16. Juni 1923: Schreiben an Freiherr von Cramer-Klett

Sehr geehrter Herr Freiherr!

Die Ihnen gewordenen Mitteilungen sind nicht in vollem Umfange zutreffend. Mir ist nicht unerhebliche Zeit nach dem Münchener Katholikentag von einer sehr hohen Reichsstelle erklärt worden, dass der damalige Reichskanzler sich beim päpstlichen Stuhl über die Haltung des Herrn Kardinals Faulhaber in politischen Dingen beschwert habe, von Rom aus sei dann Herr Kardinal Faulhaber entsprechend verständigt worden. Diese mir von einer abso­lut kompetenten, sehr hohen Stelle gemachte Mitteilung habe ich nicht etwa, wie Sie anzunehmen scheinen, „verbreitet", d.h. wahllos weitergegeben, sondern bin nur bei wenigen Gelegenheiten, meiner Erinnerung nach in zwei oder drei Fällen, in ganz kleinem, vertraulichem Kreise, der sich mit den allgemeinen politischen Verhältnissen pflichtgemäß beschäftigte, darauf zurückgekommen. Dieser Mit­teilung habe ich hinzugefügt, dass nach mir gewordenen Mitteilungen von anderer Stelle Herr Kardinal Faulhaber sich in der letzten Zeit von politischen Dingen vollständig zurückgehalten habe. Von der Haltung des Kardinals Faulhaber am Katholikentag selbst ist in der mir von der Reichsstelle gewordenen Mitteilung keine Rede gewesen und ich habe davon ebenfalls nicht gesprochen. Ich weiß auch nicht, ob die Beschwerde des damaligen Reichskanzlers sich auf Vorgänge bei Gelegenheit der Katholiken-Versammlung bezogen hat.

Ich bin in ausgezeichneter Verehrung
Ihr sehr ergebener
Adenauer, Oberbürgermeister

Quelle: Masch.-schriftl. Ausfertigung; eigenhändige Unterschrift. - Archiv des Erzbistums München und Freising, Nachlass Faulhaber Nr. 3503. Abdruck in: Stehkämper, Hugo: Konrad Adenauer als Katholikentagspräsident 1922. Form und Grenze politischer Entscheidungsfreiheit im katholischen Raum (Adenauer-Studien IV). Mainz 1977, S. 122.