9. November 1922: Aufzeichnung Adenauers „Die politische Lage innerhalb des deutschen Katholizismus"

Das Deutsche Reich hatte in seinem alten Gebietsumfange rund 67 Millionen Einwohner, darunter 37,7% Katholiken. Heute zählt das Deutsche Reich rund 63 Millionen Einwohner mit etwa 34 % Katholiken. Der Reichstag im alten Rei­che hatte insgesamt 397 Abgeordnete, von diesen gehörten dem Zentrum an 90 - 22,7%. Dem heutigen Reichstag gehören 469 Abgeordnete an, unter diesen zählen zum Zentrum 72 - 15,4%.

Das Stärkeverhältnis der einzelnen Fraktionen im heutigen Reichstag ist folgendes:

Zentrum: 72

Vereinigte Sozialdemokratische Partei: 178

Deutschnationale [Volks-]Partei: 69

Deutsche Volkspartei: 66

Demokraten: 40

Bayerische Volkspartei: 20

Kommunisten: 5

kleinere Parteien insgesamt: 9

Aus vorstehendem ergibt sich, dass die politische Vertretung der deutschen Katholiken schon rein ziffernmäßig erheblich schwächer ist als vor dem Zusam­menbruch. Sie ist aber weiter auch deshalb schwächer, weil die Linke, insbe­sondere die Vereinigte Sozialdemokratie, so außerordentlich stark ist. Seit der letzten Reichstagswahl machen sich nun politische Zersetzungserscheinungen im deutschen Katholizismus in stärkerem Maße bemerkbar, welche die Akti­onsfähigkeit der jetzigen Vertretung der Katholiken im Reichstag noch stark beeinträchtigen und für die Zukunft noch Schlimmeres befürchten lassen. Man­chen katholischen Kreisen fällt es schwer, das richtige Verhältnis zur heutigen Staatsform zu finden. Sie können sich nicht dazu entschließen, unter Beiseitelassung gefühlsmäßiger Erwägungen und Erinnerungen sich entschieden auf den Boden der Tatsachen zu stellen und auf diesem Boden positiv mitzuarbeiten.

Die Deutschnationale [Volks-]Partei, die, genau wie die äußerste Linke, die Kommunistische Partei, eine vollständig negative Politik treibt, macht sich diese gefühlsmäßige Einstellung mancher katholischer Kreise zu Nutzen; sie hat eine katholische Abteilung gegründet und versucht - nicht ohne Erfolg -, unter den deutschen Katholiken festen Fuß zu fassen. Die Hauptstützpunkte der poli­tischen Vertretung der deutschen Katholiken waren von jeher das Rheinland, Schlesien und Bayern. Im Rheinlande ist es den Deutschnationalen bisher am wenigsten gelungen, unter den früheren Zentrumswählern Anhänger zu finden, wenngleich auch hier ihr Einfluss namentlich in besser situierten ländlichen Kreisen nicht gering ist. Dagegen haben sie wohl erreicht, in Schlesien und namentlich auf indirektem Wege in Bayern die politische Kraft des deutschen Katholizismus außerordentlich zu schädigen. Für die Zustände in Schlesien ist bezeichnend, dass dort ein katholischer Pfarrer eine deutschnationale Kan­didatur angenommen hat und dass der Fürstbischof von Breslau dazu hat Stellung nehmen müssen.

In Bayern hat sich zuerst die Bayerische Volkspartei vom Zentrum gelöst. Hierdurch hat das Zentrum eine besonders bedauerliche und ins Gewicht fal­lende Schwächung erfahren. Darüber hinaus ist die Lage in Bayern für die poli­tische Bedeutung des deutschen Katholizismus immer gefährlicher geworden. Bayern hat die Sonderrechte, die es im alten Reich hatte, verloren - ebenso hat allerdings auch Preußen seine viel weiter gehende Vormachtstellung auf­gegeben. Die bayerische Bevölkerung hat an diesen Sonderrechten von jeher gehangen. Diesen Verlust der Sonderrechte und die allgemeine Unzufriedenheit mit den heutigen Verhältnissen haben die Deutschnationalen, die in Bayern Mittelpartei heißen, sich in der skrupellosesten Weise zunutze gemacht. Die Bayerische Volkspartei hat zunächst diese Agitationen mehr oder weniger frei­willig mitgemacht. Dadurch ist in Bayern eine solche Stimmung groß gezogen worden, dass die Bayerische Volkspartei, um ihre Wählerschaft zu halten, nicht mehr anders kann, als die Mittelpartei will. Die Agitation in Bayern gegen das Reich und alles, was damit zusammenhängt, ist ebenso maßlos und negativ wie unvernünftig. Durch diese Agitation wird es weiten katholischen, namentlich auch geistlichen Kreisen in Bayern ganz unmöglich gemacht, die heutigen Dinge einigermaßen richtig zu sehen und zu verstehen.

Die Vorkommnisse auf dem deutschen Katholikentag in München im August 1922 haben eine treffende Illustration für den in Bayern herrschenden Geist gegeben. Nach der Absicht der Leitung der Katholikenversammlung sollte er von allen politischen Dingen vollständig freigehalten werden. Man wollte alles das, was die deutschen Katholiken eint - religiöse und caritative Interessen - herausstellen, um so wieder eine Atmosphäre der Einigkeit für alle deut­schen Katholiken zu schaffen. Man hoffte, dadurch auch auf politischem Gebiet wieder zu größerer Einigung zu kommen. Diese Absicht der Leitung, den Katho­likentag von politischem Hader freizuhalten, ist vollständig vernichtet worden, und zwar durch den Erzbischof von München, Kardinal Faulhaber, in allererster Linie. Herr Kardinal Faulhaber hat in seiner Ansprache bei der Pontifikalmesse auf dem Königsplatz sofort in stärkster Weise politisch gesprochen und zwar aggressiv politisch, obgleich nicht der geringste Anlass dazu vorhanden war. Er hat auch in der Folgezeit fast überall, wo er das Wort ergriffen hat, politische Aus­führungen gemacht und kaum eine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne über die Reichsbehörden und die Reichsgesetzgebung abfällige oder spöttische Ausführungen zu machen. Um die ganze Atmosphäre des Katholikentages zu kennzeichnen, seien folgende Einzelheiten hier angeführt:

1. die oben schon erwähnte Ansprache des Kardinals Faulhaber. In dieser Ansprache finden sich folgende Sätze: „Die Revolution war Meineid und Hoch­verrat. Sie bleibt in der Geschichte erblich belastet und gezeichnet mit einem Kainsmal, auch wenn sie heute Erfolg hatte, wenn sie da und dort Vorteile brachte. Eine Untat kann auf Grund dessen nicht heilig gesprochen wer­den usw." (Vergl. den Wortlaut der Ausführungen in der beiliegenden Nr. 661 der Kölnischen Volkszeitung vom 28.8.1922 sowie die Artikel in den beigefüg­ten Nummern 35 und 36 der in München erscheinenden Allgemeinen Zeitung vom 27. August und 3. September 1922, die diesen Vorgang schildern). Die Ansprache hat auf alle diejenigen, die sich verpflichtet fühlen, auf dem Boden der heutigen Reichsverfassung mitzuarbeiten, den allerpeinlichsten Eindruck gemacht.

2. Die Reichsflagge war weder in der großen Halle, in der die Versammlungen des Katholikentages stattfanden, noch sonst wo angebracht, und es hat erst des energischsten Verlangens des Präsidiums des Katholikentags bedurft, um zu erreichen, dass nach heftigem Widerstreben wenigstens an einer versteckten Stelle des Saales in vorsichtiger Weise die Fahne gezeigt wurde.

3. Auf den Nebenveranstaltungen des Katholikentages, insbesondere auf den Studentenkommersen, herrschte ein Geist, der jeden etwas weiter blickenden deutschen Katholiken mit der tiefsten Besorgnis erfüllen musste. Die Reden und Gespräche waren mit einem solch unklugen, den Verhältnissen nicht gerecht werdenden Geist erfüllt und so abgekehrt von jeder aufbauen­den Mitarbeit, dass diese katholischen Akademikerschichten, wenn sie einen derartigen Geist weiter pflegen, sich unbedingt von jedem politischen Einfluss für die Zukunft ausschalten.

4. In der Schlussversammlung des Katholikentages hat der Präsident Adenau­er die in dem anliegenden Zeitungsausschnitt wiedergegebenen Ausführungen gemacht, um zu verhindern, dass durch die Vorfälle und Reden auf dem Katho­likentag der gesamte deutsche Katholizismus schweren Schaden litte. Er ist deswegen von einem großen Teile der auf den Ehrentribünen versammelten prominenten bayerischen Katholiken, namentlich auch von Geistlichen, mit den gröbsten Schimpfworten insultiert worden. Über die Folge der Vorfälle auf dem Katholikentag unterrichten am besten folgende Anlagen:

a) Auszug aus einer Rede des deutschnationalen Reichstags-Abgeordneten Wallraf auf dem deutschnationalen Parteitag in Görlitz nach dem Bericht der Schlesischen Zeitung Nr. 509 vom 29. Oktober 1922;

b) das Echo in den deutschnationalen, insbesondere auch in den schlesischen Zeitungen und sonstige Zeitungsausschnitte (siehe Anlagen).

Seit diesem Katholikentag haben sich die Verhältnisse, namentlich in Bayern, nicht erheblich gebessert, sie haben sich eher noch verschlechtert. In Bayern wird in manchen Kreisen der Gedanke erwogen, ein süddeutsches Königtum unter Duldung Frankreichs zu schaffen. Diejenigen, die mit diesem Gedanken umgehen, machen sich keine Skrupel daraus, dass ein solcher Schritt die Auflö­sung des Reiches und damit fast automatisch die Annexion der Rheinlande durch Frankreich zur Folge haben würde. Bei einem Zerfall des Reiches würde Frank­reich keinen Schuldner für seine Forderungen mehr haben und würde sich dafür durch die Aneignung der Rheinlande schadlos halten. Das Ausscheiden Bay­erns aus dem Reiche würde somit französischen Kreisen einen willkommenen Vorwand bieten, ihre Rheinpolitik durchzuführen.

Derartige Gedanken werden auch schon in französischen Zeitschriften ausgesprochen. Es sei hier verwiesen auf einen in Abschrift beiliegenden Artikel der „L'Action Française" Nr. 194 vom 13.7.1922, in dem ausgeführt wird, dass der Schlüssel zur Lösung der rheinischen Frage in München liege. Der Zerfall des Reiches würde die Ausschaltung des politischen Einflusses der deutschen Katholiken auf eine nicht zu schätzende Zeit bedeuten. Dass dadurch die Allgemeininteressen der Kirche und die Interessen des Päpstlichen Stuhles aufs schärfste verletzt werden, liegt auf der Hand.

Es muss auf das ernsthafteste versucht werden, die politische Einigkeit der deutschen Katholiken wieder herzustellen.

Dass die deutschen Katholi­ken politischen Einfluss nur dann ausüben können, wenn sie auf dem Boden der heutigen Verfassung mitarbeiten, nicht aber, wenn sie in eine fruchtlose Opposition treten, liegt auf der Hand. Dringend nötig ist, dass in Bayern nach dem Rechten gesehen wird. Die Haltung des Kardinals Faulhaber ist unver­träglich mit den Interessen des deutschen Katholizismus. Er muss entweder eine grundsätzliche Schwenkung einnehmen oder dazu angehalten werden, sich jeder politischen Betätigung auf das strikteste zu enthalten. Die übrigen deutschen Bischöfe haben im allgemeinen ein viel besseres Verständnis für die gegenwärtige Zeit. Leider ist dieses Verständnis in weiten Kreisen der niederen Geistlichkeit, vor allem in Bayern, aber auch im Rheinlande und in sonstigen Gegenden des Reiches, nicht vorhanden. Es wäre höchst wünschenswert, wenn die Bischöfe für Aufklärung und Belehrung des Klerus Sorge tragen könn­ten. Die Hauptgefahr für die politische Bedeutung der deutschen Katholiken und für die Einheit des Reiches bildet aber zur Zeit Bayern. Der nach außen am meisten in die Erscheinung tretende Exponent der reichsfeindlichen Strömung ist Kardinal Faulhaber. Es drohen hier den deutschen Katholiken und damit der gesamten Kirche ganz unabsehbare Gefahren.

Quelle: HAStK 902/258/2, S. 1-7, ms., ohne Unterschrift. Abgedruckt bei: Morsey, Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler, S. 58-62; Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 252-257.