14. Februar 1923: Schreiben an Reichskanzler Cuno, Berlin

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Ich gestatte mir, Ihnen anliegende Niederschrift, die vielleicht von Interesse für Sie ist, zu überreichen.

Mit verehrungsvollem Gruß

Ihr sehr ergebener

gez. Adenauer

[Anliegende Niederschrift:] Heute war der polnische Generalkonsul Eugen de Jordan Roswadowski bei mir. Er brachte nach einleitenden Bemerkungen das Gespräch auf die heutige politische Lage. Er sagte, er spreche nur persönlich. Er äußerte seine Meinung dahin, dass Frankreich sich verrechnet und den ersten Akt in dem Ruhrdrama verloren hätte. Er glaube aber, dass noch eine Reihe von Akten folgen würde. Frankreich sei mit seiner Ehre engagiert und würde, da die Franzosen sehr hartnäckige und zielbewusste Politiker seien, alles aufbieten, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Frankreich könne politische oder ökonomische Ziele verfolgen. Es scheine ihm, als wenn es mit der Verfolgung seiner politischen Ziele jetzt einen Fehlschlag erlitten hätte. Um so mehr werde es dann verlangen, dass es ökonomische Ziele erreiche. Falls es diese von Deutschland nicht bekom­me, werde es sicher wieder auf seine politischen Ziele zurückgreifen. Nach seiner Auffassung sei aber vielleicht die deutsche Großindustrie noch nicht reif für Verhandlungen. Es frage sich, ob die Großindustrie, die bisher nicht genügend getan habe, überhaupt gewillt sei, Frankreich materiell zu befriedigen. Er glaube, dass Frankreich eine Möglichkeit, sich mit Ehre aus der Sache zurückzuziehen, sehr willkommen sei. Man neige zu der Ansicht, dass Deutschland auf eine Entzweiung der Verbündeten spekuliere und deswegen den Widerstand leiste. Er glaube ferner, dass es in Deutschland Kreise gebe, die hofften, durch den Widerstand auf die Dauer einen allgemeinen europäischen Krieg zu entfachen, und dass aus diesem Deutschland dann gestärkt hervorgehen würde.

Ich habe ihm darauf folgendes erwidert. Man habe im Auslande die ökonomi­schen Möglichkeiten Deutschlands überschätzt. Sie seien jetzt mehr geschwun­den wie je. Was Frankreich eigentlich vorhabe, wisse Deutschland nicht. Gewisse amtliche Dokumente wie der Vertrag zwischen Frankreich und dem Zaren aus dem Jahre 1917 und wie ferner der Bericht des Herrn Dariak wiesen darauf hin, dass in einflussreichen politischen Kreisen Frankreichs in erster Linie eine Zerreißung Deutschlands erstrebt werde. Eine solche Zerreißung Deutschlands würde für ganz Europa eine Quelle fortwährender Kriege sein. In Deutschland glaubten, wie ich wisse, die entscheidenden amtlichen Kreise weder zurzeit an eine Intervention durch Amerika noch durch England. Deutschland sei ganz auf sich gestellt. Man sei sich in Deutschland vollkommen darüber klar, dass ein all­gemeiner europäischer Krieg sich auf seinem Boden abspielen würde und dass Deutschland nur Objekt, nicht Subjekt, in diesem Kriege sein würde, da es weder Gas, noch Tanks, noch Flugzeuge besitze und ein moderner Krieg durch diese 3 technischen Waffen doch entschieden würde. Deutschlands Leistungsfähigkeit würde naturgemäß durch die jetzigen Wirren noch erheblich weiter geschwächt, so dass Frankreich sich selbst schädige.

Der Generalkonsul bemerkte dann weiter, dass nach seiner Auffassung direkte Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland allein Aussicht auf Erfolg bieten würden und zur Herbeiführung dieser direkten Verhandlungen sei nach seiner Meinung niemand mehr berufen, wie der notleidende Teil Deutschlands, das besetzte Rheinland und die darin wohnenden führenden Leute. Ich habe ihm darauf erklärt, dass ich die Möglichkeit zu solchen direkten Verhandlungen nicht sehe. Zunächst seien in dem Versailler Vertrag, der ja doch grundlegend abgeändert werden müsse, wenn eine endgültige Reinigung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich erreicht werden sollte, 27 Staaten betei­ligt. Ferner wisse ich, dass Frankreich im Völkerbundsrat auf Anregungen von neutraler schwedischer Seite nicht eingegangen sei. Am allerwenigsten sei aber das besetzte Rheinland der gegebene Vermittler. Das besetzte Rheinland könne nichts weiter tun, als alle Leiden geduldig auf sich nehmen und den maßgeben­den Berliner Stellen die Entscheidung in allen Fragen zu überlassen.

Der Generalkonsul sprach dann noch davon, dass man in Polen befürchte, dass Deutschland sich mit der Sowjet-Republik verbünden und für den Schaden, der ihm hier im Westen angetan werde, Ersatz im Osten suchen würde. Er wisse aufs bestimmteste - der jetzige polnische Ministerpräsident sei sein Schulkamerad -, dass man in Polen durchaus friedliebend gesinnt sei, da Polen saturiert sei. Ich habe ihm erklärt, dass in Deutschland kein vernünftiger Mensch an so etwas dächte. Man habe alle Hände voll vom Abwehrkampf am Rhein und an der Ruhr und denke nicht daran, sich noch einen Kampf im Osten zuzuziehen.

Er frug mich dann zum Schlusse, ob er den Inhalt dieser Unterredung seiner Regierung mitteilen könnte. Ich habe ihm erwidert, ich hätte lediglich als deut­scher Privatmann zu ihm gesprochen. Ich stellte ihm aber anheim, wenn er Wert darauf lege, diese Ansichten eines deutschen Privatmannes seiner Regierung weiterzugeben.

Quelle: HAStK 902/253/3. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 218-220.