter­halten. Ich entnahm dem Telefongespräch, das in meiner Gegenwart statt­fand, dass Kastert dem Herrn Kaas auch den Glauben beizubringen versuchte, er habe ihn, Kastert, missverstanden. Kaas erklärte mir aber am Schlusse des Telefongesprächs mit Kastert, ein Missverständnis liege nicht vor. Tatsächlich habe ihm Kastert gesagt, ich, Adenauer, sei mit dem Aufruf einverstanden und habe ihn unterschrieben. Er, Kaas, ziehe nunmehr seine Unterschrift zurück. Ich sagte Kastert in dem Telefongespräch auch noch, es sei ja sehr nett von ihm, dass er den Ausschuss vom 1. Februar, dessen Vorsitzender ich sei, ohne weiteres absetze, aber vielleicht wäre es doch zweckmäßig, wenn er sich mit mir darüber vorher einmal unterhalten hätte. Darauf erklärte mir Ka­stert, er sei nicht die Triebfeder, sondern das seien die Herren Ahn und von Stein. Ich habe daraufhin am anderen Morgen, am 8. März, Herrn Ahn und Herrn von Stein zu mir gebeten und hörte von diesen nun zu meinem größ­ten Erstaunen folgendes:

Am 6. März hätte - ich glaube bei Herrn Bachem - eine Besprechung statt­gefunden, an der teilgenommen hätten die Herren Ahn, von Stein, Dr. Froberger, Franz Bachem, Dr. Hoeber und Dr. Dorten. Ob noch andere Herren teilgenommen haben, weiß ich nicht. Auf Grund der Angaben des Staats­anwalts Dorten, dass am 8. März über unser Schicksal in Paris entschieden werde und dass bis dahin eine Kundgebung in Paris bei der Entente vor­liegen müsse, hätten sie einen derartigen, insgesamt 6 Punkte enthaltenden Aufruf gefasst, wie er nachher, allerdings ohne Punkt 6, in den Zeitungen veröffentlicht worden ist. Sie hätten den Staatsanwalt Dr. Dorten beauf­tragt, diesen Beschluss sofort zur Kenntnis der Alliierten zu bringen. Das habe dieser inzwischen getan. Sie hätten ferner auf Montag, den 10. März, in das Zivilkasino eine Reihe von Damen und Herren eingeladen, um diesen eben­falls den Aufruf zum Beitritt vorzulegen. Ich habe den Herren mein größtes Befremden ausgesprochen. Sie erklärten, sie seien zu dem Beschluss gekommen auf Grund der wiederholten Angaben des Herrn Dr. Froberger, ich sei damit einverstanden, auch ich betrachte den am 1. Februar gewählten Parlamentarier-Ausschuss als aufgelöst. Ich habe sofort den Herren erklärt, dass diese Angabe des Herrn Dr. Froberger unwahr sei, habe ihnen weiter den Zwischenfall Kastert/Kaas erzählt und habe sie sowie die Herren Kastert, Dr. Froberger, Franz Bachem, Dr. Hoeber und ferner als Zeugen für mich den Justizrat Mönnig auf den folgenden Tag, 9. März, auf mein Amtszimmer gebeten, um dieses Lügengewebe klarzustellen. An dieser Besprechung vom 9. März haben die genannten Herren mit Ausnahme von Herrn Dr. Frober­ger, der nicht anwesend war, teilgenommen.

In der Zwischenzeit habe ich festgestellt, dass Kastert auch mit einer angeb­lichen, jedoch ebenfalls unwahren Erklärung des Professors Schmittmann, dahin gehend, er werde sofort aus dem Parlamentarier-Ausschuss vom 1. Fe­bruar austreten, bei der Besprechung am 6. März operiert hatte. Ich habe Herrn Kastert seine Unwahrheiten in der nachdrücklichsten und entschieden­sten Weise vorgehalten. Die Unwahrheit bezüglich des Herrn Prof. Schmitt­mann hat er zugegeben. Bezüglich des Herrn Kaas versuchte er sich heraus­zureden, es liege ein Irrtum des Herrn Kaas vor. Ich habe den Herren sehr nachdrücklich gesagt, dass es mir ganz unverständlich sei, wie sie auf Grund einer Erklärung eines ihnen doch ganz unbekannten Herren, wie des Staats­anwalts Dr. Dorten, derartige Sachen machen könnten. Ich hielte ihre ganze Handlungsweise vom deutschen Standpunkte aus für total verfehlt und woll­te unter keinen Umständen damit irgendetwas zu tun haben. Die Herren kamen nunmehr mit dem Vorschlag einer Listensammlung nach Hannover­schem Beispiel heraus, einer Listensammlung, die in ihrem Beschluss übri­gens in keiner Weise erwähnt war, und baten mich, das Präsidium hierüber zu übernehmen. Ich lehnte das absolut ab und erklärte, wenngleich ich an sich eine derartige Listensammlung für ein geeignetes Mittel hielte, um die Volksstimmung einmal kennenzulernen, dass ich als Vorsitzender des Aus­schusses vom 1. Februar, da eine solche Aktion jedenfalls bei einem Teile der Parteien auf Widerstand stoßen würde, damit unter keinen Umständen et­was zu tun haben wolle. Ich sagte den Herren weiter, ich würde an ihrer Versammlung im Zivilkasino am folgenden Tage nur als Zuhörer teilnehmen, und zwar als Vorsitzender des Ausschusses vom 1. Februar, um mich zu informieren. Wenn in dieser Sitzung auch davon die Rede sein würde, dass man den Ausschuss vom 1. Februar als nicht mehr vorhanden ansehen wolle, so würde ich dem in der entschiedensten Weise widersprechen. - Ich fragte dann, wer eingeladen sei, und hörte zu meinem Erstaunen, dass man die sozial­demokratische Partei nicht eingeladen hätte. Ich verwies den Herren diese undemokratische Art ihres Vorgehens und riet ihnen, sofort auch die Sozial­demokratie einzuladen. Das ist darauf geschehen. Die Besprechung mit den Herren verlief sehr erregt. Ich nahm kein Blatt vor den Mund, wie sehr ich über diese ganzen Unwahrheiten, auch seitens des Herrn Dr. Froberger, und über das Vorgehen der Herren entrüstet sei.

In der Versammlung im Zivilkasino am 10. März war ich anwesend von 3-5 Uhr, musste dann aber gehen, da ich an einer wichtigen Sitzung der Handelskammer teilnehmen musste. Später entnahm ich aus der Zeitung, dass nach meiner Entfernung Oberpfarrer Kastert folgendes gesagt hatte: Ich, Adenauer, der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses, also der be­rufenste Mann, habe die Arbeit der neuen Gruppe als eine höchst erwünschte Vorarbeit für die Parlamentarier-Konferenz bezeichnet. Auch aus einem Ar­tikel der Kölnischen Volkszeitung klang es durch, als ob ich mit der Bildung und dem Vorgehen des Ausschusses einverstanden sei. Ich war über diese neue Unwahrheit und Unehrlichkeit aufs äußerste empört und habe an die Kölnische Volkszeitung und an das Kölner Tageblatt ein Schreiben folgenden Wortlauts gesandt:

a) „An die Redaktion der Kölnischen Volkszeitung.

Unter Bezugnahme auf Ihren Artikel 'Zu der Westdeutschen Republik' in Nr. 201 der Kölnischen Volkszeitung bitte ich Sie von Folgendem Ihren Lesern Mitteilung zu machen.

In dem Artikel steht folgender Satz: 'In einer Besprechung am 9. ds. Mts. ist aber ausdrücklich festgestellt worden, dass der neue Ausschuss zur Her­beiführung einer Volksabstimmung nicht nur jenem Abgeordneten-Ausschuss nicht entgegenarbeitet, sondern laut Äußerung des Herrn Ober­bürgermeisters ihm gute Vorarbeit leistet.'

Hierdurch könnte die Meinung entstehen, als ob ich die Gründung des Aus­schusses gebilligt hätte. Dies ist nicht der Fall. Ich bin über die Gründung des Ausschusses absichtlich in Unkenntnis gehalten worden. Drei Tage nach der Gründung, am 9. d. Mts., hat eine längere Auseinandersetzung zwischen Gründern des Ausschusses und mir stattgefunden. Äußerungen meinerseits aus dieser Auseinandersetzung, die sich zur öffentlichen Wie­dergabe nicht eignet, können in keiner Weise zum Beweise dafür herange­zogen werden, dass ich die Gründung des neuen Ausschusses gebilligt hätte oder billigte. Ich habe vielmehr den Veranstaltern in ganz unmissverständlicher Weise erklärt, dass ich die Gründung dieses Ausschusses für durchaus unangebracht halte.

gez. Adenauer"

b) „An die Redaktion des Kölner Tageblatts.

Unter Bezugnahme auf Ihren Artikel 'Um die Westdeutsche Republik' in Nr. 118 des Kölner Tageblatts bitte ich Sie von Folgendem Ihren Lesern Mitteilung zu machen.

In dem Artikel steht folgender Satz: 'Oberpfarrer Kastert machte die all­gemein interessierende Mitteilung, dass der Vorsitzende dieses parlamen­tarischen Ausschusses, also der berufenste Mann, die Arbeit der neuen Gruppe als eine höchst erwünschte Vorarbeit für die Parlamentarier-Kon­ferenz bezeichnet habe.´" Im Übrigen derselbe Wortlaut wie in dem Schrei­ben an die Kölnische Volkszeitung.

Gleichzeitig habe ich der Kölnischen Zeitung und der Rheinischen Zei­tung Mitteilung von diesem Schreiben gemacht. Am 13. März habe ich nach der Stadtverordneten-Sitzung den Herren Mönnig, Maus und Moritz Mitteilung von dem Vorgehen des Oberpfarrers Kastert gemacht und erklärt, dass hier unbedingt Remedur geschaffen werden müsse. Die Herren haben mir gesagt, Kastert habe auch noch sonstige Sachen auf dem Kerbholz, sie würden dafür sorgen, dass er aus dem Vorstand der Kölner Zentrumspartei herauskomme. Die Kölnische Volkszeitung und das Kölner Tageblatt brach­ten meine Zuschrift nicht, wohl aber kam nach einigen Tagen Herr Ahn zu mir und fragte, ob nicht irgendeine Vermittlung möglich sei. Die Kölnische Volkszeitung würde sonst an meine Zuschrift einen langen Artikel knüpfen, der der Sache des Deutschtums doch außerordentlich schaden würde. Ich er­klärte Herrn Ahn, dass ich über dieses neuerliche Vorgehen des Oberpfarrers Kastert und der Kölnischen Volkszeitung auf das tiefste empört sei, dass ich andererseits einsehe, dass jetzt, wo für die Rheinprovinz voraussichtlich bald die Entscheidung herannahe, man alle persönlichen Differenzen zurück­stellen müsse im Interesse des Deutschtums am Rhein; ich stehe den Herren zu einer Unterredung am 16. März zur Verfügung.

Am 16. März waren dann bei mir auf meinem Amtszimmer die Herren Franz Bachem, Dr. Hoeber, Ahn und von Stein. Die Herren Bachem und Dr. Hoeber erklärten, aus meinem Verhalten am Schlusse der Unterredung, insbesondere daraus, dass ich den Rat gegeben hätte, auch die Sozialdemo­kratie zur Versammlung im Kasino einzuladen, hätten sie entnommen, dass ich meinen ursprünglich ablehnenden Standpunkt gegen den neuen Ausschuss aufgegeben hätte, und deshalb hätten sie geglaubt, in dem Artikel der Kölnischen Volkszeitung die von mir gerügte Wendung bringen zu können. Diese Auffassung der Herren wurde von mir und auch von den Herren Ahn und von Stein als ganz unangebracht erklärt. Auch die letzteren Herren er­klärten, dass sie sich die Auffassung der Kölnischen Volkszeitung und des Herrn Kastert in keiner Weise zu eigen machen könnten. Ich habe keinen Zweifel darüber gelassen, dass ich mit dem Ausschuss nichts zu tun haben wolle. Ich habe erklärt, ich müsse darauf bestehen, dass mein Brief an die Kölnische Volkszeitung und das Kölner Tageblatt, wenn auch nicht wörtlich, so doch inhaltlich, zur Kenntnis der Leser gebracht würde. Schließlich habe ich mich dann auf Bitten der Herren bereit erklärt, um im Augenblick des Bekanntwerdens der Friedensbedingungen der Entente die uns notwendige Einigkeit und Geschlossenheit aller Parteien herbeiführen zu können, an Herrn Prof. Stier-Somlo, den Vorsitzenden des Ausschusses, einen Brief zu schreiben folgenden Inhalts:

„Köln, den 17. März 1919.

Wie ich höre, sind aus meinem Schreiben vom 12. ds. Mts. unliebsame Schlüsse gegen die Persönlichkeiten der Veranstalter der Kasinoversamm­lung am 10. ds. Mts. gezogen worden. Dies ist unberechtigt. Der Satz mei­nes Schreibens: 'Ich bin über die Gründung dieses Ausschusses absichtlich in Unkenntnis gehalten worden', bezieht sich nicht auf die Veranstalter der Kasinoversammlung vom 10. ds. Mts. Ich war und bin ferner der Überzeugung, dass die Veranstalter aus ihnen durchaus triftig erscheinenden Gründen sich im vaterländischen Interesse für verpflichtet gehalten hatten, möglichst rasch zu handeln und die von ihnen geplante Volksabstimmung in die Wege zu leiten.

gez. Adenauer."

Quelle: HAStK 2/253/2. Aufzeichnung o.D. Durchschrift. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 238-253.