Mai 1926: Aufzeichnung Konrad Adenauers über die Verhandlungen zu seiner Kandidatur als Reichskanzler

Am Donnerstag, dem 13. Mai 1926, abends dreiviertel zehn Uhr erhielt ich ein über Aachen nachgesandtes dringendes Telegramm folgenden Wortlautes: „Erbitten dringend morgen Ihre Anwesenheit in Berlin, v. Guerard, Stegerwald."

Da ich mir denken konnte, weswegen die Herren meine Anwesenheit in Berlin wünschten, und ich keine Neigung verspürte, etwa den Reichskanzlerposten zu übernehmen, depeschierte ich ihnen zunächst: ich hätte ihre Depesche zu spät erhalten, um morgen schon in Berlin sein zu können. Wenn die Herren übermorgen noch Wert auf mich legten, könne ich Freitag abend oder Samstag früh in Berlin ein­treffen. Ich habe dann am Freitag, dem 14. Mai, zehn Uhr mit Herrn Stegerwald telefoniert. Herr Stegerwald bat mich auf das dringendste zu kommen. Ich sagte ihm zu, zwei Uhr achtzehn am selben Tage von Köln abzufahren, ich sei dann zehn Uhr vierzig abends in Berlin, Bahnhof Friedrichstraße.

Bei Eintreffen des Zuges in Berlin nahmen mich die Her­ren von Guerard und Stegerwald in Empfang. Sie begleite­ten mich in das Hotel Kaiserhof, wo wir dann noch eine längere Besprechung bis gegen halb ein Uhr hatten.

Die Herren sagten mir im wesentlichen folgendes:

Die Zeit für die Bildung einer Mehrheitsregierung - und als solche könne nur eine Regierung von den Sozialdemo­kraten bis einschließlich der Deutschen Volkspartei in Frage kommen - sei nunmehr gekommen, die in Frage kommen­den Parteien wünschten sie sämtlich. Sie hätten am vergangenen Mittwoch, sofort nach der Rücktrittserklärung

Luthers, mit der sozialdemokratischen Fraktion Fühlung genommen. Die Sozialdemokratie habe sich zum Eintritt in die große Koalition bereit erklärt, es ständen allerdings nach Lage der Dinge zur Zeit noch zwischen der Sozial­demokratie und der Deutschen Volkspartei drei Streit­punkte. Nach deren Erledigung würde die Bildung der gro­ßen Koalition ohne weiteres möglich sein. Diese drei Punkte seien folgende:

1. Die Aufwertungsfrage. Ihre Besprechungen mit der Sozialdemokratie hätten aber ergeben, daß in dieser Frage eine Einigung zwischen allen Parteien der großen Koalition sehr leicht möglich sei.

2. Die Flaggenverordnungsfrage. Die Sozialdemokraten hätten erklärt, sie sähen ein, daß nach Lage der Sache und bei dem Charakter des Reichspräsidenten die ein­mal erfolgte Verordnung durchgeführt werden müsse, sie würden die Durchführung tolerieren.

3. Die Frage der Fürstenenteignung. Hier liege die Sache so - erklärten Stegerwald und v. Guerard -, das Ver­fahren laufe jetzt, die Volksabstimmung werde, wie man allgemein annehme, nicht die nötige Stimmenzahl auf­bringen. Damit scheide die ganze Frage aus dem Reichs­tag aus und gehe zurück an die drei Länder, in denen noch keine Einigung mit den ehemaligen Fürsten erfolgt sei.

Die Herren erklärten weiter, sie hätten am gestrigen Himmelfahrtstage eine Besprechung mit den Führern der Deutschen Volkspartei gehabt. Hierbei hätten diese erklärt: Wenn die drei oben erwähnten Punkte aus der Welt seien, dann sei ihre Fraktion unter Beiseitestellung aller Bedenken mit Freuden bereit, in die große Koalition einzutreten.

Die Herren von Guerard und Stegerwald führten dann weiter aus, sie hätten bisher in der Zentrumsfraktion immer davon Abstand genommen, mich für den Reichs­kanzlerposten vorzuschlagen, weil ich für eine vorüber­gehende Führung der Reichsgeschäfte ihnen zu schade sei; jetzt aber sei, nach Ablauf der Volksabstimmung, der Weg für die große Koalition und damit für eine dauerhafte Mehrheitsregierung frei. Sie würden darauf dringen, daß die ursprünglich für den 20. Juni in Aussicht genommene Abstimmung schon früher stattfinde. Jetzt solle ein Übergangskabinett unter Beibehaltung der beteiligten Minister und unter meiner Führung als Reichskanzler gebildet wer­den mit dem Zweck, nach der Volksabstimmung unter mir ein Kabinett der großen Koalition zu bilden, das einen längeren Bestand haben werde. Sie bäten mich auf das dringendste, mich doch zur Verfügung zu stellen, ich sei das dem Vaterlande schuldig.

Die Ausführungen der Herren über die Schaffung einer dauerhaften Mehrheitsregierung und die sich damit erge­bende Möglichkeit, wirklich etwas Dauerhaftes zum Nutzen des Landes schaffen zu können, blieben nicht ohne Eindruck auf mich, so daß ich mich ernstlich fragte, ob ich unter sol­chen Umständen nicht das große persönliche Opfer bringen und den Reichskanzlerposten übernehmen müsse. Ich sagte den Herren, ich wolle mir über Nacht die Dinge überlegen und ihnen am anderen Morgen Bescheid sagen.

Sie erklärten, daß sie mit dem stellvertretenden Reichs­kanzler, Herrn Geßler, schon für morgen neun Uhr eine Zusammenkunft mit mir vereinbart hätten. Wenn ich bereit sei, wollten wir dann zusammen zu Herrn Geßler gehen, er werde alsdann dem Herrn Reichspräsidenten den Vor­schlag machen, mich mit der Bildung des Kabinetts zu be­trauen. Ich solle dann sofort die Regierung bilden, damit die Nachricht von der Neubildung der Regierung schon Samstag abend veröffentlicht werden könne. Sie wollten am anderen Morgen um halb neun Uhr zu mir kommen, um eine definitive Antwort zu hören. Ich bat die Herren, mir bis neun Uhr Zeit zu lassen und die Sache nicht so überaus eilig zu betreiben.

Ich habe mir dann die Dinge überlegt und als Ergebnis meiner Überlegung am anderen Morgen um neun Uhr den Herren Stegerwald und von Guerard folgendes mitgeteilt:

In der Sache lägen für mich eine Reihe von Bedenken. Für mich wäre die Übernahme des Kanzlerpostens ein sehr schwerer Entschluß, da ich aus einem mir liebgewordenen Wirkungskreise, der weit über Köln hinausreiche, aus­scheiden müßte, um mich hier in längerer oder kürzerer Zeit zu verbrauchen. Das Beispiel Luthers ermutige nicht gerade dazu, den Posten anzunehmen. Ich fühle aber in mir die Verpflichtung - wenn ich wirklich etwas zum Nutzen des ganzen Landes wirken könnte -, meine persönlichen Interessen zurückzustellen. Die Bedenken, die in der Sache für mich lägen, seien folgende:

1. Der Dawesplan. Man sei sich dabei klar - und insbe­sondere der damalige Reichskanzler Dr. Marx habe mir bei seiner Rückkehr aus London gesagt -, daß der Dawesplan schon im Jahre 1927 nicht mehr erfüllt werden könne. Nach meiner persönlichen Auffassung der Dinge hätte man ihn dann in London auch nicht unter­zeichnen sollen. Ich gäbe aber zu, daß ich in der Frage nicht über alles unterrichtet sei und daß man die Dinge als feststehende Tatsachen hinnehmen müsse; immerhin bleibe die Unmöglichkeit der Erfüllung vom Jahre 1927 an schon eine Schwierigkeit für die neue Regierung.

2. Den Herren sei mein Standpunkt zu Locarno bekannt. Wenn ich mich auch nach Abschluß von Locarno voll­ständig, auch innerlich, auf den Boden der Tatsachen stelle, um möglichst viel für Deutschland herauszuholen, so mißfalle mir doch dieses Unstete und Schaukelnde an der deutschen Außenpolitik, die Art, wie diese Politik gemacht werde. Deutschland solle sich, als ein vollkom­men waffenloses Volk, meines Erachtens aus allen Kon­flikten der anderen möglichst herauszuhalten suchen, bis man es brauche.

Auch seien nach meiner Kenntnis die Verhandlungen in Locarno von unserer Seite recht unglücklich geführt worden. Die weitere Entwicklung in Genf könne leicht zu einer Niederlage Deutschlands führen und käme dann natürlich auch wieder auf das Konto der neuen Regie­rung. Ich könnte also die auswärtige Politik, die bisher gemacht worden sei, nicht gerade als glücklich ansehen, soweit ich mir eben ohne Kenntnis der inneren Vorgänge mein Urteil bilden könnte. Herr Stresemann aber müßte im Kabinett bleiben, er sei zudem Führer einer der künftigen Koalitionsparteien, und ich sähe Schwie­rigkeiten mit ihm voraus, falls ich nicht mich mit ihm verständige.

3. In den schwebenden parlamentarischen Fragen sähe ich nach den Mitteilungen der Herren keine erheblichen Schwierigkeiten, weder in der Aufwertungsfrage, noch in der Flaggenverordnung, noch in der Frage der Fürsten­abfindung. Namentlich die letzte Frage käme ja nach Angabe der Herren nicht mehr in den Reichstag hinein.

Die Bildung der großen Koalition aber auf Wochen oder gar Monate hinauszuschieben, hielte ich für sehr bedenk­lich. In unseren Zeiten könne jeden Tag etwas passieren, was die Parteien durcheinander brächte und was die Stim­mung für die große Koalition wieder verschlechtere. Ich könne unter keinen Umständen den Reichskanzlerposten auf eine unbestimmte Aussicht hin übernehmen, daß die große Koalition einmal zustande käme. Ich hielte es für richtig, doch einmal zu versuchen, schon jetzt die Lage voll­ständig zu klären und, wenn möglich, die große Koalition zustande zu bringen. Ich müßte auch, ehe ich mich definitiv erklärte, noch mit meiner Stadtverordnetenversammlung Fühlung nehmen.

Um die ganzen Verhältnisse zu klären, schlüge ich ihnen folgendes vor: Ich wolle mich zunächst allein zu Herrn Geßler begeben und mit ihm die Lage besprechen. Dann wolle ich von der Deutschen Volkspartei Herrn Scholz und von der sozialdemokratischen Partei Herrn Dr. Hilferding zu einer Unterredung zu mir bitten. Ich wünschte gerade mit diesen beiden Herren zu sprechen, um meiner Fühlung­nahme keinen offiziellen Anstrich zu geben. Herr Scholz stände mir als früherer Kollege nahe und ich schätze ihn als anständigen Mann. Herrn Dr. Hilferding kenne ich aus dem Staatsrat her, wir hatten uns auch seit seinem Aus­scheiden aus dem Staatsrat noch gelegentlich getroffen und über politische Fragen gesprochen. Nach der Rücksprache mit diesen drei Herren würde ich dann hoffentlich in der Lage sein, ihnen endgültigen Bescheid zu geben.

Die Herren erklärten sich damit einverstanden. Ich habe dann am Samstag vormittag zehn Uhr mit dem stellver­tretenden Reichskanzler, Herrn Geßler, der mir auch seit längerer Zeit bekannt war, gesprochen. Ich habe ihm Kennt­nis gegeben von meinen Verhandlungen mit den Herren von Guerard und Stegerwald, und von meiner Absicht, jetzt schon eine Klärung über die Frage einer Mehrheits­regierung herbeizuführen.

Herr Geßler sagte mir, daß ein Minderheitskabinett, wie es bisher bestanden habe, untragbar sei. Ein solches Kabi­nett könne höchstens verwalten, aber nicht regieren. Es sei deshalb durchaus richtig, wenn ich im Hinblick auf die schwierige Lage in Deutschland (Finanzausgleich, Arbeits­losigkeit) und im Hinblick auf die schwierige außenpoli­tische Lage eine feste Mehrheitsregierung verlange, zumal der Reichstag ja vier Monate in Ferien gehen wolle. Es sei auch nötig, daß ich, vor einer definitiven Erklärung, mit Herrn Stresemann, der etwas besorgt über mein Kommen sei, die gegenwärtige Politik bespreche. Sie würden mir dann alle diskreten Dinge aus dem Gebiete der auswärti­gen Politik vorlegen, damit ich mir ein Urteil bilden könnte. Er bäte mich, ihm sobald wie möglich, etwa am frühen Nachmittag, Bescheid zu geben, damit der Auftrag zur Bildung des Kabinetts an mich durch den Reichspräsidenten sofort gegeben werden könne.

Um elf Uhr desselben Tages hatte ich eine Unterredung mit Herrn Scholz. Das Gespräch hat eine Stunde gedauert. Ich habe eingangs zu Herrn Scholz gesagt, ich hätte ihn bit­ten lassen, zu mir zu kommen, um auf Grund unserer alten Bekanntschaft mich mit ihm als Mensch zum Menschen zu unterhalten. Ich bäte ihn, mir gegenüber ebenso offen zu sein, wie ich ihm gegenüber offen sein würde. Zum Schlusse unserer Unterredung könnten wir uns dann darüber ver­ständigen, was von dieser Unterredung an die Öffentlich­keit kommen könne, was ich insbesondere auch den Herren von Guerard, Stegerwald und Dr. Hilferding - der nach ihm zu mir kommen würde - sagen könnte. Herr Scholz erklärte sich damit einverstanden.

Ich habe Herrn Scholz das gleiche gesagt, was ich den Herren von Guerard und Stegerwald erklärt hatte. Nur habe ich ihm meine Bedenken hinsichtlich der auswärtigen Politik mit Rücksicht auf die Person des Herrn Stresemann nicht mitgeteilt, weil ich mich gegebenenfalls mit Herrn Stresemann selbst darüber unterhalten wollte. Ich betonte, daß ich mir Klarheit verschaffen müßte über die Aussichten einer Mehrheitsregierung und daß ich ferner auch zur Bedingung machen müßte, daß ich mir nach ausführlicher Rücksprache mit den Parteien meine Minister selbst aussuche. Dann habe ich Herrn Scholz gebeten, mir über seine Mitteilungen Notizen machen zu dürfen; ich habe sie vor seinen Augen auf dem Tisch gemacht.

Herr Scholz erklärte: Meine Stellungnahme sei, von mei­nem Standpunkt aus betrachtet, durchaus zutreffend und richtig. Er verstehe, daß ich aus meiner Tätigkeit als Ober­bürgermeister nur ausscheiden könnte, wenn ich unbedingt eine sichere Mehrheit im Reichstag habe. Er würde an mei­ner Stelle genau so verfahren. In der Sache selbst aber lägen Schwierigkeiten. Seine Fraktion würde sich prinzi­piell, wenn der Herr Reichspräsident die Bitte aussprechen würde, zu Verhandlungen über die sofortige Bildung der großen Koalition bereit finden. Diese Verhandlungen aber seien vollkommen aussichtslos, einmal wegen der Frage der Fürstenenteignung.

Hier seien die Herren von Guerard und Stegerwald im Irrtum, wenn sie meinten, daß die Sache den Reichstag nicht mehr beschäftigen werde. In allen Fraktionen seien Leute, die, auch bei einem negativen Ausfall der Volksabstimmung, die Sache im Reichstag geregelt wissen wollten. Die Sozialdemokratie rüttele mit dieser Frage an den Grundfesten des Staates, und seine Partei - und wie er hoffe, auch das Zentrum - würde sich mit aller Macht wehren, so daß es jedenfalls zu schweren Konflikten kom­men würde. Anderseits seien die Verhandlungen aus­sichtslos wegen der Flaggenverordnungsfrage. Auch wenn hier die sozialdemokratischen Führer sich bereit erklärten, die Verordnung zu tolerieren, dann sei es unmöglich, daß die Sozialdemokratie im Lande, während ihre Führer in der Regierung säßen, in Schwarz-rot-gold ihre Geschichten weiter machte. Die große Koalition würde dann in wenigen Wochen kaputt sein.

Aber auch von der gegenwärtigen Situation abgesehen sei die große Koalition nicht möglich. Die Schwenkung nach rechts müsse kommen. Sie sähen ein, daß das sowohl wegen der Haltung der Deutschnationalen in der auswär­tigen Politik als auch wegen der Verärgerung des Zentrums gegenüber den Deutschnationalen im Augenblick noch nicht möglich sei. Deshalb wollten sie jetzt ein neutrales Kabinett, auch wenn dies ein Minderheitskabinett sei.

Er gebe zu, daß ein Minderheitskabinett an sich ein Unding sei, aber es sei gegenwärtig das kleinere Übel. Es gehe auch nicht an, das jetzt zu bildende Kabinett etwa als ein Übergangskabinett zur großen Koalition anzusehen. Sie könnten zwar jetzt noch keine Koalition mit den Deutschnationalen eingehen, doch wachse unter den Deutschnationalen ständig die Erkenntnis, daß die gegen­wärtige Außenpolitik Stresemanns richtig sei, wenn auch einige Murrköpfe dort, wie bei jeder Fraktion, vorhanden seien. Er sehe auch ein, daß sie dem Zentrum, das jetzt auf die Deutschnationalen sehr erbost sei, noch einige Zeit lassen müßten, ehe es zu einer Koalition mit den Deutsch­nationalen bereit wäre.

Die Stimmung in seiner Fraktion sei so, erklärte Herr Scholz, daß es sogar nach dem Verlauf einer von ihnen gestern oder vorgestern abgehaltenen Fraktionssitzung zweifelhaft sei, ob sie noch mit den Demokraten zusammen in der Regierung bleiben könnten. Koch müßte die von ihm ausgesprochene Kündigung der jetzigen Koalition aus­drücklich zurückziehen, und die Demokraten müßten erklä­ren, daß sie auch innerlich ihren Widerstand gegen die Flaggenverordnung aufgäben. Sie wollten für die Demo­kraten kein kaudinisches Joch aufrichten, aber in diesen beiden Punkten müßten ihnen die Demokraten entspre­chende Erklärungen abgeben, von denen sie, die Volks­partei, auch öffentlich Gebrauch machen dürfte. Ganz un­möglich sei für sie eine Regierung mit der Sozialdemokratie. Sogar eine Regierung, die sich auf die Sozialdemokratie stütze, sei für sie untragbar. Der Herr Reichspräsident nähme genau die gleiche politische Haltung ein, wie er sie eben skizziert habe.

Im übrigen könne er bezüglich meiner Person nur fol­gendes sagen: Er, und wie er glaube, auch seine Fraktion - wenn auch hier immerhin bei einigen Widerspruch laut werden würde -, würden es mit Freuden begrüßen, wenn ich an die Spitze eines neutralen Kabinetts treten würde.

Ich habe darauf Herrn Scholz folgendes erwidert: Das, was er da gesagt habe, klinge dem einen meiner beiden Ohren sehr angenehm, für mein anderes Ohr aber sehr traurig. Froh sei ich und danke ihm dafür, daß durch seine unumwundene Stellungnahme die Entscheidung für mich klar und gegeben sei; ich könne das Amt unter diesen Um­ständen selbstverständlich nicht annehmen, was meinem persönlichen Wunsche außerordentlich entspräche. Im übrigen aber könnten seine Ausführungen einem wirklich die Tränen in die Augen treiben, weil man daraus das furchtbare Bild unserer parteipolitischen Zerklüftung er­kennen könne.

Ich sähe durchaus ein, daß es unter den Deutschnationa­len, vornehmlich unter ihren Anhängern im Lande, viele für den Staat wertvolle Kräfte gäbe, aber es müßte doch die vornehmste und erste Pflicht eines jeden sein, der es mit unserem Vaterlande gut meine, die vielen Millionen Anhänger der Sozialdemokratie im Lande zum Staats­gedanken und zu Staatsbürgern zu erziehen. Das sei jedoch unmöglich, wenn man die Sozialdemokraten einfach aus der Regierung ausschalten wolle.

Herr Scholz erwiderte mir: Im Prinzip sei er mit mir einig, nur wären wir verschiedener Meinung über die anzuwen­dende Methode. Nach den Erfahrungen seiner Partei mit der Sozialdemokratie sei es in Zukunft allein möglich, eine rein bürgerliche Regierung zu bilden. Diese Regierung müsse dann eben so gut regieren, daß sie der Sozialdemo­kratie die Massen entfremde und zu sich herüberziehe.

Ich erklärte ihm darauf, einen solchen Gedanken könne man allenfalls noch aussprechen bei guten wirtschaftlichen Zeiten. Wir ständen aber doch einer großen wirtschaftlichen Depression und einer ungeheuren Arbeitslosigkeit gegen­über. Diese Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Depression sei nach meiner Überzeugung keine vorübergehende Erscheinung, sondern werde noch lange Jahre dauern. Schon darum hielt ich sein Konzept für ganz undurchführbar.

Ich fragte ihn dann, inwieweit ich nun von seinen Mitteilungen Gebrauch machen, was ich insbesondere den Herren Geßler, von Guerard, Stegerwald und Herrn Dr. Hilferding sagen könnte.

Er erklärte: das seien keine Geheimnisse, das seien An­schauungen, die er immer schon, auch öffentlich vertreten habe, und ich könnte ruhig Gebrauch davon machen. Er bäte mich nur, zunächst, noch nichts davon zu sagen, daß er erklärt habe, man müsse der Zentrumsfraktion noch eine gewisse Zeit lassen, um von ihrem Ärger über die Deutsch­nationalen zurückzukommen.

Nachdem Herr Scholz sich verabschiedet hatte, kam Herr Dr. Hilferding. Ich habe ihn über meine Unterredungen mit den Herren von Guerard, Stegerwald und Scholz in Kennt­nis gesetzt. Dabei sagte ich ihm, daß ich mich, ebenso wie bei Scholz über die Stimmung der Deutschen Volkspartei, bei ihm über die Stimmung der sozialdemokratischen Frak­tion zu unterrichten wünsche, da ich mich keinesfalls bereit erklären könnte zur Übernahme des Amtes, wenn nicht meine beiden Bedingungen erfüllt würden: einmal eine sichere Mehrheit, zweitens die Auswahl der Minister durch mich nach Rücksprache mit den Parteien.

Herr Dr. Hilferding erklärte mir: Was die schwebenden Fragen angehe, so seien in den bisherigen Besprechungen unter den Parteien nur die drei von mir schon aufgezählten Differenzen - Fürstenabfindung, Aufwertung und Flag­genfrage - genannt worden. Es käme aber noch eine vierte hinzu, die er nur, um die Verhandlung nicht zu erschweren, bisher nicht zur Debatte gestellt habe. Das sei das Schick­sal der am 1. August d. Js. ablaufenden Verordnung über die Getreidezölle, die seine Freunde verlängert wissen wollten. Was die drei anderen, von mir angeführten Fra­gen angehe, so habe er dazu folgendes zu sagen:

1. Er nehme an, daß auch nach negativem Verlauf der Volksabstimmung die Angelegenheit der Fürstenabfin­dung doch im Reichstag geregelt werden müßte, daß aber dann ein Kompromiß nötig und auch möglich sei.

2. Bezüglich der Flaggenverordnung sei Herr Külz der Auf­fassung, daß der Reichspräsident mit einer Verschiebung ihres Inkrafttretens einverstanden sei, solange die Frage der Schaffung einer neuen Flagge schwebe. Inzwischen könne man diese Frage einer Kommission überweisen, der nicht nur Parlamentarier, sondern auch andere Leute angehörten.

3. In der Aufwertungsfrage sähe er keine Schwierigkeiten mehr.

Was nun die Grundfrage angehe, so halte seine Partei die große Koalition an sich für erwünscht, aber nur dann, wenn sie für längere Dauer geschaffen würde und wenn entsprechende Erklärungen der Deutschen Volkspartei hierüber vorlägen. Es dürfte nicht wieder vorkommen, daß auf einmal die Deutsche Volkspartei die große Koalition im Stiche lasse. Ob die Bildung der Koalition möglich sei, solange die Frage der Fürstenenteignung schwebe, sei zweifelhaft. Seine Fraktion würde mir als Reichskanzler, auch wenn die große Koalition noch nicht bestehe, ihre Unterstützung gewähren, und zwar in viel stärkerem Maße als dem Kabinett Luther, weil sie die Überzeugung hätten, daß unter meiner Kanzlerschaft die gegenwärtige Staatsform gewahrt bleiben würde. Ich würde also nur theoretisch keine Mehrheitsregierung haben, wohl aber tatsächlich.

Ich erwiderte ihm darauf, daß eine Unterstützung eines Minderheitskabinetts durch die Sozialdemokraten von Fall zu Fall ja nicht ohne Präsentation einer Gegenrechnung bleiben werde und daß das ein kostspieliges Vergnügen sei. Jedenfalls sei es viel richtiger, wenn ein für allemal eine Pauschale gezahlt würde; deswegen sei es mir doch schon lieber, wenn hinsichtlich des Zustandekommens der großen Koalition feste Abmachungen mit den Parteien getroffen werden könnten.

Herr Dr. Hilferding bat mich darauf, auch wenn die große Koalition jetzt augenblicklich nicht zustande käme, das Kabinett zu bilden, es würde mir doch dann sicherlich mög­lich sein, nach der Regelung der Fürstenfrage auch die Deutsche Volkspartei zum Eintritt in die Koalition zu zwin­gen, und zwar durch die Drohung mit der Reichstagsauf­lösung, vor der keine Partei so viel Angst habe wie die Deutsche Volkspartei.

Ich antwortete, daß der Reichspräsident mir doch keines­falls eine Auflösungsordre in blanco geben würde, sondern nur für einen bestimmten Fall. Es sei aber bei der Denkungsart des Reichspräsidenten außerordentlich zweifel­haft, ob er mir eine solche Auflösungsordre zum Zwecke der Herbeiführung der großen Koalition geben würde; denn er gäbe sie mir dann doch gegen seine eigene Partei und gegen die ihm sehr nahestehende Deutsche Volkspar­tei, zu Gunsten der Sozialdemokratie, der Demokraten und des Zentrums, also zu Gunsten von Parteien, die ihm nach seiner ganzen Herkunft ferner stehen müssen. Das sei mir doch ein zu unsicherer Faktor, um darauf meine Rechnung stützen zu können.

Nach Schluß dieser Unterredung habe ich dann die Her­ren von Guerard und Stegerwald zu mir gebeten, ihnen das Ergebnis mitgeteilt und ihnen gesagt, daß demnach für mich eine weitere Betätigung vollständig ausgeschlossen sei. Die Herren erklärten, daß die Äußerungen des Herrn Scholz die Lage veränderten, wie sie sich ihnen bisher auf Grund der ganz anders lautenden Erklärungen der Deutschen Volks­partei am Himmelfahrtstage dargestellt habe.

Ich sagte ihnen dann, daß ich es, nachdem ohne mein Zu­tun diese Geschichte in die Zeitungen gekommen sei, doch für richtig hielte, eine entsprechende Mitteilung an die Presse gelangen zu lassen, um Legendenbildungen zu verhüten.

Es wurde dann von uns dreien zusammen eine Erklärung aufgesetzt, die nach einer später im Vorstande der Reichs­tagsfraktion vorgenommenen Änderung von Herrn von Guerard und mir im Laufe des Abends der Presse über­geben worden ist.

Ich bin am frühen Nachmittag zu Herrn Geßler gegangen und habe ihm die gleiche Mitteilung gemacht, wie den Herren von Guerard und Stegerwald. Herr Geßler war sehr erstaunt, weil, wie ihm mitgeteilt worden sei, Herr Scholz sich noch am Abend vorher auf einer Privatgesellschaft sehr befriedigt geäußert habe, als dort gesagt wurde, ich werde vom Zentrum als Reichskanzler vorgeschlagen wer­den. Herr Geßler vermutete, hinter allem stehe die Furcht des Herrn Stresemann, daß ich zu stark für ihn sei. Herr Stresemann habe schon mit Herrn Dr. Luther heftige Auf­tritte gehabt, und er fürchtete, daß ich noch stärker als Luther sei. Ich bat dann noch, Herr Geßler möge den gan­zen Sachverhalt dem Reichspräsidenten möglichst genau vortragen, und stellte ihm anheim zu sagen, daß ich aus der Unterredung mit Herrn Scholz den Eindruck gewonnen habe, der Reichspräsident könne vielleicht die große Koali­tion zustande bringen, wenn er, unter Berufung auf die Not­wendigkeit einer Mehrheitsregierung, der Deutschen Volks­partei erkläre, daß sie in die große Koalition aus vater­ländischen Gründen eintreten müßte.

Nach einiger Zeit wurde ich von dem Reichstagsabgeord­neten Esser angerufen: ich möchte doch, wenn irgend mög­lich, sofort in die Vorstandssitzung der Reichstagsfraktion kommen. Ich ging hin, und dort wurde mir folgendes mit­geteilt:

Herr Dr. Marx, der über den Inhalt meiner Besprechun­gen mit den Herren Scholz, von Guerard und Stegerwald unterrichtet worden sei, habe in der gegen halbfünf Uhr stattfindenden Kabinettssitzung zur Sprache gebracht, daß nach den Erklärungen des Herrn Scholz mir gegenüber die Deutsche Volkspartei ja keinen Eintritt in die große Koali­tion wünsche.

Herr Stresemann habe darauf erklärt, das sei sicher falsch. Daraufhin habe Stresemann mit Herrn Scholz tele­fonisch gesprochen und dann gesagt, Herr Scholz habe mit­geteilt, daß ein Mißverständnis meinerseits vorliegen müßte.

Ich habe darauf im Vorstand der Reichstagsfraktion an Hand meiner Notizen einen ausführlichen Bericht über die Unterredung mit Herrn Scholz gegeben und erklärt, daß ein Mißverständnis während der einstündigen Unterredung ganz ausgeschlossen sei. In der darauf stattfindenden Fraktionssitzung des Zentrums wurde die ganze Lage erörtert.

Noch während dieser Fraktionssitzung ließ Herr Scholz persönlich und Herr Stresemann telefonisch den Herrn von Guerard herausrufen, um mitzuteilen, daß ganz sicher ein Mißverständnis meinerseits vorläge. In der Fraktionssit­zung wurde dann mitgeteilt, daß das Nachrichtenbüro der Deutschen Zeitungsverleger, von dem ich weiß, daß es mit Herrn Stresemann in engster Fühlung steht, eine Nachricht über meine Verhandlungen mit der Deutschen Volkspartei nachträglich abgeschwächt habe, und zwar in dem Sinne, daß Herr Scholz gesagt habe, die große Koalition könne zur Zeit für sie nicht in Frage kommen.

Zur Unterstützung der allgemeinen Ansicht, daß Herr Stresemann Herrn Scholz dazu benutzt habe, um eine Übernahme der Kanzlerschaft durch mich unmöglich zu machen, wurde von Herrn Reichstagsabgeordneten Ulitzka folgen­des mitgeteilt:

Am Samstag früh um halb acht Uhr habe Frau Vallentin, eine Freundin von Frau Stresemann, den sozialdemokra­tischen Reichstagsabgeordneten Breitscheid telefonisch an­gerufen und ihm gesagt: Wie sie höre, solle Adenauer Reichskanzler werden. Das sei doch ganz unmöglich, Aden­auer stünde ganz rechts und unterhalte mit Wallraf und anderen derartigen Leuten Verbindung.

Quelle: Paul Weymar: Konrad Adenauer. Die autorisierte Biographie. München 1955, S. 129-143.