12. Juli 1922: Schreiben an Erzbischof Kardinal Dr. Schulte, Köln

Hochverehrte Eminenz!

Dankend bestätige ich den Empfang der Auskunft aus Salzburg sowie des Expo­sés über die Frage der Errichtung eines Krematoriums.

Was die Reinhard-Spiele angeht, so darf ich wohl aus Ihrer Begleitbemerkung entnehmen, dass die Sache für Köln nicht in Frage kommt. Vielleicht wäre St. Pantaleon auch geeignet gewesen und es hätte sich dann eventuell ermög­lichen lassen, von dem Reinertrage zur Ausschmückung der Kirche einen größeren Betrag zu verwenden.

Wegen der Krematoriumsfrage werde ich mir erlauben, demnächst noch einmal bei Ihnen vorzusprechen. Theoretisch sind die Ausführungen, die sich auf Erlasse, die immerhin schon mehrere Jahre zurückliegen, stützen, richtig; prak­tisch scheint mir der Standpunkt in der gegenwärtigen Zeit nicht mehr durchführbar zu sein, wenn man nicht die Interessen der Katholiken auf anderen Gebieten, namentlich in Bezug auf das Schulwesen, außerordentlich gefährden will. Wenn die Katholiken für sich konfessionelle Schulen beanspruchen, werden sie Simul­tan- und freie Schulen konzedieren müssen, und sie werden sowohl als Parlamen­tarier bei der Schaffung entsprechender Gesetze sowie auch als Stadtverordnete bei der Schaffung der Einrichtungen selbst aktiv mitwirken müssen.

Wenn man aber gestattet, dass die katholischen Stadtverordneten bei der Einrichtung von freien Schulen mitwirken, so wird man gar nicht anders können, als ihnen auch wenigstens diese passive Mitwirkung - wenn man sie so nennen will - bei der Einrichtung von Krematorien zu gestatten. Ich kann auch nach wie vor nicht einsehen, woher ein Katholik das Recht nehmen soll, einem Prote­stanten oder Juden die Möglichkeit zu nehmen, für sich eine Bestattungsform anzuwenden, wie er sie für gut hält.

Ich darf mir wohl gestatten, auf diese Gesichtspunkte in mündlicher Ausspra­che nochmals zurückzukommen

und bin, hochverehrte Eminenz,

Ihr Ihnen wie immer ergebener

A[denauer]

Quelle: HAStK 902/103/1, Bl. 133, Kopie mit Paraphe. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 241.